Hohenloher sind zu Hundert Prozent Franken

Neuenstein  An der Grenze zu Schwaben und von Württemberg vereinnahmt: Da stellt sich schon mal die Frage nach der Identität. Historiker Kurt Andermann hat sie bei seinem Vortrag im Hohenlohe-Zentralarchiv eindeutig geklärt.

Von Torsten Büchele
Email
Waldenburg liegt am Rand des Schwäbisch-Fränkischen Walds. Der Blick fällt auf Hohenlohe und Franken, nur wenige Kilometer südlich beginnt schon Schwaben. Foto: privat

Hohenlohe grenzt im Süden an Schwaben und im Nordosten an Bayerisch-Franken. Irgendwann fragt sich jeder Hohenloher: Was bin ich?

Historiker Kurt Andermann aus Freiburg klärte die komplexe Frage der Identität im Hohenlohe-Zentralarchiv in Neuenstein. Sein Vortrag war wissenschaftlich geprägt und trotzdem verständlich. Andermanns Antwort im vollen Saal mit 75 Leuten war eindeutig: Hohenloher sind Franken.

Die fränkischen Hohenloher gaben dem Land ihren Namen

Das fränkische Adelsgeschlecht der Hohenloher trat um 1150 in Weikersheim erstmals unter diesem Namen auf. Er geht zurück auf die nicht mehr existierende Burg Hohlach im heutigen Kreis Neustadt an der Aisch in Bayern. Von der Tauber aus dehnten sie ihr Herrschaftsgebiet über Jagst und Kocher bis an Ohrn und Brettach aus.

Genau wie die Württemberger, aber im Gegensatz zu den Wittelsbachern in Bayern gelang den Hohenlohern Entscheidendes: Sie gaben dem Land ihren Namen. Hohenlohe war lange Zeit eine Herrschaftsbezeichnung, erst im 19. Jahrhundert wurde es zum Begriff für Landschaft und Naturraum.

Die Hohenloher Mundart ist ostfränkisch

Im Reichstag des Heiligen Römischen Reiches saßen die Hohenloher Fürsten auf der Bank des fränkischen Reichskreises. Im Mittelalter gehörten die Kirchen zum fränkischen Bistum Würzburg. Die Grenzen der Diözesen entsprachen in etwa den alten Stammesgebieten. Die Hohenloher Mundart ist eine ostfränkische.

Hohenloher Adlige wurden Bischöfe in Würzburg, Worms und Bamberg, selten im schwäbischen Augsburg, in Basel oder Konstanz. Sie heirateten Frauen aus Franken und vom Rhein, selten aus Schwaben. Hochzeiten der Hohenloher Linien untereinander gab es zahlreiche.

"Sie waren so weit verzweigt, dass man nicht von Inzest sprechen kann", erklärt Andermann. Die Allianzen seien nicht landsmannschaftlichen Präferenzen geschuldet, fügt er hinzu, sondern aus wirtschaftlichen und politischen Erwägungen entstanden. Die Hohenloher dachten hundertprozenig fränkisch.

Viele Linien, wenig Macht

Hauptstraßen in Hohenlohe führten von Westen nach Osten, von rheinischem in fränkisches Gebiet, und nicht nach Süden gen Schwaben. "Der Schwäbisch-Fränkische Wald im Süden verstellte den Blick und behinderte allzeit den Verkehr."

Hohenlohe hatte es durch mehrfache Teilungen seiner Linien versäumt, eine politische Macht zu werden. 1806 übernahm Württemberg das Land von sechs Hohenloher Linien, Schillingsfürst ging an Bayern - "aber nicht an Schwaben".

 

Der Frage Schwaben oder Franken ist unsere Redaktion schon häufiger nachgegangen. Etwa in dieser Geschichte:

Info: Bei den meisten Geräten springt die Geschichte nach dem Eingangsvideo direkt zum nächsten Kapitel. Bei Apple-Geräten kann es sein, dass im Video ein Klick auf "Fertig" nötig ist, um das folgende Kapitel zu erreichen.

 

Zwischen schwäbischem Stammesgebiet im Mittelalter und württembergischem und bayerischem Staatsgebiet in der Neuzeit "liegt ein grundlegender Unterschied. Ihn nicht zu kennen ist historischer Unverstand", schimpft Andermann.

Zersplitterung der Bauernhölfe, Verarmung der Region

Zuvor waren die Hohenloher den Württemberger Adligen an Rang gleich. Doch König Friedrich tat alles, um seine Vorherrschaft durchzusetzen: Er ernannte neue Grafen, die er bei Staatsämtern bevorzugte. Die Einführung des württembergischen Erbrechts, der Realteilung, führte zur Zersplitterung der Bauernhöfe in Hohenlohe und zur Verarmung einer Region.

Kunst und Kultur, die an den Hohenloher Residenzen florierten, gingen darnieder - und gaben den Württembergern genug Gründe, um auf das vermeintlich rückständige Volk im Norden geringschätzend herabzublicken. Geblieben sind die religiöse Toleranz, die Vielfalt der Lebensformen sowie der kulturlandschaftliche Reichtum des Landes der Burgen und Schlösser, die sich als Vorteile aus der Zersplitterung Hohenlohes in seine Linien ergeben hatten.

Der widerständige Rebellengeist ist geblieben

"Das war der Lohn für die Aufgabe der Macht", erklärt der Dozent -und ein schlitzohriger, latent widerständiger Rebellengeist. Im Laufe der Jahre vermischten sich in den Randgebieten die Dialekte. Im Kulinarischen sind die Schwaben noch weiter vorgedrungen: Den Rostbraten genießt man auch hier, und das Hohenloher Leibgericht aus Maultaschen, Spätzle und Bubenspitz heißt anderswo Heilbronner oder Herrenberger Leibgericht.

"Es wurden aber nicht gezielt Schwaben ins Land reingepumpt", so Andermann. "Es war eine Diffusion in beide Richtungen. Die Grenzen waren nie scharf, heute sind sie obsolet."

 

Kommentar hinzufügen