Hohenloher waren die ersten Opfer

Vor exakt 75 Jahren begann in Öhringen und Künzelsau die Judenverfolgung

Von Barbara Griesinger

Hakenkreuzbeflaggung in Künzelsau 1933: Einen Tag nach dem SA-Terror feierten die Nazis vor dem Rathaus den Tag von Potsdam.Foto: Stadtarchiv Künzelsau

Ns-verbrechen - Bald kommt wieder die Zeit, in der die jüdischen Hohenloher den Kindern in Künzels-au und Öhringen Matzenbrote geschenkt haben. Ungesäuerte Brote, die in jüdischen Familien am Pessachfest gegessen werden. Das ist lange vorbei. Hier leben keine jüdischen Mitbürger mehr. Heute auf den Tag genau vor 75 Jahren begann in Hohenlohe die Judenverfolgung.

Der 20. März war 1933 ein Montag. 65 Künzelsauer jüdischen Glaubens lebten damals in der Kreisstadt. Max Ledermann, Tuchhändler und Synagogenvorstand, war einer von ihnen. An diesem Morgen hat er wohl wie immer seinen Laden im Mainzer Haus gleich beim Alten Rathaus geöffnet. Erst wenige Jahre zuvor hatte er es renoviert und war stolz auf das schöne Haus. Das erzählt der Künzelsauer Schriftsteller Hermann Lenz, der Max Ledermann bei einem Besuch in der Stadt 1932 zum letzten Mal gesehen hat. Er berichtet auch, dass der Kaufmann damals schon Sorge hatte: „Herr Lenz, die Nazi schwätzen überall herum, die Bauern sollten nichts mehr bei den Juden kaufen.“ Tränen habe der Händler dabei in den Augen gehabt.

Am 20. März war Max Ledermann wohl voller Sorge und Angst. Die Künzelsauer Juden wussten, was am vergangenen Sabbat, am 18. März, am helllichten Tag in Öhringen geschehen war. Stuttgarter Schutz- und Hilfspolizei hatte in Öhringen Häuser nach Waffen und kommunistischer Propaganda durchsucht und Juden, Sozialdemokraten sowie Kommunisten verhaftet. Einige Öhringer jüdischen Glaubens wurden aus dem Gottesdienst in der Synagoge ins Rathaus verschleppt. Dort wurden sie von einem SA-Trupp unter Leitung von Sturmführer Fritz Klein aus Heilbronn verhört – besser gesagt, mit Knüppeln und Stahlruten brutal geschlagen, geprügelt, misshandelt. Am Nachmittag zerrte man die Männer aus den Zellen und trieb sie durch die Stadt – vorneweg eine SA-Kapelle.

Demütigung Siegfried Herz, der am Kopf verletzt war, drückten sie eine Sowjetfahne in die Hand. Anderen Öhringer Juden hängten sie ein Schild um. „Wir sind die Verbrecher des deutschen Volkes“, stand darauf. Begleitet wurde der Zug von knüppelschwingender SA. Sogar ein Foto gibt es von dem demütigenden Akt. 17 Gefangene mussten sich dabei zum Gruppenfoto aufstellen. Drei Juden und zwei kommunistische Führer wurden nach Heilbronn gebracht. Die anderen, darunter auch eine Frau, kamen ins Gefängnis. Die meisten waren in der folgenden Woche wieder frei.

Stahlruten Zwei Tage später, an jenem Montag, kam SA-Führer Klein mit seinen Schergen nach Künzelsau. Auch Künzelsauer SA-Männer, der Kreisleiter Thoma selbst, Landjägerbeamte und Stahlhelm-Mitglieder beteiligten sich. Wie viele Männer im Alten Rathaus zusammengetrieben wurden, weiß heute niemand mehr. Sicher ist, es waren wie in Öhringen Juden und Sozialdemokraten, wohl auch Kommunisten. Unter ihnen der jüdische Lehrer und Vorsänger Julius Goldstein, der Sozialdemokrat Vogelmann aus Niedernhall und der Künzelsauer Gemeinderat Friedrich Brözel. Auch wann die SA auftauchte, ist unbekannt. Bekannt ist indes, dass die Männer im Rathaus halbtot geschlagen wurden. Mit Stahlruten misshandelte die SA Julius Goldstein derart grausam, dass der eiserne Synagogenschlüssel in seiner Hosentasche zerbrach. „Mehr tot als lebendig wurde er nach Hause getragen, an seinem Rücken kein Flecken Haut, der nicht blau aufgelaufen war“, schreibt Heimatforscher Günther Dürr, der Zeitzeugen befragte.

Nachts machte sich Max Ledermann, der Vorsteher der Synagogengemeinschaft, auf ins Haus seines Freundes Goldstein. Rose Levy, geborene Morgenroth aus Künzelsau, die mit ihrer Familie nach Amerika emigrierte, erzählte 1989 bei einem Besuch in Künzelsau: „Max Ledermann war verraten worden, als er nachts zu Goldstein ging. Ich weiß auch, wer ihn verriet, doch möchte ich den Namen dieser Person, die heute noch in Künzelsau lebt, nicht nennen. Ledermann wurde vor dem Hause Goldsteins zusammengeschlagen und erlitt anschließend in dessen Wohnung einen Herzinfarkt.“ Andere Quellen sagen, der Schlag habe den Synagogenvorstand getroffen, als er Julius Goldstein gesehen habe. Max Ledermann starb am 21. März. Er war der Erste, der dem Rassenwahn und dem Terror der Nazis zum Opfer fiel – nicht nur in Hohenlohe, sondern in ganz Württemberg.

Acht Tage später erschoss sich der jüdische Kaufmann David Furchheimer, der in der Künzelsauer Keltergasse lebte. Mit der Armeepistole, mit der er als Soldat im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte.

Kommentar „Stolpersteine“

Nazi-Terror in Öhringen 1933: Misshandelte Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten mussten vor dem Gefängnis auch noch fürs Foto posieren.Foto: privat