Fall Ole: Pflege-Oma spricht mit Gutachter

Künzelsau/Heilbronn  Zuerst sprach die Pflege-Oma nur mit ihrem Sohn. Jetzt hat die Angeklagte auch mit einem Gutachter gesprochen. Dieser soll dann vor Gericht erklären, was die Angeklagte zu dem Tod des kleinen Ole zu sagen hat. Das Urteil Ende Januar wird immer unwahrscheinlicher.

Von Yvonne Tscherwitschke

Am fünften Verhandlungstag bricht die Angeklagte ihr Schweigen - und spricht mit dem Gutachter. Foto: Veigel

Warum musste der kleine Ole sterben? Was ist am Abend und in der Nacht vom 27. April im Haus von Elisabeth S. in Künzelsau passiert? Warum war die Seniorin verschwunden und tauchte erst einen Tag nach Entdeckung des toten Jungen wieder auf? Fragen über Fragen. Beantworten kann sie nur Elisabeth S. Die 70-Jährige ist wegen Totschlags angeklagt.

"Noch fischen wir im Trüben", sagt Roland Kleinschroth, Vorsitzender Richter der Schwurgerichtskammer am Landgericht Heilbronn am fünften Verhandlungstag zu der Seniorin, die mit gesenktem Kopf vor ihm sitzt. "Aber wir können puzzeln, uns unser eigenes Bild machen", warnt er die grauhaarige Frau. "Und irgendwann ist unser Puzzle so weit fertig, dass es fraglich ist, was etwas Neues noch bringt."

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Die Seniorin bricht ihr Schweigen

Vier Verhandlungstage hat Elisabeth S. geschwiegen. Obwohl die Mutter des Jungen unter Tränen um eine Erklärung flehte. Obwohl der Sohn der Angeklagten mit tränenerstickter Stimme von seiner Mutter wissen wollte, was passiert sei, weil sonst keine Seite weiterleben könne. Obwohl Richter Roland Kleinschroth mehrfach an die Seniorin appellierte, zu reden.

Jetzt, am fünften Verhandlungstag, ist die Seniorin bereit, ihr Schweigen zu brechen. Erst einmal aber nur in der kalten Vorführzelle am Landgericht. Nicht im großen, dafür vorgesehenen Strafkammersaal. Nur der psychiatrische Gutachter Dr. Thomas Heinrich soll hören, was sie zu sagen hat und es dann allen Prozessbeteiligten und der Öffentlichkeit erklären. Ein ungewöhnlicher Wunsch in einem noch ungewöhnlicheren Fall. Mit Hinweis auf die Aufklärungspflicht und aus Fürsorge den Eltern des toten Jungen gegenüber ermögliche die Kammer das Gespräch, erklärt Richter Kleinschroth.

Die Angeklagte sprach drei Stunden lang mit ihrem Sohn

So wie die Kammer zuvor schon einen höchst ungewöhnlichen Wunsch erfüllt hat: Unbelauscht und unbeobachtet hat die Angeklagte vergangenen Donnerstag mit ihrem Sohn reden können. Über drei Stunden lang. So etwas ist in Untersuchungshaft normalerweise nicht möglich. Entsprechend groß sei der Aufwand der Kammer gewesen, das zu ermöglichen, gibt Kleinschroth Einblick in das schwerfällige System Justizvollzugsanstalt. Das zudem sehr fehleranfällig ist, wie die gemeinsame Fahrt der Angeklagten mit einer Belastungzeugin aus der JVA Schwäbisch Gmünd zur Verhandlung nach Heilbronn an diesem Tag zeigt.

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Kleinschroth gibt der Angeklagten eine Mahnung mit auf den Weg und erzählt eine Geschichte von sich als kleinem Bub, der etwas ausgefressen hatte. "Da sagte meine Mutter: Es gibt eine Version, die sich gut anhört und es gibt eine Version, die wahr ist. Ich will die hören, die wahr ist." Diese Version habe er ihr erzählt. Dann sei alles wieder gut gewesen: "Meine Mutter hat zu mir gehalten, wie auch Ihr Sohn zu Ihnen halten wird."

Zeitplan durcheinander

Möglicherweise berichtet Dr. Heinrich schon am nächsten Verhandlungstag am 14. Januar von dem Gespräch mit der Angeklagten. Dann werden auch weitere Zeugen vernommen. Ein Urteil am 30. Januar wie ursprünglich geplant, wird trotzdem immer unwahrscheinlicher. Zu sehr ist der Zeitplan durch Erkrankungen der Verteidigerin durcheinander gekommen.

Am Montag zeichneten zwei Zeuginnen weiter am Bild der Angeklagten, die phasenweise depressiv gewirkt habe. Eine Zeugin berichtet, wie sie 2015 die Angeklagte auf der Wirtschaftsmesse gesehen habe, ungepflegt, mit wirren Haaren, ohne Zähne, dafür mit einer Tasche, in die sie in großem Stil die Give-aways gepackt habe. Knapp einen Monat vor der Tat habe die Angeklagte sie weinerlich angerufen, weil es ihr schlecht gehe. Sie habe sie zum Arzt begleitet und drei Wochen später auf einen Spaziergang. Da habe die Angeklagte nur kleine Tippelschritte gemacht, teilnahmslos gewirkt, mit stierem Blick. So, dass sie daheim ihren Mann gefragt habe, wie sich Depressionen äußern.

 


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