Zum 100. Geburtstag von Widerstandskämpfer Hans Scholl

München/Forchtenberg  Hohenloher gedenken an historischen Orten in München dem Widerstandskämpfer Hans Scholl, der vor 100 Jahren bei Crailsheim geboren wurde und in Forchtenberg aufwuchs.

Von Renate Väisänen
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Wie am 18. Februar 1943 regnet es zum Abschluss des Kunst-Happenings zu Ehren von Hans Scholl die von ihm mitverfassten Flugblätter von der Balustrade des zweiten Stocks in den Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität. Fotos: Renate Väisänen

Lichthof der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU): Dr. Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung, begrüßt am späten Vormittag Renate Deck, Leiterin der Forchtenberger Gedenkstätte Weiße Rose, und ihre rund 40 Mitreisenden in der bayrischen Landeshauptstadt.

Der Lichthof der Traditionsuniversität am Geschwister-Scholl-Platz ist die erste Station der Delegation aus dem Hohenlohischen, die eigens angereist ist, um sich auf die Spurensuche von Widerstandskämpfer Hans Scholl zu begeben und dessen 100. Geburtstag feierlich zu gedenken.

Ergriffen stehen die Besucher an der Außenwand der ehemaligen Professoren-Garderobe und jetzigen Dauerausstellung, an der links ein Bronzerelief mit einer Gedenktafel für Christoph Probst, Willi Graf, Alexander Schmorell, Kurt Huber und die Geschwister Scholl und rechts die Büste von Sophie Scholl angebracht ist. Auf der gegenüberliegenden Gewölbewand prangen die silbernen Weiße-Rose-Orgelpfeifen. Sie sollen die nicht verstummten Stimmen der Widerstandskämpfer symbolisieren.

100 weiße Rosen

Nachdenklich betrachten die Besucher die Monumente in der Geschichte atmenden Halle, während fleißige, mitgereiste Forchtenberger Tische für den anstehenden Sektempfang aufbauen oder Kisten mit Flaschen, die als Vasen für die 100 mitgebrachten weißen Rosen dienen sollen, aus dem Reisebus in das Universitätsgebäude hineintragen, bevor es für die Gesellschaft zum offiziellen Teil der Veranstaltung in die Dokumentationsstätte "Denk-Stätte" geht.

Dafür, dass sie so eine lange Reise zum Gedenken von Hans Scholl in Kauf genommen haben, lobt die ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete Kronawitter die Hohenloher Gäste in ihrer kurzen Ansprache. Fakten zur Dauerausstellung hält Ursula Kaufmann von der Weiße-Rose-Stiftung für die Baden-Württemberger bereit: Rund 45.000 Gäste jährlich verzeichne die Gedenkstätte, die 2017 neu konzipiert worden sei.

Grund für die Erneuerung der Ausstellung, die jetzt zeitgemäß daherkomme, sei der Tatsache geschuldet, dass ein Drittel der Besucher aus dem Ausland kämen. "Ohne Hans Scholl hätte es die Weiße Rose nicht gegeben", betont die Historikerin die prägende Rolle, die der Mitbegründer der Widerstandsgruppe spielte.

Denkmal erinnert an die Widerstandskämpfer 

Hundert weiße Rosen für die Gedankenfreiheit

Künstlerische Installation aus Flugblättern und weißen Rosen im Lichthof.

Wieder im Lichthof, dürfen die Hohenloher Gäste Teil der künstlerischen Inszenierung zu Ehren des Kämpfers für Gedankenfreiheit sein: Während die Gruppe einen weiten Kreis um eine Ansammlung von grünen Flugblättern auf dem Boden in der Mitte des Raumes bildet und abwechselnd Verse aus Dante Alighieris "Göttlicher Komödie" rezitiert, reiht Renate Deck auf den Pamphleten wollig-flauschige Rosenblüten zu einer Spirale an, um die Installation danach mit hundert langstieligen weißen Edelrosen einzusäumen.

Als Höhepunkt des Kunst-Happenings regnet es wie vor 75 Jahren von der Brüstung des zweiten Stocks Flugblätter herab. Bei der anschließenden Führung, die auch vor den Haupteingang der Universität führt, wo ein Bodendenkmal an die Widerstandskämpfer erinnert.

Mit dem Reisebus geht es auf weitere Spurensuche durch München: Vom rostigen Gitterzaun des Ostbahnhofs, wo im Juli 1942 das bekannteste Bild der Widerstandsgruppe entstand, führt die Reise weiter auf den Friedhof Perlacher Forst, der sich nahe der Hinrichtungsstätte der sechs Widerstandskämpfer, dem benachbarten Gefängnis Stadelheim, befindet.

Dort hält die Gruppe an Scholls Grab bei einer kurzen Andacht inne. 50 weiße Rosen legen die Hohenloher nach und nach auf der von einer Hecke umsäumten Grabstätte nieder, auf der zwei schlichte eiserne Kreuze an die Geschwister Sophie und Hans Scholl erinnern, die hier zusammen mit ihren Eltern ihre letzte Ruhestätte fanden. Ein drittes Kreuz erinnert an Christoph Probst, der neben seiner Mutter (ursprünglich im benachbarten Grab) beigesetzt wurde.

Mehr zum Thema: Vom Schicksal der Geschwister Scholl berührt (Premium)

 

Hintergrund: Weiße Rose

Hans Scholl (1918-1943), Mitbegründer der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose, gilt zusammen mit Alexander Schmorell als Verfasser von sechs Flugblätter, die zum Widerstand gegen die NS-Gewaltherrschaft aufriefen. Geboren in Ingersheim an der Jagst, verlebte Scholl, der in einem liberalen und durch christliche Werte geprägten Elternhaus aufwuchs, eine glückliche Kindheit in Forchtenberg, wo der Vater von 1919 bis 1930 Bürgermeister war. Während seines Studiums an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und seines Dienstes als Sanitäter an der Ostfront verstärkte sich bei dem vormals in der Hitlerjugend engagierten Medizinstudenten seine Aversion gegen das Hitler-Regime.

Zwischen 1942 und 1943 wurde von der Weißen Rose sechs Flugblätter verteilt, die zum Widerstand aufriefen. Bei der Verbreitung des sechsten Flugblattes am 18. Februar 1943 im Lichthof des LMU-Hauptgebäudes , von dessen Balustrade des zweiten Stocks aus seine Schwester Sophie die Pamphlete hinunterwarf, wurden Hans und Sophie Scholl vom Hausmeister entdeckt und von der Gestapo inhaftiert.

Am 22. Februar 1943 wurden Christoph Probst, Sophie und Hans Scholl vom Volksgerichtshof unter anderem wegen Sabotage, Führer-Beleidigung und Wehrkraftzersetzung zum Tode durch das Fallbeil verurteilt. Das Urteil wurde noch am selben Tage vollstreckt. Nach einem weiteren Prozess des Volksgerichtshofs wurde der restliche harte Kern der Weißen Rose, Professor Kurt Huber, Wilhelm Graf und Alexander Schmorell, hingerichtet. 

Mehr zum Thema: Lebenslauf von Hans Scholl auf www.forchtenberg.de

 

 


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