Hohenloher zieht es in die Wahllokale

Hohenlohe  Schon am Vormittag zeichnet sich eine vergleichsweise hohe Wahlbeteiligung im Hohenlohekreis ab. Zu bestimmten Uhrzeiten ist besonders viel los in den Wahllokalen.

Von Yvonne Tscherwitschke und Thomas Zimmermann

 

Vorläufiges Ergebnis der Europawahl im Hohenlohekreis

Vorläufiges Ergebnis der Kreistagswahl im Hohenlohekreis

 

 

 

Stimmen verteilen von 8 bis 18 Uhr

Jochen Scheuber (links) und Matthias Förnzler kontrollieren, dass jeder, der seine Stimmen abgeben will, auch im Wählerverzeichnis der Gemeinde Bretzfeld steht.

Foto: Yvonne Tscherwitschke

Um acht Uhr hat der erste Wähler das Wahllokal in der Bitzfelder Sporthalle betreten. "Seither geht es Schlag auf Schlag", berichtet Rolf Kern. Der Bitzfelder Ortsvorsteher ist fast den ganzen Tag in der Halle, um die Wahl zu beaufsichtigen. Er sagt: "Die Wahlbeteiligung ist super". Denn um die Mittagszeit waren schon mehr als 40 Prozent der Wahlberechtigten da, um ihre vielen Stimmen abzugeben.

Das ist gar nicht so einfach bei der Europa-, Kreistags- und Kommunalwahl. "Herrje, so viele Zettel", schimpft eine Frau in der Nachbarkabine. Was gehört in welchen Umschlag? Die Farben helfen.

Schlangen bilden sich vor den Kabinen

Damit die Schlangen vor den Wahlkabinen nicht gar zu lang werden, haben die Wähler ihre Zettel zum Glück zum Großteil schon zu Hause ausgefüllt. Denn bei 22 Stimmen, die in Bretzfeld vergeben werden dürfen, muss man gut aufpassen, dass die Zettel ihre Gültigkeit behalten, man nicht zu viele Stimmen vergibt im Eifer des Gefechts.

 

Europawahl im Hohenlohekreis

33,5

19,5

12,9

11,9

8,4

2,5

Wahlbeteiligung:

62,5 %

(2014: 51,5 %)

42,6

9,6

23,6

7,1

4,6

3,6

2014

2019

CDU

Grüne

SPD

AfD

FDP

Linke

+9,9

Gewinne und Verluste

+4,8

+3,8

-1,1

-9,1

-10,7

HSt-Grafik, Quelle: Landratsamt Hohenlohekreis

Stimmenanteil in Prozent

Europawahl im Hohenlohekreis

Wahlbeteiligung: 62,5 % (2014: 51,5 %)

33,5

19,5

12,9

11,9

8,4

2,5

42,6

9,6

23,6

7,1

4,6

3,6

2014

2019

CDU

Grüne

SPD

AfD

FDP

Linke

+9,9

-9,1

+4,8

+3,8

Gewinne

und Verluste

-1,1

-10,7

HSt-Grafik, Quelle: Landratsamt Hohenlohekreis

Stimmenanteil in Prozent

Einfacher ist da die Europawahl. Hier darf jeder nur eine Stimme vergeben. Und das, obwohl der Zettel fast einen Meter lang ist. "Die Europawahl wird noch gleich im Wahllokal ausgezählt", sagt Rolf Kern. Die Unterlagen zur Kreistagswahl aber tragen die Wahlhelfer nach Bretzfeld ins Rathaus. Dort wird dann ermittelt, wer künftig im Kreistag sitzt. "Montag ist dann der Gemeinderat dran", haben die Wahlhelfer viel Arbeit vor sich.

Großer Andrang gegen Mittag 

In der Stadt Niedernhall ist der Andrang um 13 Uhr riesengroß. Im Rathaus sind alle elf Wahltische besetzt. Vor den Urnen bildet sich eine lange Schlange. "Wir hatten sogar den einmaligen Fall, dass schon vor der Öffnung des Wahllokals 15 Wähler vor der Tür standen und wählen wollten", schildert der Niedernhaller Hauptamtsleiter Alfons Rüdenauer.

Stimmen verteilen von 8 bis 18 Uhr

Margret Lang gibt ihre Stimmen ab. In Niedernhall bilden sich um die Mittagszeit vor den Urnen, die Hauptamtsleiter Alfons Rüdenauer beaufsichtigt, lange Schlangen.

