Konzert mit Huey Colbinger im Gleis1

Huey Colbinger spielt Eigenkompositionen in der Künstlerkneipe. Fleißiger Songwriter mit 100 Titeln.

Von Sonja Reichert
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Über hundert Songs hat Huey Colbinger schon geschrieben. Einen Teil davon präsentiert er in einem mitreißenden Konzert im Gleis1.

Foto: Sonja Reichert

Dass die Corona-Pandemie ungeahnte Energien freisetzen kann, hat man in letzter Zeit schon des Öfteren gehört. Im Gleis 1 wird das auf zweierlei Weise deutlich: Mitglieder des Kulturkneipen-Vereins haben den Lockdown dazu genutzt, Wände zu streichen und den Nippes, der auf den Fensterbänken und in manchen Ecken herumstand, in die Tonne zu drücken. Gott sei Dank die lilafarbene Beleuchtung der Bühne ebenso. Dauergekippte Fenster und ein Ventilator in der Wand fächeln frische Außenluft ins Innere, damit Aerosole wenig Chancen haben. Gratulation.

Kreative Pause

Auch für Huey Colbinger scheint die Pause eine kreative gewesen zu sein. Er nennt sich "fleißig", hat in seinem 44-jährigen Leben schon über hundert Songs geschrieben, in den letzten vier Monaten allein vierzig. Am 30. September kommt der erste Teil seiner Trilogie "Sünder.Pilger.Rebellen" heraus. Sein Fleiß hat ihm bislang auch leidlich über die Pandemie hinweggeholfen, wenn auch fünfzig Prozent der Einnahmen weggefallen sind.

Er ist ja ein Allroundtalent, schreibt neben Songs auch noch Gedichte, die bislang in zwei Bändchen erschienen sind. Huey Colbinger nennt sich Songwriter, Lyriker und Gitarrist. Er bereichert die Kleinkunstbühnen der ganzen Republik mit seiner Westerngitarre und seinem Crossover aus Rock, Folk, Funk und Country. Auf keinen Fall Songs covern, sondern nur Eigenkompositionen spielen, darauf legt der gebürtige Sachse aus Mittweida größten Wert und dass er ein freischaffender Künstler ist, der auch von seiner Kunst leben kann.

Wenn er dann loslegt mit dem Song "Ort des Geschehens" denkt man zuerst an deutsche Liedermacher wie etwa Hannes Wader oder Reinhard Mey, aber alle diese Vergleiche gehen komplett daneben. Huey Colbinger verbreitet keine Weltverbesserermentalität, sondern liefert einen ganz eigenen Stil mit einem unvergleichlich mitreißenden Sound und einem klaren und kraftvollen Timbre in der manchmal auch scharfen Stimme. Zwischen seine Songs streut er immer wieder Geschichten über seine eigenen Irrungen und Wirrungen, über alte Wunden und neue Träume. In dem Song "Dein Berg" kommentiert er das Gipfelerlebnis mit: "Wenn du da oben stehst, stellst du fest, da gibt"s ja noch viel mehr." Und im Song lautet die entsprechende Zeile, die diese Offenheit beschreibt: "Du glaubst, dass du alles festhalten kannst, doch alles ist frei. Steig auf den Berg, weil er dein Leben ist."

Als musikalische Vorbilder nennt er Leonhard Cohen, Stefan Stoppok und - mit 15 Jahren - die englische Punkrockband The Clash, die in ihm die Initialzündung auslöste. Dann spielt er doch eine Coverversion: "Light My Fire" ursprünglich von The Doors, hundertfach gecovert, auch von José Feliciano. Aber Colbingers Variante stellt sie alle in den Schatten, so intensiv, direkt und flehend hat kaum einer die Sehnsucht, das körperliche Verlangen, das dieser Song ausdrückt, rübergebracht.

Nach zwei Stunden intensiven Zuhörens sind alle Kulturkneipler, von denen es gerne ein paar mehr hätten sein können, und auch der Künstler, vollauf zufrieden.


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