Hohenlohekreis lässt die Finger von eigener Glasfaser-Autobahn

Hohenlohe  Der Kreis beschränkt sich statt dessen darauf, die 16 Städte und Gemeinden bei ihren Ausbauplänen zu unterstützen. Ein Koordinator soll die Kommunen beraten, um schnelles Internet flächendeckend zu sichern. Die entsprechende Stelle wird zum 1. März geschaffen.

Von Ralf Reichert

Hohenlohekreis lässt die Finger von eigener Glasfaser-Autobahn

Der Hohenlohekreis baut und betreibt eine eigene Glasfaser-Autobahn, um schnelles Internet bis ins letzte Dorf zu bringen: Dieses Konzept stand im Landratsamt lange auf dem Zettel.

Jetzt hat sich der Kreis davon verabschiedet und wird ab 1. März die 16 Städte und Gemeinden lediglich beraten und deren Anstrengungen beim Ausbau des Breitbandnetzes koordinieren. Dafür wird eine Vollzeitstelle geschaffen. 13 von 16 Kommunen hatten diesen Wunsch geäußert.

Kreisrat Züfle: "Haben das Thema verschlafen"

Im zuständigen Kreistags-Ausschuss gab es dafür eine satte Mehrheit - und nur eine Gegenstimme. Gleichwohl wurde in der Debatte deutlich, wie kompliziert die Materie ist. Und dass der Hohenlohekreis lange gebraucht hat, um hier zu Potte zu kommen. Für Kreisrat Rainer Züfle (Freie Wähler) viel zu lange: "Wir haben das Thema schlichtweg verschlafen", kritisierte er. "Schon vor zehn Jahren hat es geheißen: Der Kreis nimmt das in die Hand." Es sei aber nichts passiert, sodass "jede Gemeinde jetzt etwas anderes macht".

Verschiedene Ausbaumodelle

Genau diese höchst heterogene Gemengelage mit ganz verschiedenen Ausbaumodellen- und ständen ist das Dilemma - und ein Hauptgrund, warum der Kreis nun von einem eigenen Backbone-Netz die Finger lässt. Backbone? Das heißt auf deutsch: Rückgrat. Und in der Praxis: eine zentrale Glasfaserleitung, die jede Kommune anzapfen kann, um hohe Datenraten bis in den letzten Weiler zu gewährleisten.

Wann darf ein Landkreis tätig werden?

Muss ein Landkreis dafür sorgen, dass schnelles Internet überall verfügbar ist? Nein, das muss er nicht. Aber er kann und darf diese Aufgabe dort in Angriff nehmen, wo der Markt versagt. Sprich: Weiße Flecken mit Datenraten unter 30 Mbit/s einfach nicht verschwinden. Weil private Anbieter wie die Telekom bevölkerungsschwache Gebiete aus wirtschaftlichen Gründen partout links liegen lassen - so auch im Hohenlohekreis.

Kreiskonzept schon 2012 ins Visier genommen

Also beschloss der Kreistag im Herbst 2012, mit allen 16 Städten und Gemeinden nach Wegen zu suchen, um die weißen Flecken mit vereinten Kräften zu tilgen. Das Ziel: ein gemeinsames Netzentwicklungskonzept. Schon damals war offensichtlich: Jede Kommune agiert anders, Abstimmung tut Not.

 

Die Grobplanung für ein kreisweites Backbone-Netz lag aber erst im Herbst 2017 auf dem Tisch. Zu komplex war die Herausforderung, eine Gesamtschau zu erstellen und daraus ein konkretes Modell zu stricken. Datenbeschaffung, Förderwirrwarr, juristische Fallstricke: Das bremste ungemein. Am Ende stand fest: Ein Kreis-Backbone kostet 36 Millionen Euro. Um alle Gebäude im Kreis mit Glasfaser zu versorgen, wären weitere 326 Millionen Euro fällig.

Zu teuer und zu heterogen

Das Landratsamt klapperte alle Kommunen ab. Danach war klar: Die Kosten sind zu hoch. Und: Viele machen schon ihr eigenes Ding, andere stehen erst am Anfang. Die einen (Mulfingen und Schöntal) haben das für den ganzen Kreis geplante "Betreibermodell" (Kommunen bauen ein Glasfasernetz und verpachten es an einen Betreiber) längst umgesetzt und ihren Zweckverband 2018 um Krautheim, Dörzbach und Ingelfingen erweitert. Die anderen (Neuenstein, Forchtenberg, Weißbach) setzen auf das Wirtschaftlichkeitslückenmodell (Kommunen suchen einen Anbieter, der das Netz ausbaut, und erstatten ihm den Verlust). Auch ein solches Modell wurde für den gesamten Kreis untersucht, aber verworfen. Wegen der Kosten. Und weil es die Konzepte besagter Kommunen, wie im ersten Fall, zerschossen hätte und diese finanziell doppelt belastet worden wären. Und ein isolierter Kreis-Backbone? Wurde ebenfalls geprüft, aber gestrichen - weil am Ende die Kunden gefehlt hätten.

 

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