Fall Ole: Richter verliest Abschiedsbrief der Pflege-Oma

Künzelsau  Große Traurigkeit im Großen Strafkammersaal im Landgericht Heilbronn: Im Fall Ole sagt der Sohn der Angeklagten aus und zeichnet ein liebevolles Bild einer sanften Frau. Aus dem Abschiedsbrief der Pflege-Oma an ihren Sohn spricht Verzweiflung.

Von Yvonne Tscherwitschke

Große Traurigkeit im Großen Strafkammersaal: Im Fall Ole sagt der Sohn der Angeklagten aus und zeichnet ein liebevolles Bild einer sanften Frau

?Auf dem Weg zum Großen Strafkammersaal steht der große Tannenbaum, der daran erinnert, dass in wenigen Tagen Weihnachten ist.

Foto: Tscherwitschke

Ein großer Weihnachtsbaum steht auf dem Weg zum Großen Strafkammersaal. Schön geschmückt, mit Geschenken. Ein Teddy sitzt darunter. Im Großen Strafkammersaal aber möchte gerade niemand an Weihnachten denken.

"Hier sitzen zwei Familien, deren Glück komplett zerstört wurde", sagt der Sohn der Angeklagten unter Tränen und fügt hinzu: "Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie die Eltern des Jungen das überleben. Aber auch für uns ist das ein Alptraum."

Tod in der Badewanne der Pflege-Oma

Mit "das" meint der 47-Jährige Münchner die Tat, die sich im Haus seiner 70-jährigen Mutter am 27. April zugetragen hat. Am Morgen des 28. April finden die Eltern den siebenjährigen Ole tot in der Badewanne seiner Pflege-Oma. Die ist verschwunden und taucht erst am Tag danach wieder auf.

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"Wir konnten uns überhaupt nicht erklären, was passiert war", berichtet der Sohn von dem Anruf am 28. April und der folgenden Fahrt nach Künzelsau. Was ist in dem Haus passiert?

Diese Frage will die Schwurgerichtskammer am Landgericht Heilbronn bis Ende Januar klären. Richter Kleinschroth hatte die Hoffnung gehabt, dass die Eltern des kleinen Ole - und der Sohn der Angeklagten - vor Weihnachten Antworten bekommen könnten. Doch auch der vierte Verhandlungstag ging zu Ende, ohne dass die Angeklagte selbst etwas zu der Tat sagte, die bundesweit für Aufsehen sorgt.

Die sanfte Seite der Pflege-Oma

Dabei, sagte der Sohn auf die Frage von Richter Kleinschroth, werde seine Mutter immer seine Mutter bleiben, egal, was gewesen sei. Er besucht sie auch alle zwei Wochen in der JVA. Er sagt: "Irgendwann muss alles auf den Tisch, sonst wird es für beide Seiten ganz schwer, weiterzumachen." Er zeichnet das Bild eine sehr liebevollen, sanften Frau, die sich immer riesig gefreut habe, wenn der kleine Ole zu ihr gekommen sei.

Widerlegt wurde an dem Tag das im Kochertal grassierende Gerücht, der Sohn sei zum Tatzeitpunkt im Haus gewesen. So war geredet worden, weil ein Auto mit Münchner Kennzeichen in der Nähe des Tatorts gesehen worden war. Er hatte aber mit seiner Partnerin die Wohnung renoviert und davon auch Bilder an seine Mutter geschickt.

Von Depressionen wusste der Sohn nichts. Wohl habe er bei seinem letzten Besuch an Ostern bemerkt, dass es seine Mutter sehr belastet habe, dass der Keller entrümpelt werden sollte. Dinge aus zwei Wohnungsauflösungen und 40 Jahren Sammelleidenschaft hatten sich dort aufgetürmt. Das von der Polizei gedrehte Video hatte Räume gezeigt mit Unmengen von Kleidern, Kartons und sonstigem Kram. Jeder freie Quadratzentimeter war vollgestellt. Ansonsten aber sei seine Mutter lebensbejahend, kommunikativ und sozial integriert gewesen.

Freundinnen machten sich Sorgen um die nun Angeklagte

Zwei gute Freundinnen bestätigten dieses Bild, sagten aber, dass es der Angeklagten ab Januar nicht gut gegangen sei. Eine in München lebende langjährige Freundin schilderte ein zweieinhalbstündiges Telefonat vom 10. April, nach dem sie sich Sorgen um die Freundin gemacht habe.

Auch schon bei einem früheren Besuch habe die Freundin depressiv gewirkt, "einen merkwürdigen Gesichtsausdruck gehabt", so dass sie sich nachts in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen habe. Sie berichtete auch von früher, dass die Angeklagte Kleptomanin gewesen sei. Auch in der Ehe habe es Schwierigkeiten und eine zeitweise Trennung gegeben.

Aus ihrem Abschiedsbrief spricht Verzweiflung

Ein ganz und gar nicht schmeichelhaftes Bild der Angeklagten zeichnete die Frau, die ihr damals beim Auszug geholfen hatte und Jahrzehnte später den Kontakt der Angeklagten zu den Eltern des Jungen vermittelt hatte. Sie wählte Begriffe wie "profitlich" und "bauernschlau". Die Angeklagte habe Wert darauf gelegt, mit "der gehobenen Gesellschaft zu verkehren". Diese Zeugin hat am Morgen der Tatentdeckung eine schwarz gekleidete Person davoneilen sehen.

Hatte die Angeklagte Depressionen? Hatte sie versucht, sich das Leben zu nehmen? Der Sohn weiß nichts davon, berichtet von der Trauer nach dem Tod des Vaters 2009. Richter Kleinschroth verliest einen Abschiedsbrief der Angeklagten an ihren Sohn, in dem sie von großer Verzweiflung schreibt, davon, eine Belastung für ihn zu sein. Und in dem sie ihm versichert, ihn sehr lieb zu haben und bittet: "Denke nicht schlecht von mir."

 


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