50 Jahre als Forchtenberger Nikolaus

Forchtenberg  Helmut Kacner schlüpft seit 50 Jahren ins rote Bischofskostüm, um Kindern eine Freude zu machen. Den Knecht Ruprecht lässt er zu Hause.

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Hat nach 50 Jahren als Nikolaus viel zu erzählen: Helmut Kacner.

Helmut Kacner musste nicht lange überlegen, als neulich das Telefon klingelte. "Würden Sie noch mal den Nikolaus machen?", lautete die Frage der Stadt Forchtenberg vor ihrem traditionellen Weihnachtsmarkt, der für das kommende Wochenende geplant war, ehe er nun doch kurzfristig abgesagt werden musste. Und natürlich sagte Kacner "Ja", wie er es die letzten 50 Jahre schon gemacht hat. "Das tut mir gut in meinem Alter, wenn so ein Anruf kommt", sagt der 84-Jährige. Ganz unbescheiden stellt er über sein langes Wirken als Nikolaus aber auch fest: "Ich war spitze, ich war gut. So lief das über Jahrzehnte." Davon hat er selbst ebenfalls profitiert: "Ich bin sehr christlich erzogen worden", sagt er. "Die Freude, die ich anderen vermitteln kann, kommt zu mir zurück."

Er fühlt sich in der Region "sauwohl"

Kacner stammt aus Gladbeck im Ruhrgebiet, lebt aber schon seit über 60 Jahren in Forchtenberg, fühlt sich nach eigenem Bekunden "sauwohl" und sagt: "Gott sei gelobt, dass ich hier gelandet bin." Er kommt aus dem Bergbau und hat seine Anfang des Jahres verstorbene Frau Inge in Österreich übers Jodeln kennen gelernt. Gemeinsam haben sie sich dann mit einer Textilpflege in Künzelsau selbstständig gemacht, die heute Kacners Sohn führt. "Und hier bin ich dann der Nikolaus geworden." Wobei er Wert darauf legt, immer "ein lieber Nikolaus" gewesen zu sein, einen Knecht Ruprecht habe er nie dabei gehabt, "es wurde bloß ermahnt, nicht geschimpft".

Mit Plastikmaske und Filzkostüm

Ganz bescheiden ging es los: Kacner zog Anfang der siebziger Jahre im internen Kreis als Nikolaus von Familie zu Familie. "Dann kamen so langsam die Vereine", bald auch Stadtfeste oder Weihnachtsmärkte. Erst in Forchtenberg, dann im ganzen Kochertal, ob in Crispenhofen oder Weißbach, Niedernhall, Ingelfingen und Künzelsau. "Ich war vor allem auch in vielen Kindergärten", erinnert er sich. Bis zu 120 Kinder seien bei diesen Veranstaltungen gewesen.

Er war immer ein lieber Nikolaus

Lang ist es her: die Anfänge mit Pappmaske und Filzkostüm.

Bescheiden war auch Kacners erstes Kostüm mit Kleidern aus Filz, die schon nach fünf Jahren ordentlich Risse hatten, und einer Pappmaske. "Die Gummistiefel habe ich mir selber rot mit Lackfarbe angestrichen." Und später? "Heute bin ich Bischof", sagt Kacner. Über einen Sponsor hat er irgendwann ein Kostüm aus Österreich bekommen, "das ist ganz toll". In diesem war er auch bei seinen Corona-bedingt bislang letzten Auftritten 2019 zu sehen. "Da war noch viel Programm im ganzen Kochertal." Und die Zeiten, in denen er sich oft im Schneetreiben vor dem Auto umziehen musste, waren auch schon lange vorbei.

Pferd und "Engele"

Er war immer ein lieber Nikolaus

Ein Foto aus dem Jahr 2011: Helmut Kacner in vollem Ornat als Bischof Nikolaus auf dem Forchtenberger Weihnachtsmarkt, begleitet von seinem "Engele".

Fotos/Repro: Armin Rößler (2)/Archiv/privat (1)

Kacner, der früher gemeinsam mit seiner Frau und weiteren Gleichgesinnten ein gutes Vierteljahrhundert lang bei Kleinkunstveranstaltungen des Volksbildungswerks mit einem bunten Programm mit Zwanziger- und Dreißiger-Jahre-Musik aufgetreten ist, liegt die Bühne im Blut. "Ich bin mit dem Pferdegespann in der Kutsche vorgefahren", hat er den großen Auftritt immer geliebt. "Dann wurden es dafür zu viele Menschen und der Nikolaus bekam ein Pferd", außerdem ein "Engele" als Begleiter. Auch das habe immer für den gewünschten Aha-Effekt gesorgt. "Ich habe den Gaul mit Möhren bestochen, damit er mich nicht abwirft", sagt Kacner mit einem Schmunzeln. Und: "Vom Gesang der Kinder empfangen zu werden - etwas Schöneres gibt es nicht." Deshalb habe er es auch immer genossen, wenn die Atmosphäre stimmte, Weihnachtslieder gesungen und Gedichte aufgesagt wurden.

Eines seiner schönsten Erlebnisse habe er als Nikolaus in einem Seniorenzentrum in Dörzbach gehabt, erzählt Kacner. "Da kam eine Dame, die war gerade hundert Jahre alt geworden, etwas zu spät zur Feier. Sie sagte: Herr Nikolaus, ich muss mich entschuldigen, ich hatte noch ein Telefonat." Das habe ihn "schier umgehauen", erinnert er sich. "Ich habe meinen Bart beiseitegeschoben und ihr ein Küsschen auf die Stirn gegeben."

Weihnachtsmarkt abgesagt

Am Montagnachmittag ist die Entscheidung gefallen: Die Stadtverwaltung Forchtenberg sagt den für das erste Adventswochenende geplanten Weihnachtsmarkt in der Altstadt ab. Durch die von der Landesregierung am 22. November beschlossene 2G-Plus-Regelung sei zu erwarten, dass viele genesene und geimpfte Besucher durch die Testpflicht dem Weihnachtsmarkt fernbleiben. Insbesondere auch deshalb, da mittlerweile die Teststellen ganz überwiegend rückgebaut wurden. Aus diesem Grund hat sich die Stadt Forchtenberg dazu entschlossen, den Weihnachtsmarkt abzusagen, bevor unter großem Aufwand in dieser Woche der Weihnachtsmarkt aufgebaut wird und auch die Standbetreiber hohe Kosten auf sich nehmen. Die Stadtverwaltung bedauere diese Entscheidung von Herzen und bitte gleichzeitig um Verständnis. "Auch wenn unser Weihnachtsmarkt mit der 2G-Regelung und unter freiem Himmel stattgefunden hätte, sind wir der Auffassung, dass diese Entscheidung der aktuellen Lage angemessen ist", teilt sie mit. red

 

Armin Rössler

Armin Rößler

Armin Rößler, geboren in Heilbronn, aufgewachsen in Untereisesheim, schreibt nach über dreißig Jahren im badischen Exil seit 1. Juli 2020 für die Hohenloher Zeitung.

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