Von Licht und Schatten im 20. Jahrhundert

Öhringen  In "Welt im Zwiespalt" nähert sich der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum dem 20. Jahrhundert über dessen Gegensätze. Gemeinsam mit seinem Verlagslektor sprach der Autor bei den Literaturtagen in Öhringen über die Entstehung des Buches.

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Von Licht und Schatten im 20. Jahrhundert

In 16 Kapiteln durchs 20. Jahrhundert: Historiker Edgar Wolfrum (links) und Klett-Cotta-Lektor Christoph Selzer sprechen in der Öhringer Stadtbücherei über die Entstehung des Buches "Welt im Zwiespalt".

Foto: Ralf Seidel

Die erste Hälfte war dunkel, in der zweiten Hälfte wurde es hell. Stark vereinfacht könnte man die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit dieser Einteilung auf den Punkt bringen. Und in der Tat haben Historiker dies auch getan. Sie haben das Schlechte, Schreckliche, Tragische während der beiden Weltkriege dem Guten und Fortschrittlichen ab 1945 gegenübergestellt. Für den Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum ist das allerdings - um im Bild zu bleiben - nur die halbe Wahrheit.

Was muss ins Buch, was kann weggelassen werden?

"In beiden Hälften gab es beides", sagt der Professor für Zeitgeschichte am Donnerstagabend in der fast vollbesetzten Öhringer Stadtbücherei. Mit "Welt im Zwiespalt" hat er darum 2017 ein Buch vorgelegt, in dem er eine "andere Geschichte des 20. Jahrhunderts" erzählen möchte. Über dieses Buch im Speziellen sowie die Arbeitsweise von Historikern und die Funktion von Geschichtsschreibung im Allgemeinen dreht sich dann das Gespräch, das Wolfrum im Rahmen der Baden-Württembergischen Literaturtage mit seinem Lektor vom Klett-Cotta Verlag, Christoph Selzer, führt.

 

Er habe lange mit dem Konzept von "Welt im Zwiespalt" gerungen, erzählt der gebürtige Schwarzwälder zu Beginn, galt es doch eine gewaltige Faktenmenge zu bewältigen. Mut zur Lücke war also gefragt, und dennoch sollte das Thema so umfassend wie möglich dargestellt werden. "Geschichtsschreibung ist Konstruktion", erklärt Wolfrum, der sein Jahrhundertpanorama in 16 Gegensatzpaare gegliedert hat, die er jeweils im historischen Längsschnitt schildert - darunter beispielsweise Kapitel zu starken und gescheiterten Staaten, Naturbeherrschung und Umweltkatastrophen sowie zur Säkularisierung und Rückkehr der Religion.

Dem Publikum versucht Wolfrum dieses Zeitalter der Widersprüche einerseits mit Bildern näherzubringen. So projiziert er etwa eine Postkarte von der Pariser Weltausstellung im Jahr 1937 an die Wand, auf der sich der nationalsozialistische und der sowjetische Pavillon als "größenwahnsinnige Protzbauten" gegenüberstehen.

Andererseits konfrontiert er Fakten. "Noch nie sind so viele Menschen auf der Welt verhungert wie im 20. Jahrhundert", erzählt der Professor für Zeitgeschichte zum Beispiel und macht darauf aufmerksam, dass in den 60er-Jahren die Weight Watchers gegründet wurden.

Wenn Persönlichkeiten auf Strukturen treffen

"Geschichte ist die Wissenschaft vom Menschen mit seinen Sichtweisen und Handlungen in der Zeit", so Wolfrum weiter. Darum habe ihn beim Schreiben immer auch das Zusammentreffen von Persönlichkeiten und Strukturen interessiert wie etwa Staatspräsident Michail Gorbatschow in der sich auflösenden Sowjetunion. "Er hat anders reagiert als seine Vorgänger, das macht seine historische Größe aus", urteilt der Historiker - und weist sogleich darauf hin, dass es sich dabei um eine westliche Sicht auf die Dinge handelt. Im Osten gelte Gorbatschow als Verräter.

Zur Person

Edgar Wolfrum, geboren 1960 in St. Georgen im Schwarzwald, studierte Geschichte, Germanistik, Spanisch und Politikwissenschaft in Freiburg im Breisgau sowie in Salamanca. 1990 promovierte er bei Heinrich August Winkler über die französische Besatzungspolitik, seine Habilitationsschrift aus dem Jahre 1999 handelt von Geschichtspolitik in der BRD. Seit 2006 hat Edgar Wolfrum den Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der Uni Heidelberg inne. Zu seinen vielbeachteten Titeln zählen unter anderem "Die geglückte Demokratie", "Die Mauer. Geschichte einer Teilung" sowie "Rot-Grün an der Macht".

Orientierung bieten, Sinn stiften: Diesen Nutzen schreibt man der Historiographie mitunter zu. Für Wolfrum sind das jedoch "kontaminierte Begriffe". "Geschichte wiederholt sich nicht, aber durch die Geschichtsschreibung werden wir sensibilisiert für Strukturen, Ereignisse, Komplexitäten", sagt er.

Zum Schluss wagt der Historiker dann sogar noch einen Blick in die Zukunft - und spricht über sein nächstes Buchprojekt. "Der Aufsteiger" soll es heißen und von der Geschichte Deutschlands von 1990 bis heute handeln. "Nach dem Mauerfall lagen wir uns in den Armen, jetzt liegen wir uns in den Haaren", stellt Wolfrum fest. Wie es dazu kam, darauf soll das neue Buch eine Antwort geben.

Wobei - und daraus macht Edgar Wolfrum keinen Hehl - er auch Optimismus verbreiten und jeden Einzelnen zum Handeln bewegen möchte. "Die Demokratie wurde erkämpft und erstritten und wir sind aufgefordert mitzumachen. Sonst wird es ganz schnell wieder Dunkel", sagt der Historiker.

 


Christoph Feil

Christoph Feil

Autor

Seit 2015 ist Christoph Feil bei der Heilbronner Stimme. Er arbeitet im Ressort Leben und Freizeit. Darüber hinaus schreibt er für das Thementeam Wissen, hat den aktuellen Buchmarkt im Blick und stellt für das "Interview der Woche" Menschen gerne Fragen.

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