Foto: Thomas Zimmermann

"Ich gehe grundsätzlich wählen", sagt Gabriele Carle, die ihre drei Umschläge bereits in die Urne gesteckt hat und auf dem Rathausbalkon die Sonne genießt. "Ich bin sehr gespannt, wie die Wahl ausgeht und werde die Ergebnisse heute Abend im Fernsehen verfolgen", so die 66-Jährige gut gelaunt.

Eine stolze Wählerin, die zum ersten Mal teilnehmen darf

"Ich bin heute sicher die stolzeste Wählerin in Niedernhall", schwärmt Marcia Bauer. Die gebürtige Brasilianerin, die seit Mai 2017 die deutsche Staatsbürgerschaft hat, darf zum ersten Mal wählen. Und nicht nur das, sie kandidiert auch für die Grünen für den Kreistag. "Das ist einfach ein tolles Gefühl", betont die 50-Jährige.

"Ich gehe davon aus, dass die Wahlbeteiligung größer ist als vor fünf Jahren", sagt Rüdenauer. Damals gingen in Niedernhall rund 52 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl. Auch in Weißbach wird fleißig gewählt. Zwar bilden sich im Rathaus der 2000 Einwohner zählenden Gemeinde keine Schlangen, die Menschen kommen aber kontinuierlich ins Wahllokal, um ihre Stimme abzugeben. "Es ist einfach wichtig, zu wählen und seine Meinung zu vertreten", betont die 24-Jährige Linda Wolf nach der Stimmabgabe. Das sieht Tobias Eßer ganz genauso. "Wer nicht wählt, darf hinterher auch nicht meckern", sagt der 40-Jährige.

Bei der Kommunalwahl hat Eßer sich die Kandidaten in der Kochertalgemeinde genau angeschaut. "Ich orientiere mich bei der Entscheidung an den Personen und nicht an den Parteien", unterstreicht er. Auch in Weißbach könnte die Wahlbeteiligung höher ausfallen, als 2014. "Wir haben mit den Briefwählern bisher rund 33,5 Prozent", sagt Werner Grüb, der die Wahl beaufsichtigt, um die Mittagszeit. Vor fünf Jahren lag die Wahlbeteiligung in der Gemeinde bei insgesamt 54, 1 Prozent.

Eine hohe Wahlbeteiligung zeichnet sich auch im Öhringer Wahllokal im Hohenlohe-Gymnasium Öhringen ab. Kurz vor 18 Uhr bilden sich hier nochmals Schlangen. Die Wahlkabinen hinter kleinen Tafeln sind ab 17.30 durchgängig belegt. Punkt 18 Uhr ist das Wahllokal leer. Die Türe wird abgeschlossen. Michael Walter leert die erste Urne mit den Zetteln der Europawahl aus. Es wird gezählt.


Kommentar von Yvonne Tscherwitschke: Zukunft gewählt
 

Bei einer Vorab-Wahl an der Uni Mannheim hat sich gezeigt: Keiner der Studenten hat den Volksparteien seine Stimme gegeben. Die Jugend traut CDU und SPD nicht zu, Antworten auf die anstehenden Fragen zu finden. Das zeigen auch die Friday-for-Future-Demonstrationen in Künzelsau deutlich. Die Jugend hat Angst um ihre Zukunft. Sie sehen, es ist fünf vor zwölf.

Doch statt zukunftsweisender Konzepte, bieten die etablierten Parteien nur Personalpoker, Ibiza-Skandal und beleidigte Floskeln an. Die Quittung bekommt die CDU sogar im ländlich-treuen Hohenlohe. Verluste von um die zehn Prozentpunkte wie in Schöntal, Öhringen und Bretzfeld sind eine Ansage, die schmerzt.

Ein Glück: Die Jugend und all die Menschen, die für ihre Kinder und Enkel eine lebenswerte Zukunft wünschen, haben sich auch in Hohenlohe vom Unvermögen und Sattsein der etablierten Parteien nicht wie befürchtet dazu hinreißen lassen, stark rechts zu wählen. Es war zu befürchten. Doch tatsächlich hielt sich der Zuwachs der AfD in Grenzen.

Der Gewinn der Grünen, die auch in Hohenlohe zweitstärkste Kraft geworden sind und zum Teil deutlich über zehn Prozentpunkte zugelegt haben, wiegt deutlich schwerer und gibt den Agierenden bei der hohen Wahlbeteiligung von zum Teil mehr als 74 Prozent einen klaren Auftrag für die nächsten Jahre mit: Weniger Personaldebatten, dafür zukunftsfähige Konzepte für das Wohnen, das Arbeiten und die Mobilität der Zukunft.

 
 

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