Das älteste Archiv-Foto Neuensteins wirft Fragen auf

Neuenstein  Im vorletzten Teil unserer Serie "Hohenloher Foto-Fossilien" zeigen wir das älteste Foto des städtischen Archivs Neuensteins. Auf diesem ist eine eine Ansicht der Stadt um 1900 zu sehen, es wirft aber einige Fragen auf.

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Das Datum der Aufnahme der ältesten Fotografie der Stadtverwaltung lässt nur erahnen, wie hart das Leben in der Stadt damals war.

Foto: privat

"Bildnummer XY ungelöst" - so hieß im Frühjahr die HZ-Fotoserie, bei der fröhliches Rätselraten zu unbekannten Motiven angesagt war. Ganz so schlimm kommt es nun nicht - denn wir wissen immerhin, was auf dem ältesten Foto der Stadt Neuenstein zu sehen ist: die Stadt Neuenstein nämlich.

Und wir wissen auch, von wann die historische Aufnahme datiert. Zumindest ungefähr: Denn, wie Rainer Gross, der sich im Auftrag der Stadt um deren historisches Bildmaterial kümmert und das älteste Foto für uns aus dem Fundus herausgesucht hat, weiß: "Das Foto muss wohl um das Jahr 1900 herum entstanden sein. Denn es ist darauf noch das Schloß vor Beginn des Umbaus in den Jahren zwischen 1905 und 1914 zu sehen."

Motiv klar, Hintergründe nicht

Auch zur Perspektive weiß Hobby-Historiker Gross Genaueres: "Das Foto ist am nördlichen Rand des Bahndamms gemacht worden, denn links ist ein kleines Stück der Bahnlinie noch sichtbar. Unter dem Bahndamm lief die Sophienstraße, darauf steht eine Person in Eisenbahner-Uniform."

Klar ist auch, dass das Bild nicht allzu früh vor der Jahrhundertwende entstanden sein kann: Die damals neue Neuensteiner Schule, gebaut 1876, ist auf dem Bild zu sehen. So viel zur Klarheit.

Wer das Foto geschossen hat? Und warum? Und wie es in das Eigentum der Stadt gelangte? All das ist - zumindest aktuell - noch ungewiss: "Bedauerlicherweise ist der langjährige Verwalter des Neuensteiner Bildmaterials, Hugo Weller, vor einem Jahr gestorben. Die Aufarbeitung des umfangreichen Bildmaterials durch unseren Arbeitskreis Stadtgeschichte wird noch einige Zeit brauchen und erst nach Corona wieder möglich sein", erklärt Rainer Gross. Doch dafür weiß der Hobby-Historiker einiges zum Leben in der Stadt in jener Epoche um 1900 zu berichten: 1863 war Neuenstein an die Eisenbahn angeschlossen worden.

Verarmung der Bevölkerung

Aber: "Die meisten Bürger der bäuerlich geprägten Stadt profitierten nur wenig vom steigenden Handel und Wandel nach 1863", sagt Gross. "Die industrielle Entwicklung nach dem Bau der Eisenbahnlinie in einigen Städten Nordwürttembergs veränderte in Neuenstein die soziale Struktur negativ: Zahlreiche kleine Handwerksbetriebe konnten mit den industriell hergestellten Waren nicht mehr konkurrieren und mussten schließen."

Die Folgen wurden in der Stadt um das Jahr 1900 dann auch schnell offenbar: Die Zahl der Neuensteiner Schuhmacher, Weber, Schneider oder Schmiede sank beträchtlich, die Tagelöhner, die in sozialer und wirtschaftlicher Unsicherheit ihr Dasein fristen mussten, indes wurden alsbald beträchtlich mehr. All das freilich kann man auf unserem Foto nicht sehen. Die Panorama-Perspektive lässt in der Draufsicht maximal erahnen, wie das Leben in den Neuensteiner Gassen zu jener Zeit wirklich ausgesehen hat.


Christian Nick

Christian Nick

Autor

Christian Nick ist Redakteur bei der Heilbronner Stimme/Hohenloher Zeitung. Schwerpunktmäßig betreut er die Kommunen Kupferzell, Neuenstein und Waldenburg – schreibt aber auch über alles andere gerne.

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