Schwöllbronn zweifelt an der Wachstumsideologie

Öhringen  Ein Öhringer Stadtteil wehrt sich gegen Pläne der Stadtverwaltung, die ein Gewerbegebiet nördlich der Autobahn vorsehen. Warum die dortigen Flächen für die Stadt so wichtig sind.

Von Peter Hohl

Schwöllbronn zweifelt am Wachstum

Wolfgang Hinderer, Jörg Urbanski, Doris Neumann-Simpfendörfer, Katharina Heinrich, Markus Mugele und Martin Fischer (von links) beugen sich über den Plan für die Umgehungs- und Erschließungsstraße.

Foto: Peter Hohl

 

Die Rettung der Welt beginnt vor der eigenen Haustür. Zumindest in Schwöllbronn. Nachdem zum zweiten Mal binnen drei Jahren die Möglichkeit eines großen Gewerbegebietes zwischen Dorfrand und A 6 im (politischen) Raum steht, macht der sechsköpfige Ortschaftsrat mobil.

"Es geht um die Grenzen des Wachstums", sagt Wolfgang Hinderer. In der vergangenen Woche hat das Gremium einen Brief an jeden der 40 Öhringer Stadträte geschrieben. Zentrale Frage: "Vor dem Hintergrund der anstehenden Kommunalwahlen würde uns interessieren, wie Sie sich persönlich zu diesem Thema positionieren."

Persönliche Betroffenheit in den Dörfern

Natürlich: Es ist zunächst einmal die persönliche Betroffenheit, der die Schwöllbronner und Unterohrner (beide Dörfer bilden gemeinsam einen Stadtteil) umtreibt. Das Gewerbegebiet Lehenfeld ist zurück auf der kommunalpolitischen Agenda.

Die Stadtverwaltung in Öhringen hatte die Äcker zwischen A 6 und Schwöllbronn bereits 2015/16 ins Visier genommen, um der Schraubenhandelsfirma Schäfer + Peters Entwicklungsfläche anzubieten und sie damit in der Stadt zu halten. Schon damals hatten der Ortschaftsrat und weitere Bürger jede Menge Einwände vorgebracht: Das Dorf, das 2010 im Landeswettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" eine Silbermedaille erkämpft hatte, wehrte sich gegen ein Gewerbegebiet in unmittelbarer Nachbarschaft.

Pläne waren in der Schublade verschwunden

Die Pläne verschwanden wieder in der Schublade. Ein Gewerbegebiet im regionalen Grünzug galt als nicht realisierbar, Schäfer + Peters fand einen anderen Standort für das geplante Hochregallager (der allerdings planungsrechtlich nach wie vor nicht abgesichert ist).

Als der Öhringer Gemeinderat im Spätherbst 2018 die nächste Änderung des Flächennutzungsplanes auf den Weg brachte, nahm die Stadt Äcker und Streuobstwiesen südlich der Autobahn als Erweiterungsfläche fürs Gewerbe ins Visier. Doch zugleich hieß es von CDU, Freien Wählern und Verwaltung, dies müsse nicht so bleiben. Auch nördlich der A 6 sei jetzt Gewerbeentwicklung möglich.

Und weil mit der geplanten Autobahnverbreiterung die Brücke von der Westallee hinüber nach Schwöllbronn ohnehin durch einen Neubau ersetzt werden müsse, könne man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die gewünschte Ortsumgehung für Unterohrn wäre zugleich eine gute Erschließungsstraße für ein Gewerbegebiet.

Ortschaftsrat wird hellhörig

Der Schwöllbronner Ortschaftsrat wurde hellhörig und hakte im Rathaus nach. Und siehe da: Von dort gab es nicht nur Informationen, sondern eine Vorplanung, die den möglichen Verlauf der Straße quer durch Äcker und Felder skizziert. "Die Straße dient nicht nur der Entlastung von Unterohrn, sondern auch der Erschließung neuer Gewerbegebiete", fasst Ortsvorsteher Markus Mugele das zusammen, was er von der Verwaltung erfahren hat.

