Ein Ort unter Spannung

Kupferzell  Der größte Batterie-Park der Welt soll in Kupferzell gebaut werden. In der Gemeinde schwankt die Stimmung zwischen Skepsis und Wohlwollen.

Von Christian Nick
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Wo viele Leitungen zusammenlaufen: Kupferzell und sein Umspannwerk. Im Umfeld könnte bis 2025 womöglich der größte Batterie-Park der Welt entstehen.

Foto:Archiv/Renk

 

Der durch die Energiewende – mittels Windkraft und Sonnenlicht – im Norden der Republik erzeugte Öko-Strom muss nach Süden transportiert werden. Doch in der Bevölkerung regt sich zunehmend Widerstand gegen den Bau immer neuer Stromtrassen.

Eine Lösung für das Dilemma könnte möglicherweise die Anlage sein, die der Netzbetreiber Transnet BW als Pilotprojekt bis spätestens 2025 auf Kupferzeller Gemarkung bauen will: Eine Riesenbatterie – nach Angaben des Leitungsbetreibers so groß „wie ein Möbelhaus“ und notwendig, um die bestehende Netzkapazität bei Spitzenlast kurzzeitig besser ausreizen zu können.

Drei solche gigantische Akkus sollen, wie der unlängst vorgestellte „Netzentwicklungsplan 2030“ der vier großen Übertragungsnetzbetreiber vorsieht, in Deutschland gebaut werden – der größte und mit 500 Megawatt effizienteste in Kupferzell. Damit entstünde dort in den kommenden Jahren der weltweit größte Netzbooster – laut „Spiegel online“ fünfmal leistungsstärker als der Batterie-Park des E-Auto-Herstellers Tesla.

Der genaue Standort steht noch nicht fest

Gegenwärtig hat Transnet die Pläne zur Genehmigung bei der Bundesnetzagentur eingereicht. Einen genauen Standort gebe es noch nicht in der Planung, sagt eine Firmensprecherin. Doch Insider vermuten nach HZ-Informationen, dass dieser möglicherweise in der Nähe des Umspannwerks liegen könnte.

Und warum soll die Anlage gerade nach Kupferzell? „Der Netzknoten Kupferzell ist durch seine Anbindung Richtung Norden, Westen und Süden für ein solches Pilotprojekt besonders geeignet“, heißt es vonseiten des Netzbetreibers.

Das wissen prinzipiell auch der Bürgermeister sowie die Gemeinderäte – dennoch herrschte durchaus Überraschung, als die Kunde davon nach Kupferzell schallte. „Ich habe auch erst vor Kurzem durch Transnet von den Plänen erfahren“, sagt denn auch Bürgermeister Joachim Schaaf zur HZ . Seine Devise: Erstmal den Entscheid der Netzagentur abwarten, der voraussichtlich erst im kommenden Jahr fallen wird – und dann gegebenenfalls eine rasche Beteiligung der Öffentlichkeit. Nach Zustimmung der Bundesnetzagentur werde laut eines Transnet-Sprechers die Bedarfsplanung jedoch nach einigen Zwischenschritten in Berlin beschlossen.

„Wenn wir die Energiewende erfolgreich gestalten wollen, brauchen wir eben Puffer, um einen Blackout zu verhindern“, ist sich UWG-Rat Peter Lemke sicher. „Hier ist nun mal ein Knotenpunkt, und dafür ist Kupferzell bisher gut weggekommen“, erinnert der Kommunalpolitiker mit Blick etwa auf Leingarten, wo bekanntlich ein großer Konverter gebaut wird, um ab 2025 die windreichen Regionen Norddeutschlands mit Baden-Württemberg und Bayern zu verbinden.

„Nicht begeistert“ zeigt sich indes sein Fraktionskollege Manfred Bellingrath-Palesch: „Auf keinen Fall im innerörtlichen Bereich.“

Bürger hoffen, dass Anlage nicht vor ihrer Haustüre steht

Und was denken die Kupferzeller Bürger über die geplante Riesenbatterie? „Ich habe schon davon gehört“, sagt Katrin Dziecinch, die gerade vor ihrem Haus die Straße kehrt: „Eigentlich ist unser Umspannwerk ja schon hässlich genug, ich hoffe jedenfalls, dass durch das Ding keine Strahlenbelastung entstehen wird.“ Grundsätzlich sei sie jedoch dafür, Energie dort zu verbrauchen, wo sie erzeugt werde. Für Dziecinch ist klar: „Auf den Standort kommt es an.“

Das sieht auch Katrin Carle so: „Irgendwo abseits wäre das schon in Ordnung, vielleicht profitiert die Gemeinde ja dadurch. Aber vor der Nase haben möchte ich es nicht.“

Der richtige Weg?

Kritik Ebendieses Reaktionsmuster kritisiert einige Meter weiter Andreas Volk: „Irgendwo muss die Anlage ja dann hin, sollte so beschlossen werden. Wenn jeder sagt ,Bei mir nicht!’ kommen wir auch nicht weiter.“ Die Energiewende? „Grundsätzlich sinnvoll.“ Die Booster-Technik? „Wie bei der Atomkraft wird sich wohl erst in Jahrzehnten zeigen, ob das der richtige Weg ist.“

Diese Frage stellt sich aktuell auch Ruth Tischer, Initiatorin der Kampagne „Hohenlohe oben ohne“, die gegen die geplante Transnet-Stromtrasse zwischen Rot am See und Kupferzell kämpft: „Der Netzbooster ist wieder ein Mega-Giga-Projekt, da bin ich persönlich erst mal kritisch. Ich glaube fest an andere, regionalere Lösungen, die eventuell gerade wieder durch solche Großkonzern-Projekte verhindert werden könnten“, so Tischer.

Eine potenzielle Alternative führt der Vorsitzende der Öhringer Nabu-Ortsgruppe, Karl-Heinz Müller, ins Feld: „Die Politik sollte mehr Anreize für den flächendeckenden Betrieb von Elektrospeicher-Heizungen schaffen, um Stromspitzen aufzunehmen“, rät er. Für Gemeinderat Peter Lemke ist indessen eines klar: Sollte die Riesenbatterie tatsächlich gebaut werden, habe Kupferzell seine Pflicht in Sachen Energiewende erfüllt. „Dann aber keinesfalls noch Windkraftanlagen in Goggenbach.“

 


Effizienz

Die Entwicklung leistungsstarker Netzbooster befindet sich noch im Anfangsstadium. Die Idee: Die großen Speicher können überschüssigen Strom aufnehmen und wieder abgeben, wenn er knapp wird.

Neben Kupferzell sind Hoheneck bei Ludwigsburg und Ottenhofen bei München als potenzielle Standorte vorgesehen. Am Bau der geplanten 110-Kilovolt-Stromtrasse zwischen Rot am See und Kupferzell soll sich jedoch laut Netzbetreiber trotz der effektiveren Netzauslastung durch den Booster nichts ändern.

Die Kosten für die drei Anlagen sollen Berechnungen von "Spiegel online" zufolge bei rund einer Milliarde Euro liegen. Dieses Schätzung wollte Transnet BW nicht bestätigen. 


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