Mit Weinberg-Raketen fing alles an

Künzelsau - Dr. Walter Häussermann wird heute 96 Jahre alt

Mit Weinberg-Raketen fing alles an
Der in Künzelsau geborene Dr. Walter Häussermann mit Modellen der von ihm mit entwickelten US-Raketen.Foto: Stadtarchiv

Künzelsau - Er hat schon als Kind mit Raketen gespielt. Während des Zweiten Weltkriegs gehörte er zu den Wissenschaftlern, die in Peenemünde an der Ostsee die V2 entwickelten. Ab 1948 arbeitete er im deutschen Raketen-Team von Wernher von Braun in den USA. Seine Heimatstadt Künzelsau hat Dr. Walter Häussermann nie vergessen. Heute feiert er in Huntsville, Alabama, seinen 96. Geburtstag. Matthias Stolla hat sich mit ihm unterhalten.

Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Dr. Walter Häussermann: Es könnte besser sein. Ich hatte eine sehr ernste Darmoperation vor einem halben Jahr.

Wie geht es Ihrer Frau?

Häussermann: Ruth ist leider zu 100 Prozent bettlägerig und liegt im Krankenhaus.

Haben Sie davon gehört, dass mit Alexander Gerst erstmals ein gebürtiger Künzelsauer im Jahr 2013 ins All fliegen wird?

Häussermann: Nein, davon weiß ich nichts. Das ist erstaunlich, und es freut mich natürlich.

Wollten Sie nie selbst ins All?

Häussermann: Nein, ich bin ja schließlich Ingenieur.

Wann haben Sie zum ersten Mal Interesse an Raketen gezeigt?

Häussermann: Als Kind habe ich mit Weinbergraketen gespielt und wollte ein Wägelchen damit antreiben. Aber die Raketen waren zu schwach. Ich habe mich dann darauf beschränkt Bücher über Raketen zu lesen.

Wann haben Sie Dr. Wernher von Braun kennengelernt?

Häussermann: Das war am ersten Tag als ich in Peenemünde eintraf. Ich glaube, das war der 2. Dezember 1939.

Woran haben Sie in Peenemünde gearbeitet?

Häussermann: Von Braun hat mich von Anfang an bei der Steuerung eingesetzt. Das war im Übrigen ein ganz übler Anfang. Man hat mir einen Kreisel von einem Flugzeug vorgesetzt. Ich sollte ihn auseinandernehmen und meinen Kommentar dazu abgeben, was allerdings gar keinen Sinn machte. Denn ein Flugzeugkreisel ist etwas ganz anderes als einer, den man in einer Rakete braucht.

Warum sind Sie 1942 von Peenemünde an die Technische Hochschule Darmstadt gewechselt?

Mit Weinberg-Raketen fing alles an
Am 16. Juli 1969 startete die Saturn V-Mondrakete zum Mond. Walter Häussermann war für ihre Navigationstechnik verantwortlich.Foto: dpa


Häussermann: Damals ging der Krieg mit Russland los. Ich hatte keine Hoffnung, dass das gut ausgehen könnte, nachdem Hitler in seinem eigenen Buch geschrieben hatte, dass der Fehler im Ersten Weltkrieg war, dass es zwei Fronten gab. Er hat nicht verstanden, das zu vermeiden. Ein Entschluss war, mich nach Möglichkeit in den Westen abzusetzen. Also wollte ich zurück an die Hochschule, an der ich früher gewesen war. Das ging durch eine Dienstverpflichtung. Nach zwei Jahren in Peenemünde hatte ich genügend Erfahrung, um dort an einem Analog-Computer zur Prüfung der Steuerung zu arbeiten.

Sie sind erst im Januar 1948 zu dem deutschen Raketen-Team in El Paso, Texas, übergesiedelt und nicht schon 1945 wie viele andere bei der Aktion Paperclip. Weshalb?

Häussermann: Meine Frau war damals hauptsächlich durch Unterernährung sehr krank. Auf ärztliche Empfehlung konnte ich sie nicht allein lassen. Das wäre aber notwendig gewesen, um nach Huntsville gehen zu können.

Was war Ihr größter Erfolg als Raketenwissenschaftler?

Häussermann: Das ist schwer zu sagen. Ich hatte in so vielen Gebieten zu tun, auch auf militärischem Gebiet hier in Amerika. Das hat alles zusammengewirkt, damit ich vorangekommen bin.

Werden die Leistungen des Raketen- Teams unter Wernher von Braun in den USA heute noch gewürdigt?

Häussermann: Von den Wissenschaftlern auf jeden Fall. Von den Politikern nicht.

Wie viele des ursprünglichen Teams leben noch?

Häussermann: Viele sind von Huntsville weg, und wir haben keine Verbindung mehr. In Huntsville sind wir jetzt nur noch fünf.

Wann waren Sie das letzte Mal in Künzelsau?

Häussermann: Ich glaube, das war vor zehn Jahren.

Haben Sie noch Kontakt mit Freunden und Verwandten?

Häusserman: Oh ja, ich habe einen Neffen in einem Vorort von Künzelsau, Gert Häussermann. Ich freue mich immer, wenn ich etwas aus Künzelsau erfahre.