Wie Öhringen ganz früh eine Partnerstadt in Sachsen fand

Öhringen  Die Verbindungen von Öhringen zur sächsischen Partnerstadt Großenhain reichen bis in die Fünfzigerjahre zurück. Nach dem Mauerfall ging alles ganz schnell.

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Ingrid Sterzer saß zu Hause in Ernsbach auf dem Sofa und stillte ihre Tochter Linda, als in Berlin die Mauer fiel. "Ich habe es nicht fassen können", sagt sie heute über das, was sie da am 9. November 1989 im Fernsehen gesehen hat.

Als Ingrid Sterzer (damals Breuninger) knapp zwei Jahre später, am 1. Juli 1991, aus dem Mutterschutz zurückkehrte an ihren Arbeitsplatz im Öhringer Rathaus, saß dort in der Dienstbesprechung ein Mann, den sie nicht kannte. Es war Eberhard Hoffmann, Bürgermeister der sächsischen Stadt Großenhain, zu der Öhringen kurz nach der Wende eine intensive Beziehung aufgebaut hatte. Aus dieser Beziehung - zunächst vor allem auf Verwaltungsebene - erwuchs eine Städtepartnerschaft, die Ingrid Sterzer von Anfang 1995 bis ins Jahr 2013 betreute.

Ost und West vor dem Fernseher

Auch Gerhard Feiler hat den Mauerfall am 9. November 1989 am Fernseher mitverfolgt. Er hatte Besuch aus der damals noch existierenden DDR: Thomas Jäcklein, stellvertretender Vorsitzender des Bachchores Ilmenau aus Thüringen, war zu Gast im Hause Feiler.

Jäcklein hatte eine Besuchserlaubnis, weil sein Onkel im Westen 80. Geburtstag feierte. Auf der Reise machte er Halt in Öhringen und sah bei Feilers an der Goppeltstraße, wie sich in der Heimat die Grenze öffnete. Am Abend, erinnert sich Gerhard Feiler, ging Jäcklein mit in die Probe der Öhringer Stiftskantorei: "Der ganze Chor ist aufgestanden und Siegmund Schmidt hat das Deutschlandlied angestimmt."

Aufbau Ost mit alten Schreibmaschinen
Eine Trachtengruppe war umjubelter Gast bei einem Stadtfest in Großenhain.

Bachchor und Stiftskantorei waren bereits seit 1986/87 freundschaftlich verbunden, besuchten sich gegenseitig und gaben wechselseitig Konzerte. Chorsänger Feiler nahm zweimal an Fahrten in die damalige DDR teil. Überdies hatte er als aktives FDP-Mitglied bei zwei Reisen Großenhain besucht, zuletzt im Sommer 1989.

Besuche und Gegenbesuche

Die Verbindungen zwischen den beiden Städten in Sachsen und Hohenlohe reichen jedoch viel weiter zurück. Bereits ab 1954 hatte sich Großenhain um eine Partnerschaft mit Öhringen bemüht, es gab Besuche und Gegenbesuche. Doch Mitte der Sechzigerjahre brach der Kontakt ab. 1988 versuchte der damals neue Öhringer Bürgermeister Jochen K. Kübler, die Verbindung wiederzubeleben. "Es ist gut, dass er das gemacht hat", sagt Feiler heute.

Aufbau Ost mit alten Schreibmaschinen

Beim ersten offiziellen Besuch im Februar 1990 hatte die Öhringer Delegation um Bürgermeister Jochen K. Kübler ( links) eine Schreibmaschine im Gepäck. Fotos: HZ-Archiv

Erste Versuche blieben ohne Resonanz. Aber nur 15 Tage nach dem Mauerfall, am 24. November 1989, meldete sich Küblers Großenhainer Kollege Otmar Wanke und schlug "ein Zusammentreffen zu einem Orientierungsgespräch" vor. Danach ging alles ganz schnell: Bereits zu Weihnachten 1989 erhielten die Öhringer einen Christstollen als Gruß aus Großenhain. Am 23. Januar 1990 diskutierte der Gemeinderat über eine mögliche Städtepartnerschaft und bildete einen vierköpfigen Ausschuss, dem auch Gerhard Feiler angehörte.

Schreibmaschine und Taschenrechner als Geschenke

Mitte Februar reisten der Partnerschaftsausschuss, Bürgermeister Kübler und Hauptamtsleiter Otto Röger in die sächsische Stadt. Bei diesem ersten Besuch hatte die Öhringer Rathausdelegation eine elektrische Schreibmaschine und einen elektronischen Taschenrechner als Geschenke mit im Gepäck.

Rasch entstand ein reger Austausch auf Verwaltungsebene, und ebenso rasch zogen andere Institutionen und Organisationen nach: Handwerkerschaft, Ärzteschaft, Parteien, Gewerkschaften Sportvereine, der Hohenlohekreis. Ende Mai 1990 kam die erste offizielle Delegation aus Großenhain nach Öhringen, angeführt vom frisch gewählten Bürgermeister Eberhard Hoffmann, der sagte: "Wir müssen viel lernen."

Austausch auf Augenhöhe

Aufbau Ost mit alten Schreibmaschinen
Ende 1991 begann dann auch in Großenhain das Computer-Zeitalter.

Es kamen immer wieder Verwaltungsmitarbeiter aus Sachsen nach Hohenlohe, und umgekehrt leisteten Öhringer Fachkräfte Aufbauhilfe vor Ort in Großenhain. "Es war ein sehr guter und offener Austausch", erinnert sich Ingrid Sterzer: "Es ist wichtig, mit den Menschen persönlich umzugehen." Unterstützend sei die Hilfe der Öhringer gewesen, nicht bevormundend nach dem Motto "Wir zeigen euch, wie es geht".

Welche Erinnerungen haben Ingrid Sterzer und Gerhard Feiler an ihre ersten Besuche in Großenhain? "Es war alles grau in grau", sagt der FDP-Stadtrat. "Die Straßen waren gepflastert, Briketts lagen am Rand, das Rathaus war marode", berichtet die heutige Amtsleiterin.

Lernen bei der Landesgartenschau

Aufbau Ost mit alten Schreibmaschinen
Eine Brikettlieferung am Straßenrand zog im Februar 1990 die ungläubigen Blicke der Öhringer Gäste auf sich.

Großenhain, die ehemalige Militär- und Industriestadt nördlich von Dresden, habe sich rasch verändert, haben beide beobachtet. Die russischen Soldaten zogen ab. Viele Betriebe wurden geschlossen, die Arbeitslosigkeit stieg auf rund 20 Prozent. Andererseits wurden Ruinen wie das ehemalige Schloss zu neuem Leben erweckt, die Stadt blühte buchstäblich auf. Als Großenhain 2002 die sächsische Landesgartenschau ausrichtete, fuhren die Öhringer hin und haben dabei "viel gelernt", wie Ingrid Sterzer berichtet.

Mittlerweile ist es ruhiger geworden um die Städtepartnerschaft - auch wenn die Bäckerei Faust aus Großenhain alle Jahre wieder mit Christstollen auf dem Öhringer Weihnachtsmarkt präsent ist. "Es gab eine Zeit, wo die Partnerschaften sinnvoll waren", sagt Sterzer: "Die Jugend hat jetzt andere Möglichkeiten des Austauschs."

 
 
 

Peter Hohl

Peter Hohl

Stv. Leiter Hohenloher Zeitung

Peter Hohl ist seit 1988 bei der Heilbronner Stimme und arbeitet seit 1990 in der Redaktion Öhringen der Hohenloher Zeitung.

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