Das Krankenhaus in Künzelsau stirbt auf Raten

Künzelsau  Es ist ein Dilemma: Schwindende Fallzahlen und eine Notaufnahme, die kaum noch schwere Fälle behandelt. Spätestens am 31. Dezember 2019 wird die Klinik geschlossen. Wir erklären diesen Beschluss mit konkreten Zahlen.

Von Thomas Zimmermann

Ein Sterben auf Raten

Eine Analyse der Hohenlohe Krankenhaus gGmbH für 2018 zeigt, dass die Notfallaufnahme in Künzelsau kaum noch sinnvoll genutzt wird. Fotos: Ralf Reichert

Das vorzeitige Aus des Krankenhauses in Künzelsau ist besiegelt. Nicht erst wie ursprünglich geplant 2023, sondern schon bis spätestens 31. Dezember 2019 wird es geschlossen. Warum dieser Schritt für die große Mehrheit des Kreistags unvermeidlich ist, zeigt der Blick auf die nackten Zahlen.

Die Auslastung ging kontinuierlich zurück. In diesem Jahr ist die Klinik in Künzelsau nur noch zu rund 43 Prozent belegt, in Öhringen sind es 78 Prozent. Die Fallzahlen sanken von 3752 in 2017 auf nur noch 3311 in diesem Jahr. "Dem stehen aber hohe Verwaltungs- und Instandhaltungskosten für die Restnutzungszeit gegenüber", macht der Geschäftsführer der Hohenloher Krankenhaus (HK) gGmbH, Matthias Warmuth, deutlich. Mit fünf bis sechs Millionen Euro Defizit rechnet der Kreis für 2019. Bis 2022 wären noch einmal 6,5 Millionen Euro hinzugekommen - pro Jahr.

Notfallaufnahme ohne Notfälle

Auch in der Ausrichtung der Klink zeigten sich zunehmend Schwächen. "Die allermeisten Fälle, die zuletzt in die Notfallaufnahme des Künzelsauer Krankenhauses kamen, waren gar keine wirklichen Notfälle", betont Warmuth - und bezieht sich in seiner Betrachtung auf eine Analyse des Betriebs von Januar bis November 2018.

Tatsächlich waren demnach die häufigsten Diagnosen Verstauchungen, Zerrungen, Prellungen und Insektenstiche. Dem stehen nur rund 100 Verdachtsfälle auf Herzinfarkt entgegen, die in der Notaufnahme behandelt wurden. Bei 36 Patienten wurde wirklich ein Herzinfarkt diagnostiziert. Davon waren 26 leichtere Fälle ohne Gefäßverschluss, zehn waren lebensbedrohliche Herzinfarkte. Fünf dieser Fälle wurden zur normalen Tageszeit eingeliefert, weitere fünf während der Bereitschaftsdienstzeit.

Keine Herzkatheterstation

Ein Sterben auf Raten

Sinkende Fallzahlen, steigende Defizite: Das Krankenhaus in Künzelsau − hier die Liegendanfahrt für Notfälle − ist nur noch zu rund 43 Prozent ausgelastet. In Öhringen beträgt dieser Wert 78 Prozent.

"Diese schweren Fälle müssen aber in ein Herzkatheterlabor, das es in Künzelsau gar nicht gibt. Von daher sieht man, dass die Notaufnahme kaum noch sinnvoll genutzt wird", zieht Ute Emig-Lange, Pressesprecherin der BBT-Gruppe in der Region Tauberfranken-Hohenlohe, eine ernüchternde Bilanz. BBT führt seit Frühjahr 2018 als Mehrheitsgesellschafter die Geschäfte in der Hohenloher Krankenhaus gGmbH.

Fatal ist derzeit für den Hohenlohekreis, dass auch das Öhringer Krankenhaus über keine Herzkatheterstation verfügt. Deshalb müssen die schweren Fälle außerhalb des Landkreises behandelt werden. Dabei orientiert sich das untere Jagsttal nach Bad Mergentheim, das Kochertal nach Schwäbisch Hall. Deshalb soll in Öhringen im Laufe des kommenden Jahres ein Herzkatheterlabor aufgebaut werden.

Medizinisches Versorgungszentrum

Mit dem jetzt gefundenen Zukunftskonzept sei der Kreis "so gut aufgestellt wie noch nie", erklärt Landrat Dr. Matthias Neth. Künzelsau erhält ein Medizinisches Gesundheitszentrum (MVZ) mit angestellten Ärzten und Versorgungsassistentinnen, Betten für die Kurzzeitpflege und ein Zentrum für ganzheitliche Medizin. Außerdem wird die Notfallversorgung rund um die Uhr gesichert und der Rettungsdienst gestärkt.

Für die einen ist das MVZ eine gute Sache, für andere eine Totgeburt. "In einem MVZ macht man Dienst nach Vorschrift. Deswegen ist es kein Ersatz für die Bevölkerung. Und für einen Arzt ist Künzelsau tot und uninteressant", betont Dr. Matthias Krist, der im Medikün in Künzelsau eine nasenchirurgische Schwerpunktpraxis betreibt.

Riesenprobleme

Der Hals-, Nasen- und Ohrenarzt sieht vor allem in fünf Jahren ein Riesenproblem auf das Versorgungszentrum zukommen, wenn die praktizierenden Ärzte in den Ruhestand gehen. "Das ist eine Kettenreaktion: Krankenhaus weg, Fachärzte weg, Hausärzte weg", klagt Krist.

Der Künzelsauer Kardiologe Dr. Christoph Karle sieht das anders. "Ich begrüße jede Verbesserung der Grundversorgung in der Stadt", betont er. An seinen Plänen, auf Schloß Stetten eine Praxis zu errichten, hält der Herzspezialist fest. Kommentar "Teufelskreis"

 

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