Positive Energie gegen die Pandemie?

Öhringen  Rund 40 Kritiker der behördlichen Infektionsschutz-Maßnahmen marschieren am Sonntagnachmittag durch die Innenstadt. Sie kritisieren vermeintliche "Angstmacherei" vor Corona.

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Rund 40 Menschen starten am Nachmittag auf dem Öhringer Marktplatz zu ihrem Protestmarsch gegen vermeintlich überzogenes staatliches Handeln.

Foto: Nick

Während die Zahl der Corona-Neuinfektionen bundesweit in vielen Gebieten in Rekordhöhen schnellt, ein Landkreis nach dem anderen zum Risikogebiet wird und die europäische Covid-19-Landkarte sich rings um Deutschland täglich tiefroter färbt, treffen sich am Nachmittag auf dem Öhringer Marktplatz einige unentwegte Bürger, um ihrem Wunsch nach Normalität und der Skepsis gegenüber dem staatlichen Handeln in puncto Infektionsschutz Ausdruck zu geben.

Unter dem Motto "Liebe, Frieden, Freiheit und Selbstbestimmung" hatte die Anmelderin, eine Privatperson aus Öhringen, zum Marsch durch die Innenstadt mit anschließender Kundgebung auf dem Marktplatz aufgerufen. Bis zu 100 Personen hatte die Initiatorin bei den städtischen Behörden angemeldet, tatsächlich sind es laut Polizei rund 40 Menschen, die - teils mit "Querdenker"-Symbolik ausgestattet - gegen 14.30 Uhr zu ihrem Marsch über die Poststraße zum Hofgarten und danach wieder zurück zum Ausgangspunkt am Marktplatz starten.

Zwei Streifenwagen der Polizei begleiten den Zug und achten darauf, dass Auflagen wie das Abstandsgebot und die zugewiesene Route weitestgehend eingehalten werden.

"Ich bin hier, weil ich für etwas Positives bin"

"Das sind doch alles Dummköpfe: Die können doch nicht sagen, dass es Corona nicht gibt", grummelt ein sichtlich genervter Passant im Vorbeigehen. Die Pandemie gänzlich zu leugnen: Dies freilich tun viele Demo-Teilnehmer auch nicht - zumindest gegenüber der Zeitung. Das Konglomerat der Sorgen und Anliegen der Demonstranten ist so vielschichtig wie Erscheinungsbild und Alter der Teilnehmer.

Barbara Hammer etwa sagt: "Ich bin heute hier, weil ich für etwas Positives - gegen diese Angstmacherei und für mehr Menschlichkeit - bin." Zu Beginn der Pandemie sei sie über die Shutdown-bedingten Zustände entsetzt gewesen. "Die Leute in den Altenheimen haben aufgehört, leben zu wollen." Ein Mann mittleren Alters äußert Zweifel an der Validität von PCR-Tests und prangert die vermeintlich "falsche Darstellung in den Medien" an.

Oberbürgermeister kritisiert Demo mitten in der zweiten Welle

Öhringens Oberbürgermeister Thilo Michler findet auf HZ-Nachfrage indes klare Worte zu der Veranstaltung: "Grundsätzlich ist die Meinungs- und Versammlungsfreiheit für unsere Demokratie ein hohes und sehr wertvolles Gut. Allerdings sollte dieses Grundrecht auch verantwortungsvoll und mit Augenmaß in Anspruch genommen werden", so Michler.

Der Oberbürgermeister weiter: "Ich würde mir wünschen, dass die Gesundheitsgefahren der weltweiten und unbestreitbaren Corona-Pandemie in die Überlegungen der Demonstranten einfließen: Aktuell Demonstrationen anzumelden und zu versuchen, Menschen zu mobilisieren, halte ich für bedenklich."

Doch diejenigen, die noch bis zum Abend auf der Kundgebung den Rednern - unter anderem ein pensionierter Polizist, eine Ärztin und eine Heilpraktikerin - lauschen, sind in ihrem Sendungsbewusstsein überzeugt, das Richtige zu tun.


Christian Nick

Christian Nick

Autor

Christian Nick ist Redakteur bei der Heilbronner Stimme/Hohenloher Zeitung. Schwerpunktmäßig betreut er die Kommunen Kupferzell, Neuenstein und Waldenburg – schreibt aber auch über alles andere gerne.

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