Frauenschicksale in der NS-Zeit sollen nicht vergessen sein

Forchtenberg  "Versperrte Wege, zerstörte Leben": So heißt eine neue Broschüre aus Forchtenberg. Sie dokumentiert zwei Schicksale von Forchtenberger Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus.

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Werner Beck (li.) und Fritz Roschmann haben die Broschüre "Versperrte Wege, zerstörte Leben" zusammengestellt. Sie widmet sich dem Schicksal von Johanna Schneck und Magdalene Reinhardt, die in Forchtenberg geboren wurden.

Foto: Armin Rößler

"Wir müssen immer wieder an das Unrecht erinnern, das geschehen ist", sagt Fritz Roschmann. Gemeinsam mit Werner Beck hat der ehemalige Lehrer die Broschüre "Versperrte Wege, zerstörte Leben" erstellt, die in einer ersten Version schon 2013 erschienen war und von der jetzt eine deutlich erweiterte, 116 Seiten starke Neuauflage vorliegt.

In Forchtenberg geboren

Damit wird an das Schicksal von Johanna Schneck und Magdalene Reinhardt erinnert, die beide in Forchtenberg geboren wurden und als Angehörige der Sinti und Roma zu Opfern des Nationalsozialismus wurden. Forchtenbergs Bürgermeister Michael Foss schreibt im Vorwort zur Broschüre, ihre Schicksale sowie die ihrer Familienangehörigen zeigten "auf bedrückende Art und Weise, welch unfassbares Leid der damalige Terror über die Sinti und Roma gebracht hat: Rassenhass, Erniedrigung, Verfolgung und Vernichtung. Ohne Ausweg."

In Auschwitz gestorben

Magdalene Reinhardt ist am 15. November 1943 im KZ Auschwitz gestorben. Als sie 1925 geboren wurde, unterzeichnete der damalige Forchtenberger Bürgermeister Robert Scholl als Standesbeamter die Geburtsurkunde - seine Kinder Sophie und Hans wurden als Widerstandskämpfer der "Weißen Rose" im selben Jahr von den Nationalsozialisten hingerichtet, in dem auch Magdalene Reinhardt getötet wurde. Johanna Schneck, geboren 1905, hat die Konzentrationslager Ravensbrück und Bergen-Belsen überlebt. Ihr Ehemann Paul Delis wurde bereits 1941 in der Anstalt Hadamar ermordet, ihre fünf Kinder wurden in Auschwitz umgebracht. Johanna Schneck selbst starb 1969 in Edenkoben.

Werner Beck und Fritz Roschmann sind beide 78 Jahre alt, machen unter anderem Stadtführungen in Forchtenberg und sind im Heimatverein aktiv. Während sich Beck vor allem ums Organisatorische kümmerte, stellte Roschmann den umfangreichen Text zusammen. Als Lehrer, der unter anderem Geschichte unterrichtet hat, war er nach eigenen Worten schon immer "sehr an der Zeit des Nationalsozialismus interessiert". Eine Anfrage des Tübinger Historikers Udo Grausam hat schon 2009 seine intensive Beschäftigung mit dem Schicksal der zwei Frauen aus Forchtenberg ausgelöst.

Lange Recherchen

Nach einem ersten kleineren Text fürs Gemeindeblatt begannen "lange Recherchen in verschiedenen Archiven". Roschmann schrieb unter anderem nach Auschwitz, wo die Todesurkunden von Magdalene Reinhardt und ihrer Mutter Theresia liegen, er suchte in Standesämtern und durchforstete Taufbücher. "Ich habe auch alte Forchtenberger befragt, die sich noch an die Sinti erinnern können", sagt er.

Eine detaillierte Aufarbeitung

Das Ergebnis ist nicht nur eine detaillierte Aufarbeitung dessen, was Johanna Schneck und Magdalene Reinhardt widerfahren ist, sondern auch ein Blick auf das schwere Leben des als "Zigeuner" beschimpften fahrenden Volks ab dem 18. Jahrhundert. "Ich habe die Punkte rausgepickt, wo Forchtenberg im Spiel war", sagt Roschmann. Der früheste aktenkundige Beleg stammt aus dem Jahr 1721, als drei gefesselte Zigeuner in Forchtenberg eingesperrt wurden, aber noch in derselben Nacht fliehen konnten. Dann geht es darum, wie die Familie Schneck ab 1844 aus Frankreich kommend in Hohenlohe Fuß fasste, gefolgt vom Umgang der Oberämter mit dem fahrenden Volk ab 1900.

Urkunden, Briefe, Fotos

Schließlich widmet sich der Text ausführlich dem Schicksal der beiden Frauen. Mit Urkunden, Briefauszügen und Fotos wird die schlimme Zeit nachgezeichnet: im Fall von Johanna Schneck über die ersten Verhaftungen wegen Bettelns, den Tod ihres Ehemanns Paul Delis, die steckbriefliche Verfolgung und den Tod ihrer Eltern, ihre eigene Deportierung nach Ravensbrück und den Weg der fünf Kinder über die Josefspflege in Mulfingen ins KZ Auschwitz. "Die haben wir alle umgebracht", sagt Werner Beck über ein Foto, das in der Broschüre eine Gruppe lachender Kinder zeigt, unter denen die Autoren Luana, eine Tochter Johanna Schnecks, wähnen. Das, so Beck, dürfe nie in Vergessenheit geraten.


Armin Rössler

Armin Rößler

Armin Rößler, geboren in Heilbronn, aufgewachsen in Untereisesheim, schreibt nach über dreißig Jahren im badischen Exil seit 1. Juli 2020 für die Hohenloher Zeitung.

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