Musizieren macht nicht nur Freude, sondern stärkt Leib und Seele

Krautheim/Künzelsau  Die Andreas-Fröhlich-Schule stellt ein Klavierprojekt vor, das auf Forschungen der Münchner Neuroorthopädin Prof. Dr. Renée Lampe beruht.

Von Barbara Griesinger
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Andreas-Fröhlich-Schule stellt Klavierprojekt vor, da auf Forschungen der Münchner Neuroorthopädin Prof. Dr. Renée Lampe beruht

Daniel mit seiner Klavierlehrerin bei seinem großen Auftritt am Musikfest von Menschen mit Behinderung.

Fotos: Barbara Griesinger

Ein bisschen aufgeregt ist Daniel schon. Schließlich ist es sein erster Auftritt am Klavier vor Publikum. Aber das sieht man dem 16-Jährigen aus der Krautheimer Andreas-Fröhlich-Schule nicht an. "Auf die Tasten gucken und nicht ins Publikum", verrät er sein Anti-Lampenfieber-Rezept beim Musikfest von Menschen mit Behinderung. Dann lenkt er seinen Rollstuhl im Alma-Würth-Saal zum Steinway-Flügel. Dort sitzt Klavierlehrerin Elisabeth Stärkel und nickt ihm aufmunternd zu.

Spielen mit Handkante

Er spielt den Cancan aus Jacques Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt". Er spielt ihn etwas langsamer, aber flüssig, auch wenn seine Hände aufgrund seiner Beeinträchtigung nicht so geschmeidig über die Tasten fliegen können. Und wenn der kleine Finger seiner rechten Hand eine Taste nicht spielen kann, dreht Daniel schnell die Hand und benutzt die Handkante - das merkt nur, wer ganz genau hinguckt. Applaus brandet auf, Daniel strahlt und ist sicher: "Ich werde alle Gelegenheiten nutzen, um öffentlich zu spielen."

Vorteile für Kinder mit körperlichem und motorischen Förderbedarf

Um Kinder zu fördern, die unter den Folgen von Cerebralparese, einer frühkindlichen Gehirnschädigung, leiden, hat die Neuroorthopädin Professor Dr. Renée Lampe 2008 ein spezielles Klavierprojekt entwickelt. Es hilft, Folgeschäden wie Motorik-, Wahrnehmungs- und Sprachstörungen, Spastik, Lernbeeinträchtigungen und Verhaltensauffälligkeiten zu verbessern. Dank der Stiftung Würth kann die Andreas-Fröhlich-Schule, das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum in Krautheim, Schülern mit körperlichem und motorischem Förderbedarf wie Daniel seit dem Schuljahr 2012/13 diese Möglichkeit bieten. Es ist das einzige Klavierprojekt nach Renée Lampes Münchner Vorbild in ganz Deutschland. Neben Daniel, der von Anfang an dabei ist, profitieren davon derzeit elf weitere Schüler.

Andreas-Fröhlich-Schule stellt Klavierprojekt vor, da auf Forschungen der Münchner Neuroorthopädin Prof. Dr. Renée Lampe beruht

Carmen Würth (r.), Rektorin Daniela Payer (l.) und Klavierlehrerin Elisabeth Stärkel (Mitte) mit den Jungs vom Klavierprojekt (v.?l.) Ringo, André, Lucas, Dominic und Daniel. Hinten: Mitarbeiter der Würth-Stiftung.

Verbesserung für Fingermotorik, Koordination und Konzentration

"Es ist nicht nur die Fingermotorik und die Koordination, die sich durchs Klavierspiel verbessert", weiß Schulleiterin Daniela Payer. Auch Konzentration und Gedächtnis verbesserten sich, und das Selbstbewusstsein der Schüler wachse. "Sie alle sind gewachsen und gefestigt", fasst sie zusammen. Und die Eltern seien sehr dankbar für das Projekt, zumal die meisten Schüler sonst keinen Klavierunterricht erhalten könnten. "Die Zeit wäre dafür viel zu knapp, da wir eine Ganztagsschule sind."

Klavierspiel als Reha-Methode

"Musik macht Freude und bewirkt sehr viel", sagt Renée Lampe. Dass vor allem das Klavierspielen als Rehabilitationsmethode eingesetzt werden kann, konnte die Neuroorthopädin mit ihrem Team in Studien wissenschaftlich nachweisen. Dabei wurden Aktivitäten im Gehirn, die bei der Bewegung der Finger entstehen, mit funktioneller Magnetresonanztomografie untersucht. "Wir konnten erfreulicherweise die positiven Einflüsse auf die Handmotorik und neuroplastische Veränderungen im Gehirn feststellen. Eine stärkere Vernetzung zwischen den Gehirnarealen konnte nachgewiesen werden", so die Neuroorthopädin.

Das Beste, was man mit Kindern tun kann

Ganz abgesehen von der Freude, die gerade Menschen mit Handicap an Musik haben. Das kann auch Klavierlehrerin Elisabeth Stärkel bestätigen. Sie betreut die Schüler des Krautheimer Projekts. Mit farbig gekennzeichneten Tasten und einfachen Melodien führt sie ihre Schüler, die zunächst keine Noten lesen können, ans Klavierspiel heran und staunt immer wieder über ihre körperlichen wie geistigen Fortschritte und den Eifer beim Üben. "Musik", davon ist sie überzeugt, "ist das Beste, was man mit Kindern tun kann."

Steinway-Flügel zum Schulfest?

Manch einer wächst dabei sogar über sich hinaus. Fasziniert, vom Klang des Steinway-Flügels, der das E-Piano der Schule weit übertrifft, sagt Daniels Projektkamerad André, der die Schule bald verlässt: "Den hätte ich gern für unser Abschiedsfest." - und fragt Carmen Würth, ob sich das machen lässt. Ihre Antwort: "Das werden wir uns überlegen."


Klavierprojekt

Professor Dr. Renée Lampe, Inhaberin der Markus-Würth-Stiftungsprofessur an der TU München und selbst begeisterte Pianistin, war schon früh überzeugt, dass Klavierspiel wegen der vielfältigen Stimulation der Wahrnehmungsareale und Training der Motorik eine ernstzunehmende Rehabilitationsmethode darstellen kann. 2008 startete sie ein erstes Klavierprojekt am Münchner Integrationszentrum für Cerebralparese. Das Klavier hat sich als besonders geeignetes Instrument erwiesen, weil es nicht gehalten und der Ton nicht gebildet werden muss. Zudem erhalten die Schüler ein unmittelbares Feed-back, wie veränderte Fingerbewegungen das Klangbild verändern. Studien belegen nicht nur positive Einflüsse des Klavierspielens auf Handmotorik und neuroplastische Veränderungen im Gehirn. Nach dem Training hatten Projektteilnehmer, die anfangs auf- und absteigende Tonleitern mit fünf Fingern nicht allzu koordiniert spielen konnten, ein wesentlich koordinierteres Bewegungsmuster entwickelt, das dem physiologischen Bild einer uneingeschränkten Bewegung sehr nahekommt.


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