Kampf dem toten Winkel: Abbiegehilfe im Praxistest

Neuenstein  Die Spedition Ihro aus Neuenstein erprobt Assistenzsysteme für Lastwagen, um Unfälle zu vermeiden. Das Unternehmen nimmt damit an einem landesweiten Pilotprojekt teil. Erste Ergebnisse liegen bereits vor.

Von Heiko Fritze

 

Zurzeit hat sie 20 Kameras im Einsatz, bald könnten es noch zehn mehr sein und außerdem noch 20 Radarsysteme. Das Ziel ist stets dasselbe: Die neuen technischen Helfer sollen dazu beitragen, dass es keine Unfälle mehr gibt, wenn Lastwagenfahrer rechts abbiegen und dabei neben ihnen fahrende Verkehrsteilnehmer, zum Beispiel Radfahrer, übersehen. Die Spedition Ihro ist bei diesem Pilotprojekt des Landes Baden-Württemberg ein regionaler Teilnehmer.

Schon einmal in einen solchen Unfall verwickelt

Denn solch einen Unfall hat ein Fahrer des Neuensteiner Unternehmens schon einmal erleben müssen: In Ingolstadt fuhr er vor einigen Jahren beim Abbiegen - in der Dunkelheit, bei regennasser Straße - einen Radfahrer um, den er einfach nicht gesehen hat, erzählt Kai Schmuck. "Manchmal hat ein Fahrer keine Chance, da kann er noch so vorsichtig schauen", sagt der Leiter Geschäftsentwicklung. Für den Radfahrer hatte der Unfall böse Folgen - der Mann, damals Mitte 20, ist heute querschnittsgelähmt.

Kameras haben auch Nachteile

Abbiegehilfe im Praxistest
Mit einem Radarsystem, montiert vor der Hinterachse, soll der Sattelzug überwacht werden.

Damit dies nicht mehr vorkommt, hat sich die Spedition zur Teilnahme am "Feldversuch zur Erprobung von 500 Lastkraftwagen mit Abbiegeassistenten in Baden-Württemberg" entschlossen. Start war vor etwa einem Jahr, damals erhielt Ihro 20 Kameras, die an der rechten Seite des Führerhauses angebracht sind. Regelmäßig werden seitdem die Erfahrungen abgefragt, berichtet Fuhrparkverwalter Simon Baumann. Das Ergebnis stimmt ihn aber nicht ganz zufrieden.

"Mit den Kameras wird nur der Bereich rund ums Führerhaus erfasst", erklärt er. "Der hintere Teil des Aufliegers ist dadurch nicht einsehbar." Dennoch werde die Spedition an zehn weiteren Zugmaschinen Kameras einbauen, die ihr im Rahmen des Projekts vom Land zusätzlich angeboten wurden, kündigt er an - lieber etwas mehr Schutz als gar keiner. Philosophie der Spedition sei schließlich, grundsätzlich alle verfügbaren Sicherheitssysteme auch einzusetzen. "Man stellt sich das aber so vor, dass solch ein Assistent die gesamte Seite des Sattelzugs überwacht", sagt Baumann. "Unsere Erkenntnis ist: 80 Prozent dieser Systeme im Test sind untauglich."

Warten auf die Betriebserlaubnis

Die Hoffnungen von Kai Schmuck und Simon Baumann richten sich viel mehr auf ein Radarsystem, das demnächst mit 20 nagelneuen Sattelzügen ausgeliefert werden soll: Der Hersteller Daimler hat es entwickelt und bietet es optional an. Das Radargerät ist vor der Hinterachse der Zugmaschine installiert und kann so nicht nur den Bereich der Zugmaschine, sondern auch jenen bis hinter den Auflieger überwachen, erläutert Schmuck.

Zusätzlicher Anreiz: Mit diesem System ausgestattete Sattelzüge dürfen 1,30 Meter länger sein als bislang erlaubt, 14,90 statt 13,60 Meter. Das sind zwar nicht ganz Gigaliner-Ausmaße, aber dennoch muss erst noch die dafür nötige Erlaubnis vorliegen - sie wird in den nächsten Tagen erwartet. Erst dann können die Fahrzeuge beim Hersteller abgeholt werden - "dort stehen sie schon auf dem Hof", erzählt Schmuck. Übrigens - einen Gigaliner hat Ihro mittlerweile auch im Einsatz.

Auflieger mit LED-Beleuchtung

Abbiegehilfe im Praxistest
Kameras zeigen auf einem Display im Führerhaus das Umfeld an.

Aber nicht nur Überwachungssysteme sollen für Sicherheit sorgen, indem sie dem Fahrer in der Kabine anzeigen, ob jemand gerade neben ihm im toten Winkel fährt. Für die überlangen Auflieger sei auch eine LED-Beleuchtung vorgeschrieben, die zusammen mit dem normalen Blinker betätigt wird und aufleuchtet, wenn abgebogen wird. "Das soll Verkehrsteilnehmer neben dem Fahrzeug zusätzlich warnen, sodass sie Abstand halten", erklärt Schmuck.

Ihro ist die Ausnahme

Ihro ist übrigens eher die Ausnahme unter den Test-Teilnehmern in Baden-Württemberg. Denn das Projekt richtet sich vor allem an Fuhrunternehmen, die viel in Städten unterwegs sind - Bauhöfe, Müllentsorger oder Supermarkt-Anlieferer. Ihro bestreitet den Großteil seiner Fahrten zwar von Gewerbegebiet zu Gewerbegebiet, berichtet Kai Schmuck. Aber einige Fahrzeuge müssen auch häufig in Städte hinein - und diese wurden mit den Kameras ausgerüstet. Der Test geht nun weiter.

 
 

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