Finale furioso bei den Literaturtagen

Öhringen  Mit einem echten lyrischen Entgrenzungserlebnis klangen die 36. Baden-Württembergischen Literaturtage mit dem Auftritt des Ensembles der Akademie des gesprochenen Wortes stimmgewaltig aus. Die 30 Veranstaltungen zählten insgesamt 4000 Besucher.

Email
Finale furioso bei den Literaturtagen
Kreativität und Expression − in Reih und Glied: Die komplette Mannschaft bietet eine eindrucksvolle Vorstellung und wird vom Öhringer Publikum minutenlang gefeiert. Foto: Christian Nick

Seit dem 24. Oktober stand die Schlüsselstadt ganz im Zeichen der Bücher, Künstler und Autoren - nun wurde das letzte Kapitel aufgeschlagen, um die Literaturtage abzuschließen.

Und die, da waren sich alle einig, sind zu einem echten Bestseller geworden: Über 4000 Besucher bei den 30 Veranstaltungen konnte Öhringens Oberbürgermeister Thilo Michler auf der Bühne vermelden, ehe er dem "tollen Fünfer-Team" der Organisatoren Dankesworte und Präsente überbrachte.

Ein grenzenloser Parforceritt

Geschenke der anderen Art hatte danach das renommierte Ensemble der Akademie für gesprochenes Wort in die Alte Turnhalle mitgebracht: rund zwei Dutzend Gedichte, lyrisches Szenenspiel und Musik vom gregorianischen Chorgesang bis zum verspielten Gitarrengeklimper.

"GrenzenLos!" lautete das Motto - und so schien auch die Auswahl der Stücke. Deutsche wie internationale Dichter; von Hölderlin bis Biermann, Psalmen, japanische Essenzen, Kafka und Kästner oder auch "Die Kuh" von Heinz Erhard.

Ein Parforceritt durch Genres, Epochen und Stile, den die acht Mitglieder antraten - und bewältigten. Mal expressiv-energisch, mal verspielt-clownesk und mal sinnlich-verträumt: Die Künstler, die auch schon in Finnland, Rumänien oder auch Russland ihr Publikum gefunden haben, imponierten nicht nur mit scharfer Wortgewalt, geschliffener Artikulation und augenblicklicher Bühnenpräsenz - sondern lieferten in ihren szenischen Interpretationen auch den Beleg überzeugender Sprach- und Spielkunst ab.

Finale furioso bei den Literaturtagen
Oberbürgermeister Thilo Michler dankt den Literaturtage-Organisatoren. Foto: Christian Nick

Faszination eines Geschenks der Menschheit

Nicht berechenbar, immer unerwartet und kreativ - so präsentierten die Protagonisten ihre Inszenierung unter der Regie von Angelika Luz, Opernsängerin und Professorin an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.

"Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt", philosophierte seinerzeit Ludwig Wittgenstein. Dass die Sprache - mitunter wurde auf der Bühne auch in Englisch deklamiert und parliert - ein großes und schier unerschöpflich reiches Geschenk ist, das sich die Menschheit selbst gemacht hat: Das wurde an diesem Abend mit künstlerischer Verve überzeugend vermittelt. Da wurde klassisch rezitiert, Radio und Tierstimmen imitiert, Ausflüge ins Rappen unternommen, Jandl'esk absurdiert und expressiv agiert.

Finale furioso bei den Literaturtagen
(K)eine Gratwanderung: Das Ensemble der Akademie für gesprochenes Wort meistert den Parforceritt durch die Stile und Epochen mit Balance und Leichtigkeit. Foto: Christian Nick

Sprachkunst, die sprachlos macht

Was sich jedoch wie ein Gummiband um die einzelnen Werke und Szenen spannte, ist Talent und Liebe zum Sujet. Grenzenlose Sprachkunst, die nicht nur sprachlos macht - sondern das Publikum bisweilen auch fast atemlos hinterlässt.

Thematisch marschierte man passend zum Literaturtage-Motto immer wieder ins Grenzgebiet ein: Grenze als wohltuender Ort der Behausung, die schmerzliche Erfahrung geschlossener Grenzen - und die menschliche Hoffnung auf Überwindung mentaler wie realer Frontlinien und Barrieren.

Dass dies für Menschen bisweilen schwierig ist, zeigt die Geschichte. Leichter haben es da indes andere, wie die 92-jährige Sprecherin Elke Twiesselmann am Ende vortrug: Denn Ameisen wuseln mühelos zwischen den Stiefeln jedes Grenzschützers hindurch. Und überhaupt: "Hebt man den Blick, so sieht man keine Grenzen."

 

Christian Nick

Christian Nick

Autor

Christian Nick ist seit 2018 Redakteur bei der Hohenloher Zeitung. Schwerpunktmäßig betreut er die Kommunen Kupferzell und Waldenburg - schreibt aber auch (über) alles andere gerne.

Kommentar hinzufügen