Kühe haben den Wald gefressen

Mit Naturparkführerin Petra Kuch im Naturschutzgebiet Viehweide unterwegs

Von Gerhard Gutbrod

Kühe haben den Wald gefressen
Diese mächtige Eiche auf der Viehweide ernährte mit ihren Früchten in früheren Zeiten die Schweine der Michelbacher Bauern.Foto: Gerhard Gutbrod

Schon die alten Römer sprachen von Germanien als dem Land der dunklen Wälder. Dies taten sie aber nicht nur, weil sie die eroberten Gebiete so vorgefunden, sondern auch eine wichtige Beobachtung gemacht hatten: Die abgeholzten Flächen wachsen schnell wieder mit Unterholz und jungen Bäumen zu. Dieser Mechanismus funktioniert auch heute noch, wie man an den Stellen sehen kann, die vor gar nicht so langer Zeit von den Stürmen Wiebke und Lothar plattgewalzt wurden.

Weidetrieb Zu diesen Tatsachen will jedoch das Bild des Areals "Viehweide" oberhalb von Michelbach am Wald nicht so recht passen. Wo eigentlich dichter Wald stehen müsste, sieht man weite Grasflächen und nur vereinzelt ein paar mächtige Eichen oder schlanke Birken. "Daran sind die Michelbacher Kühe schuld, denn die wurden früher zur Weide in den Wald getrieben und haben alles gefressen, was nachgewachsen ist", weiß Naturparkführerin Petra Kuch.

Biotop Rund 50 Interessierte und etliche Kinder waren am Fronleichnamstag Kuchs Einladung zur Begehung dieses einzigartigen Biotops gefolgt, das einmal ein ganz normaler Wald gewesen war. "Ab dem 13. Jahrhundert gingen die Michelbacher dazu über, ihre Rinder und Schweine in bestimmten Waldgebieten weiden und wühlen zu lassen, weil die Flächen rund ums Dorf für den Acker- und Weinbau benötigt wurden", nannte die Fachfrau den Grund für diese Maßnahme. "Die urigen Rinderrassen von damals haben alles gefressen, was hochkam, auch junge Bäume und Rinde."

Die Folgen sind heute noch zu sehen: Weil kein Wald mehr nachwachsen konnte, entstanden freie Flächen, in denen nur noch einige ehrwürdige Eichen als Schutz- und Futterbäume (Eicheln für die Schweinemast) der Fresslust des Viehs widerstehen konnten. Die vielfach zu sehenden Birken wuchsen erst nach dieser Zeit heran. Die Nutzung des Gebietes als Viehweide dauerte bis 1850, der Name hat sich aber bis heute erhalten.

Kleiner See Auf den armen Böden, verursacht durch die ständige Beweidung, siedelte sich im Lauf der Zeit mit Arnika, Wollgras und verschiedenen Orchideenarten eine seltene und schützenswerte Pflanzenwelt an. Seit 1939 steht die ehemalige Viehweide deshalb unter Naturschutz und anstelle der Rinder hält nun der Mensch die Flächen frei. Ein kleiner See zeugt noch von der Existenz von ehemals über 100 Fischteichen, die von den Klöstern Goldbach und Gnadental hier oben angelegt worden sind.

Bis ins Jahr 1250 reicht die erstmalige Erwähnung der ehemaligen Burg Gabelstein zurück, aber nur ein steiler Hügel inmitten tiefer Gräben erinnert noch an die alten Rittersleut". Die behauenen Quader der Festung wurden von den findigen Michelbachern zum Bau ihrer Kirche verwendet − eine Jahrhunderte alte Methode des Recyclings von Steinen.