Lehrer wegen schweren Missbrauchs von Schülerinnen angeklagt

Heilbronn/Hohenlohe  Der 63-Jähriger soll zwei junge Mädchen im Schlaf sexuell missbraucht haben. Als Pädagoge "mit Herzblut" stellt er sich beim Prozessauftakt vor - und will dann nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit aussagen.

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Mit tief ins Gesicht gezogener Mütze in den Gerichtssaal: der angeklagte Lehrer (Mitte) vor dem Prozessbeginn in Heilbronn. Nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit wollte der 63-Jährige zu den Missbrauchsvorwürfen Stellung nehmen.

Foto: Mario Berger

Die blumige Beschreibung des Angeklagten von sich als Pädagogen "mit Herzblut" passt so gar nicht zu den Vorwürfen, weshalb der 63-Jährige am Dienstag von Justizwachtmeistern in Handschellen ins Heilbronner Landgericht geführt wird.

Eine Tat erfolgte laut Anklage nachts im Landschulheim Waldenburg

Schweren sexuellen Missbrauch wirft Staatsanwalt Michael Koch dem fünffachen Familienvater vor. Andreas S., Mitbegründer und viele Jahre Lehrer der Waldorfschule in Schwäbisch Hall, soll 2014 und 2016 zwei junge Schülerinnen im Schlaf missbraucht haben. Einmal soll der heute 63-Jährige eine etwa Achtjährige, die nach einer Segeltour bei ihm zu Hause übernachtete, im Intimbereich gestreichelt haben. Im zweiten Fall soll er bei einer Zehnjährigen im Landschulheim Waldenburg nachts mit einem Finger in den Intimbereich eingedrungen sein. Beide Mädchen wachten von den Manipulationen auf - und stellten sich dann weiter schlafend.

Als Andreas S. zu seinem Lebenslauf befragt wird, sagt er "herzlichen Dank", dass er dem Gericht nun einen Eindruck von sich vermitteln könne. Er beschreibt seinen Werdegang, dass er als Arztsohn mit drei Geschwistern in eher ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, schon immer den Drang gespürt habe, anderen Menschen zu helfen. Nach dem Fachabitur habe er eine Ausbildung im Rettungsdienst gemacht, das Waldorf-Lehrerseminar besucht und Anfang der 1980er Jahre in Schwäbisch Hall mit einem Bekannten die Waldorfschule gegründet.

Von Klasse 1 bis 8 habe er Schüler in zehn Fächern begleitet, man sei dann "Papa oder Mama fürs Ganze", eine Hauptbezugsperson für die Schüler. Als engagierter Lehrer habe er "unglaubliche Lebensfreude" verschenken können - und wenn er zurückblickt, müsse er sagen, "ich war nicht der schlechteste Mensch".

Beliebt soll der Lehrer bei Schülern gewesen sein

Den Zirkus C. hat der Angeklagte in der Waldorfschule gegründet, ein Projekt, um mit und für Schüler etwas zu bewegen, Herausforderungen anzunehmen. 180 junge Artisten werden dort in Jonglage, Einradfahren, Akrobatik, Balance auf Stahlseil oder Trapez in der Woche trainiert, steht auf der Homepage. 25 Jahre, sagt S. stolz, sei er der Zirkusdirektor gewesen. Beliebt soll der Lehrer bei Schülern gewesen sein. Er selbst spricht von vielen Schülerbriefen, die ihn zuletzt erreicht hätten.

Das Verhältnis zu seiner Ehefrau und seinen Kindern beschreibt er als "unheimlich toll". Die Nachrichten über seine Verhaftung und über die Tatvorwürfe hätten jedoch "einen Scherbenhaufen, einen Totalschaden" hinterlassen.

Die angeklagten Taten sprechen eine andere Sprache. Als der 63-Jährige dazu Stellung nehmen will, schließt das Gericht die Öffentlichkeit auf Antrag seines Verteidigers aus. Man wolle aus Schutzgründen intime Dinge des Angeklagten und der Opfer nicht öffentlich im Detail erörtern, erklärt die Vorsitzende Richterin Eva Bezold. Dass zumindest eines der Opfer in Folge der Geschehnisse und der Ermittlungen die Schule verließ, bestätigt ihre Anwältin auf Anfrage. Zum Schutz des Mädchens möchte sie jedoch nicht sagen, wie es ihm derzeit gehe.

Ermittler fanden bei dem 63-Jährigen auch harte Kinderpornos aus dem Internet

Staatsanwalt Michael Koch listet noch einen dritten Anklagepunkt gegen Andreas S. auf. Auf Datenspeichern fanden die Ermittler bei ihm zu Hause rund 15 Videos aus dem Internet mit Kinderpornographie - unter anderem Streifen, in denen Kleinkinder unter zehn Jahren, unter fünf Jahren und sogar Babys missbraucht oder vergewaltigt wurden. Als Vergewaltigung stuft der Staatsanwalt auch die Tat des Angeklagten im Landschulheim Waldenburg ein.

Von seiner Schule erhielt S. nach Bekanntwerden der Ermittlungen die Kündigung. Er hat dort Hausverbot. Auf die Spur des Angeklagten kam die Polizei, als eines der Mädchen sich einem Schulsozialarbeiter anvertraute. Der Vater meldete den Verdacht der Polizei - so kamen die Ermittlungen in Gang.

Seit 20. August sitzt Andreas S. in Untersuchungshaft. Für Kindesmissbrauch sieht das Gesetz eine Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft vor.

Prozesstermine gehen bis Ende März

Die zwei Mädchen müssen im Prozess nicht als Zeuginnen auftreten. Sie wurden von der Polizei per Video befragt. Sie sind als Nebenklägerinnen im Prozess zugelassen, werden durch ihre Anwälte im Gerichtssaal vertreten. Bis Ende März hat das Gericht fünf weitere Prozesstermine angesetzt - ein Zeichen dafür, dass es von keiner extrem streitigen Verhandlung und einem eher geständigen Angeklagten ausgeht.

Im Zuge der Geschehnisse um den doppelten Kindesmissbrauch hat der Landkreis Schwäbisch Hall nach SWR-Angaben eine Fachberatungsstelle gegen sexuelle Gewalt eingerichtet. Die Fachberatungsstelle sei ab sofort mit einer Psychologin besetzt, teilte das Landratsamt mit.

 


Carsten Friese

Carsten Friese

Autor

Mit der Einführung des Euro kam Carsten Friese im Januar 2002 zur Heilbronner Stimme. Seine Schwerpunkte sind Verkehr, Gericht- und Polizeithemen, Wetter/Klima, Umweltthemen, Soziales, Heilbronner Stadtteile. Zudem leitet er das Thementeam Wissen.

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