Nun hätten (nicht nur) die drei Unterohrner im Gremium gegen eine geplante Ortsumgehung nichts einzuwenden. Doch wenn daraus die Erschließungsstraße für ein Gewerbegebiet werde, wollten auch die Unterohrner diese Straße nicht, sagt Martin Fischer.

"Es geht für uns alle um ein generelles Thema", sagt Katharina Heinrich. Das Thema lautet für Markus Mugele: "Wollen wir weiterhin unser schönes Öhringen oder wollen wir uns nicht mehr unterscheiden von einem Ballungszentrum mit Speckgürtel drumherum?"

Kritik an Wachstumsideologie

In seinem Brief an die Stadträte kritisiert das Sextett "eine fragwürdige und überholte Wachstumsideologie: Geschwürartiger Flächenverbrauch, Zerstörung naturnaher Ackerflächen, eine rücksichtslose Versiegelung von Flächen, der unwiederbringliche Verlust unserer Kulturlandschaft scheinen in Öhringen kein Thema zu sein." Dem stünden nicht nur Erkenntnisse zu Klima-, Natur- und Umweltschutz entgegen, sondern auch die politischen Vorgaben beispielsweise des Landes Baden-Württemberg.

"Jeder weiß, dass es so nicht weitergehen kann. Und jeder denkt: Mich betrifft es ja nicht", sagt Doris Neumann-Simpfendörfer. Katharina Heinrich setzt auf auf das politische Engagement vor Ort: "Jede kleine Gemeinde ist verantwortlich."

Verwaltung verzeichnet hohe Nachfrage nach Gewerbeflächen

Die Nachfrage nach Gewerbeflächen "ist seit Monaten überdurchschnittlich hoch", berichtet der Öhringer Rathaussprecher Dr. Michael Walter auf Anfrage unserer Redaktion. Den Flächenbedarf für Gewerbe beziffert er auf 2,5 bis drei Hektar pro Jahr.

Derzeit seien auf Öhringer Gemarkung rund 149 Hektar durch Industrie und Gewerbe belegt, weitere 5,3 Hektar (im Galgenfeld III) sind konkret in Planung. Zum Vergleich: Die Wohnbaufläche beträgt rund 335 Hektar, die gesamte Siedlungsfläche liegt bei rund 807 Hektar.

In den vergangenen sechs Monaten seien bei der Stadt Anfragen für rund 150 Hektar Gewerbeflächen eingegangen. Konkret gelistet seien Anfragen für rund 17 Hektar: acht Hektar von ortsansässigen Betrieben, jeweils 4,5 Hektar von Betrieben aus der Region Hohenlohe und von außerhalb.

Die großen Anfragen (insgesamt fast 135 Hektar) der vergangenen sechs Monate sind nach Auskunft des Rathaussprechers von Logistikunternehmen mit und ohne Montageabteilung gekommen. Als größte Einzelanfragen der jüngeren Vergangenheit nennt Walter 300 Hektar für ein Maschinenbau-Montagewerk aus dem Jahr 2016 und 150 Hektar für einen Automobilzulieferer 2018.

Rathaus setzt auf Wachstum

"Die mittelzentrale Funktion Öhringens und die Bedeutung als Arbeits- und Wohnstandort nimmt weiter zu - die Attraktivität als Unternehmensstandort steigt weiter", schreibt Walter. Dies gelte für alle Mittelzentren in der Region Hohenlohe, die mehr und mehr auch Versorgungsfunktionen kleinerer Gemeinden mit übernehmen.

"Um die Lebensqualität mittel- und langfristig zu erhalten, ist weiterhin ein verantwortungsvolles Wachstum und ist ein Zuwachs von Wohn- und Gewerbeflächen im ländlichen Raum Hohenlohes erforderlich", zeigt sich Walter überzeugt. Zugleich könne die hohe Dynamik der regionalen Entwicklung Hohenlohes, die damit verbundene Lebensqualität sowie das erreichte Wohlstandsniveau künftig nur durch weitere Zuwanderung gehalten werden.