Urban Priol mit satirisch-politischem Retromix

Öhringen  Polit-Kabarettist Urban Priol überzeugt mit seinem aktuellem Programm "gesternheutemorgen" rund 500 Besucher in der ausverkauften Öhringer Kultura.

Von Renate Väisänen

Satirisch-politischer Retromix mit Spaßfaktor

Weizenbier, Stehtisch, buntes Hemd, wild zerzauste Haare, scharfe Zunge: Auch in der Kultura teilte Polit-Kabarettist Urban Priol nach allen Seiten aus.

Foto: Väisänen

 

Auswendig lernen, das lohnt ja nimmer", stellt der Künstler zum Beginn seines aktuellen Programms "gesternheutemorgen" fest. Deswegen hat Urban Priol ein "bisschen Text" mitgebracht. Und der liegt gleich neben dem obligatorischen Glas mit alkoholfreien Weizenbier auf einem Stehtisch. Doch zuallererst lässt er sich am Samstagabend zu der aktuellen SPD-Klausurtagung aus. Von Anfang hält der fränkisch-hessische Polit-Satiriker die rund 500 Besucher in der Kultura in Atem, hüpft von einem Thema zum anderen, imitiert, singt, schweift aus.

In seinen alten Texten hätte er ein wenig geblättert und dabei festgestellt, dass er diese eins zu eins in die Gegenwart übernehmen könne - was ihn in eine Art Sinnkrise gestürzt habe. "Das ist das, was du erreicht hast", habe er sich danach gefragt, bevor der Gang zum Psychotherapeuten angestanden hätte. Mit dem "Dicken", Helmut Kohl, habe er damals 1982 die Kabarettbühne betreten. "Wie lange willst du das noch machen", habe er sich selbst gefragt und sich ein ehrgeiziges Ziel vorgenommen: "Du gehst nicht vor ihr!"

Merkel und Kohl imitiert

Mit "ihr" meint Priol Angela Merkel. Da die Kanzlerin Jubiläen liebe, sei er davon ausgegangen, dass sie wenigstens bis 2033 bleiben würde. "100 Jahre Ermächtigungsgesetz - das nehme ich noch mit", imitiert er sie lispelnd mit Brandenburger Dialekteinschlag. Sowie er "den Dicken" bei jeder Gelegenheit mit einem bräsig gebabbelten "Babab, babab" zu neuem Leben erweckt oder die Stimme des gemeinen Volkes zu Wort kommen lässt.

Durch Kohls Amtskollegen Ronald Reagan sei er damals in den 1980ern auf die Politsatire gestoßen, erinnert sich Priol. Und der "verglichen mit Donald Trump links-liberale" Reagan hätte ihm und seinen Weggefährten damals das Studium ziemlich leicht gemacht: Die Gefahr, dass Reagans Atombombe auf Leonid Breschnew falle, dass die Wälder durch sauren Regen vernichtet würden und die Möglichkeit, dass "über toten Robben ein derart großes Ozonloch über Tschernobyl entsteht, so dass einem der Himmel auf den Kopf fällt", hätte zu der allgemeinen Haltung "warum sollten wir uns da eigentlich noch um acht Uhr zur Uni quälen?" geführt.

Spitze Zunge

Wortgewandt und mit spitzer Zunge teilt Priol während seines über zweistündigen Programms aus und erntet dafür reichlich Zustimmung vonseiten der Zuschauer. Gerne trifft es die Kanzlerin, die "Chefanästhesistin der Nation", aber auch die CSU, "die Alpen-Taliban, das diebische Bergvolk" oder Margret Thatcher, "die blöde Schnatze aus England", die Alzheimer-bedingt bei der Beerdigung von Reagan auf dessen Sarg hinunterblickt und fragt "what is in this box?".

Mal trifft es Markus Söder, der "2019 die CSU symbaddischer machen möchte" oder Österreichs Regierungschef Sebastian Kurz, der "eben noch im Ikea-Bälle-Bad", jetzt zusammen mit Horst Seehofer mit Schaufelraddampfern vom Starnberger See die Grenzen im Mittelmeer vor eindringenden Flüchtlingen sichern möchte. "Meine Mauer ist die See und das Elend bleibt uns ferne. Schafft"s der Neger nicht zum Kai, ist das uns ganz allerlei" - bitterböse lässt Priol Merkel dazu auf eine alte Schlagermelodie singen.

Haarsträubendes

Mit seinen Gedankensprüngen und Themenwechseln fordert der 57-Jährige zwar die geballte Aufmerksamkeit seines Publikum, welches jedoch zu seiner Entspannung auch mal über - im wahrsten Sinne des Wortes - Haarsträubendes herzhaft lachen darf: Nämlich dann, wenn Priol lebendig schildert, wie er damals in den 1990ern als "ehrenamtliches Frisurenmodell" durch die groben, Kolchose-Arbeiten gewohnten Hände der "lern(un)willigen" Spätaussiedlerin Ilonka zu seiner charakteristischen Sturmfrisur kam. Heiterkeit ist ebenso angesagt, wenn sich Priol ausmalt, was passieren kann, wenn südländische Fluglotsen des Englischen nicht mächtig sind, wie es die europäische Flugsicherheitsbehörde beklagt. " O no, Madonna, come through the skies very slowly", dirigiert Priol mit ordentlicher Dramatik als italienischer Fluglotse ein imaginäres Flugzeug am Himmel. "Don"t you see the other aeroplano?" mahnt er den Piloten. " O no, notte so feste. Come si dice sinistra in inglese? Links, links."

Irgendetwas laufe doch in Europa gewaltig schief, bringt es der Kabarettist auf den Punkt. Und er hat auch gleich dazu ein geflügeltes Wort der Kanzlerin parat: "Das ist schlümm. Das kann nicht sein, das uns das nicht interessiert."

Zur Person

Schon im Jahr 1982 unternahm Urban Priol ( geboren 1961) erste Schritte auf die Kleinkunstbühne. Bekanntheit erlangte der Polit-Kabarettist und Stimmenimitator mit abgebrochenem Lehramtsstudium durch seine zahlreichen Fernsehauftritte. Vor allem als Gastgeber der politischen Kabarettsendung „Neues aus der Anstalt“ und durch seinen alljährlichen satirischen Jahresrückblick „TILT!“ gewann er an Popularität. Der gebürtige Aschaffenburger ist Träger zahlreicher Auszeichnungen, Im Jahr 2015 wurde sogar ein Asteroid nach ihm benannt. Der Oldtimerliebhaber ist Mitglied des globalisierungskritischen Netzwerks Attac.