Von Muggeseggele und Halbdackel

Mundartautorin Marlies Grötzinger spricht im alten Ratssaal über Schwaben

Von Regina Koppenhöfer

Von Muggeseggele und Halbdackel
Marlies Grötzinger las ihre Gedichte und Prosatexte.Foto: Regina Koppenhöfer

Öhringen - Wer zur Lesung von Marlies Grötzinger gekommen war, musste sich warm anziehen − sprachlich gesehen. Grötzinger, die aus dem oberschwäbischen Laupheim stammt, sinnierte und philosophierte in breitestem Schwäbisch über die Schwaben und deren kleine und auch größere Eigenheiten.

Auf Einladung der Ortsgruppe Öhringen des Schwäbischen Albvereins und der Volkshochschule Öhringen las die schreibende Diplomverwaltungswirtin im alten Ratssaal aus einigen ihrer Bücher. Grötzinger bescherte ihren gut 20 Zuhörern einen pfiffigen und mehr als unterhaltsamen Abend.

Urmensch Zögerlich ging die temperamentvolle Schriftstellerin dabei nicht vor und mit ihrer Meinung hielt sie schon gar nicht hinterm Berg. Und so war die erste These, die sie dem bestens unterhaltenen Publikum um die Ohren haute, denn auch jene: "Mei Theorie isch, dass scho der Urmensch schwäbisch gschwätzt hot." Und nicht genug, verkündete die überzeugte Oberschwäbin dann auch noch augenzwinkernd, dass man bei Gletscherleiche Ötzi gar ein schwäbisches Mundartbuch gefunden habe.

Kurzweilig, oft mit einem Schmunzeln und gern gestikulierend unternahm Grötzinger bei ihrer Lesung Ausflüge in die schwäbische Linguistik. Unkundigen gab sie dabei auch gern mal Schwäbischunterricht. "Muggeseggele, des isch die kleinste schwäbische Maßeinheit", klärte sie dann etwa mit einem Schmunzeln auf

Seit gut 20 Jahren bringt die Mutter zweier erwachsener Kinder ihre schwäbischen Gedanken in Gedichtform oder auch in Prosa zu Papier. Meist sind sie munter-unterhaltsam. Aber auch kritische Anklänge gibt es. In ihrem Gedicht "D" Gang vom Dorfplatz" etwa erzählt sie von Jugendlichen, die vorm Jugendgericht als Hobby "Saufa und Stressmacha" angeben und die "d" Lätsch nahenka ond da Lalle raus".

Zumeist waren die Töne, die Marlies Grötzinger in Öhringen anschlug, aber eher fröhlicher Natur. Angesichts ihres Besuchs in Hohenlohe, das bekanntermaßen nicht schwäbisch ist, sondern zu Württembergisch-Franken gehört, stellte sie Vergleiche an. Da war dann zu erfahren, dass der Franke umgänglicher und vorsichtiger sei, der Schwabe hingegen gern mit der Tür ins Haus falle.

Maxime Generell aber meinte sie: "Mir san net bleeder, die Dialekt schwetzed", das sei immerhin wissenschaftlich belegt. Und so unternahm sie mit großem komödiantischem Talent und gänzlich unbeirrt weiter ihren scharfzüngigen Streifzug durchs Schwäbische. Sie widmete sich dem "Zentralthema der Schwaben − dem Schaffe", las von den Abenteuern der sieben Schwaben und verriet dem begeisterten Publikum nicht zuletzt auch die Maxime der Schwaben: "Aushalte, haushalte, Maul halte."