Kurz vor "Manege frei!": Zirkus Charles Knie in Öhringen

Öhringen  Der Zirkus Charles Knie bietet drei Tage lang eine Weltklasse-Show auf der Öhringer Herrenwiese. Wir haben vor der Premiere im Zirkus-Dorf umgeschaut.

Von Christian Nick

Kurz vor "Manege frei!"

Nur schnell rein mit der Kiste! Dutzende Helfer aus der Aufbau- und Montagetruppe des Zirkus Charles Knie geben gestern Vormittag mächtig Gas, damit heute um 16 Uhr zur ersten Vorstellung im Zelt auf der Herrenwiese alles fertig ist.

Fotos: Christian Nick

 

Es wirkt fast ein wenig, als hätten seine braunen Augen über die Jahre selbst etwas Katzenhaftes bekommen. Aufmerksam blitzen sie dem Gesprächspartner entgegen: Alexander Lacey, Tierlehrer und mehrfach preisgekrönter Weltstar der Raubtierdompteur-Szene, hat auf Metallteilen im Schatten Platz genommen. Ganz unprätentiös. Am Nachmittag zuvor saß die diesjährige Programm-Koryphäe des Zirkus Charles Knie mitsamt den knapp 100 weiteren Artisten, Tierpflegern, Technikern und Montagearbeitern noch in Kaiserslautern.

Den Kopf im Löwenmund

Nun, nur rund 18 Stunden später, steht das Zelt auf der Herrenwiese bereits fast komplett. Es ist Laceys Refugium. Und das seiner 14 Großkatzen. Wenngleich er sagt: "Am meisten Erfüllung finde ich im Training mit den Tieren." Lacey ist sich nicht zu schade, selbst beim Gehege-Aufbau mitzuarbeiten, trägt noch die Arbeitshandschuhe. Einst galt er als jüngster Raubtierdompteur der Welt. Da war er 17. Irgendwann mal Angst gehabt, Mr. Lacey? "Niemals. Nicht weil ich besonders furchtlos bin, sondern weil ich jede Regung und Gefühlslage meiner Tiere verstehe." Das sollte jemand auch tun, der seinen Kopf in das Maul eines 500-Kilo-Löwen steckt.

Kurz vor "Manege frei!"

...um dann im Zelt Vollgas zu geben, das Jonuts Calin federführend errichtet hat.

 

500 Auftritte absolviert Lacey mit seinen sieben Tigern, sechs Löwen und einem Leoparden in diesem Jahr. Tausende hat er schon in den Knochen - und im April lief in Stendal etwas schief: Eine Löwin verletzte ihn per Prankenschlag an der Hand. "Unfälle passieren", beschwichtigte der Zirkus danach - auch wenn Lacey den Dompteur nicht nur im Blut, sondern auch in den Genen hat: Seit 50 Jahren trainiert seine Familie bereits Großkatzen, von denen er sagt: "Sie haben eine Seele und wären eifersüchtig, wenn ich eine bevorzugen würde."

Zirkus mit Wildtieren? Das ist für Alexander Lacey keine Tierquälerei: "Ich weiß und versichere, dass meine Tiere glücklich sind, denn ich verstehe ihre Körperreaktion und Kommunikation untereinander."

Schrecksekunde unterm Zirkusdach

Weiter geht es über die rund 20 000-Quadratmeter-Fläche, welche der Zirkus mit seinen 200 Fahrzeugen und Wohnwagen auch dringend benötigt. Pressesprecher Patrick Adolph hat die Führung übernommen. Gerade wird damit begonnen, die Sitzeinrichtung in das 38,5-Meter-Zelt zu bugsieren. Das Flugtrapez, an dem die Artisten in wenigen Stunden vierfache Salti zeigen werden, hängt bereits. Da darf kein Monteur ran, erzählt Adolph: Die Sportler kümmern sich selbst um den eisernen Faden, der ihre Lebensversicherung ist.

Patrick Adolph, Zwei-Meter-Hüne mit ostdeutschem Zungenschlag, ist ein Routinier, war einst noch mit dem DDR-Staatszirkus unterwegs - und bestreitet gerade seine 31. Tournee. Was hat sich in all den Jahren verändert? "Die Tierhaltung hat sich drastisch verbessert und die Mechanisierung erleichtert heutzutage viele Arbeiten enorm."

Das stimmt: Denn auch das Zirkusdach soll per Kran nach oben gehievt werden. Gerade jedoch als Zeltmeister Jonuts Calin - der an seiner Maschine alle Vorgänge kontrolliert und synchronisiert - vorgestellt worden ist, senkt sich die blaue Plane urplötzlich wieder auf die Köpfe hernieder. Nichts für Klaustrophobiker! Mehrere Leute heben das schwere Plastik an - und bahnen den Fluchtweg ins Freie. Puh!

Ein Leben auf der Rolle

Kurz vor "Manege frei!"

−...auch Hengst Candido wird von Janine van der Gathen perfekt vorbereitet,...

 

So stickig wie gerade wird es für die Zuschauer im 1440-Mann-Zelt indes an den kommenden drei Vorstellungstagen nicht werden: "Wir sorgen für ausreichend Luftzirkulation", versichert Adolph. Und: "Den Tieren macht die Hitze nichts."

Weiter geht's zu Janine van der Gathen, Pferdestallmeisterin und Assistentin von Marek Jama, der mit sechs Ponys sowie zwölf Friesen- und Araberhengsten in die Manege einreiten wird. Die junge Frau ist 31 - und ein Zirkuskind, geboren "an einem Reisetag". Ein Leben auf Rollen und im Pferdestall: Hat sie manchmal Sehnsucht nach etwas anderem? "Nur selten, aber Urlaub im Sommer wäre mal sehr schön," sagt sie, während sich die Schweißperlen ihren Weg über die Haut bahnen. Das freilich kann sie sich abschminken, denn dem fahrenden Bespaßungsunternehmen stehen in dieser Saison nach dem Gastspiel auf der Herrenwiese noch rund 20 weitere Auftritte bevor.

Die Vorstellungen auf der Herrenwiese

Die Ouvertüre zum dreitägigen Gastspiel in Öhringen bildet die große Familienvorstellung am heutigen Freitag ab 16 Uhr. Für die erste Show gilt ein Einheitspreis von zehn Euro auf allen Plätzen. Logen kosten zur Premiere 15 Euro. Am gleichen Tag gibt es um 20 Uhr dann die erste reguläre Vorstellung. Weitere folgen am Samstag (16 Uhr sowie 20 Uhr) sowie am Sonntag um 11 Uhr und um 15 Uhr. Karten für das Manegen-Spektakel gibt es an der Zirkuskasse sowie über die Tickethotline unter Telefon 0171 946 2456 und online unter www.zirkus-charles-knie.de.