Grund für Messerstecherei in Öhringen: Beschuldigter hörte Stimmen

Heilbronn/Öhringen  Schon zu Prozessbeginn vor der Schwurgerichtskammer wird klar, dass der Beschuldigte unter paranoider Schizophrenie leidet.

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Vor dem arabischen Laden war der junge Syrer beim Mittagessen, als er plötzlich von dem 34 Jahre alten Albaner angegriffen wurde. Foto: Archiv/Nick

Es passierte am 1. August letzten Jahres am helllichten Tag: Der heute 21-jährige Syrer sitzt mit einem drei Jahre jüngeren Bekannten vor dem arabischen Laden in der Öhringer Poststraße und isst zu Mittag. Er ist völlig ahnungslos, als der 34-jährige Albaner auf ihn zukommt und mit einem großen Messer auf ihn einsticht. Der Täter rennt davon. Das Opfer geht zu Boden.

Gute Täterbeschreibungen

Kurz nach 13 Uhr gehen nahezu zeitgleich fünf Notrufe bei der Polizei ein und schildern übereinstimmend Tathergang und geben zum Teil konkrete Täterbeschreibungen ab. Polizei und Rettungskräfte sind kurze Zeit später vor Ort, sperren den an diesem sonnigen Tag sehr belebten Tatort ab und kümmern sich um den Schwerverletzten. Er wird im Öhringer Krankenhaus operiert. Er hat Glück.

Obwohl der Stich in den unteren Bauch den Bauchraum geöffnet hat, überlebt A. Ein Zahnarzt war noch vor den Rettungskräften vor Ort und leistete Erste Hilfe. Derweil ist S. auf der Flucht. Zeugen sehen, wie er durch die enge Gasse beim Blumenladen rennt. Das Messer wirft er unterwegs weg. Es wird unter der Bank bei der Volksbank gefunden. Es ist ein großes Messer mit langer, noch blutbefleckter Klinge.

Selbstmordversuch mit Blechbüchse

Roland Kleinschroth, Vorsitzender Richter der Schwurgerichtskammer am Landgericht, zieht es gestern als Asservat 1.1.1. aus der Hülle. Asservat 5.1. ist Teil einer Blechbüchse. Mit diesem scharfkantigen Teil fuhr sich S. in Selbstmordabsicht auf seiner Flucht über die Kehle. Weil das nicht klappt, aber doch sehr blutet, begibt er sich ins Krankenhaus. Dank der vielen konkreten Zeugenaussagen wird S. noch am Tattag gegen 18.20 Uhr bei seiner Unterkunft in Neuenstein festgenommen. Das Amtsgericht Öhringen erlässt Haftbefehl. S. kommt ins Vollzugskrankenhaus Hohenasperg.

Nach der Begutachtung durch den psychiatrischen Sachverständigen Dr. Thomas Heinrich, der eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert, folgt am 4. Oktober die Unterbringung im Zentrum für Psychiatrie Weinsberg. Von dort wird der 34-Jährige zu Prozessbeginn vorgeführt.

Versuchter Mord und gefährliche Körperverletzung wird dem schmächtigen Mann in der schwarzen Daunenjacke vorgeworfen. Wegen seiner Krankheit ist davon auszugehen, dass er schuldunfähig ist. Deshalb ist es ein Sicherungsverfahren, aus der Anklage wird eine Antragsschrift und aus dem Angeklagten ein Beschuldiger.

Traumatisiert durch Überfall

S. erklärt, er höre immer wieder Stimmen. Fremde Stimmen, Stimmen von albanischen Polizisten, die seinen Bruder festhalten. Möglicherweise hänge es mit einem Überfall auf ihn zusammen. Als er 20 Jahre alt war, sei er in Albanien von drei Männern überfallen, geprügelt und vergewaltigt worden.

Verfahren

Weitere Termine hat die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Roland Kleinschroth angesetzt für 4. und 20. Februar, 3. und 10. März. Während des Verfahrens sollen 20 Zeugen und zwei Sachverständige gehört werden. 

 

Im April 2017 kam er mit Frau und Sohn nach Deutschland. Die Tochter kam erst 2019 auf die Welt, als er schon in Untersuchungshaft war. Zeitweise lebte seine Frau von ihm getrennt. Er verdächtigt sie, ihn betrogen zu haben, wolle einen Vaterschaftstest, hat er dem Gutachter gesagt. Ob er das Opfer, einen jungen Syrer, mit dem Mann verwechselte, der zu viel Zeit mit seiner Frau verbracht haben soll? Eher nicht.

Das als Nebenkläger auftretende Opfer war jedenfalls von dem plötzlichen Überfall völlig überrascht. Der junge Syrer saß mit dem Rücken zum Angreifer. Wenigstens ein Stich traf ihn in die Schulter, ein weiterer in den Bauch. Das Messer hatte sich der Angreifer zuvor wenige Meter entfernt bei einem Restpostenmarkt gekauft und in einer Papiertüte durch die Fußgängerzone getragen, nachdem ihm in einem anderen Öhringer Laden der Wunsch nach einem Messer abgeschlagen worden war. Ein zweites, kleines Messer habe er zur Selbstverteidigung vor der Fahrt nach Öhringen in Neuenstein gekauft.


Yvonne Tscherwitschke

Yvonne Tscherwitschke

stv. Redaktionsleiterin Hohenloher Zeitung

Yvonne Tscherwitschke ist seit 1994 bei der Heilbronner Stimme. Als gebürtige Hohenloherin weiß sie, welche Geschichten die Hohenloher interessieren.

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