Riesen-Ansturm auf Jobs

Hohenlohe - In der Personalabteilung von Ziehl-Abegg geht es seit einigen Tagen hoch her. Der Weltmarktführer wird überschwemmt von Bewerbungen aus Portugal. "1300 haben wir bis jetzt erhalten, 750 sind geprüft", sagt die zuständige Referentin Ramona Blankenstein. Doch warum gibt es plötzlich dieses riesige Interesse?

Von unserem Redakteur Ralf Reichert

Riesen-Ansturm auf Arbeitsplätze
Portugal leidet unter der Schuldenkrise. Die Wirtschaft liegt am Boden, die Stimmung ist angespannt. Hohenlohe erscheint da wie ein ParadiesFoto: dpa

Hohenlohe - In der Personalabteilung von Ziehl-Abegg geht es seit einigen Tagen hoch her. Der Weltmarktführer wird überschwemmt von Bewerbungen aus Portugal. "1300 haben wir bis jetzt erhalten, 750 sind geprüft", sagt die zuständige Referentin Ramona Blankenstein. Doch warum gibt es plötzlich dieses riesige Interesse? Zum einen, weil am 6. Februar in der Zeitung "Diario Economico" ein Artikel erschien über das Wirtschaftswunderland Hohenlohe und dessen Probleme, Fachkräfte auf dem heimischen Arbeitsmarkt zu finden. Zum anderen, weil der Fernsehsender TVI am 14. Februar mit einem Beitrag nachlegte.

Lawine

Die Autorin der Tageszeitung war Teil einer ausländischen Journalistengruppe, die beim Kongress der Weltmarktführer auf Einladung der Stadt Schwäbisch Hall über die Wirtschaftsregion recherchierte. Der Hintergedanke des Gastgebers war klar: Die Aufmerksamkeit südeuropäischer Fachkräfte auf die Region zu lenken, deren Unternehmen händeringend nach qualifiziertem Personal suchen und dies immer seltener in Hohenlohe oder Deutschland finden.

Beide Medien müssen ein sehr verführerisches Bild gezeichnet haben − konkrete Kontakte und E-Mail-Adressen inklusive. Sie haben eine Lawine losgetreten, die einmalig ist. Mehr als 10 000 Bewerbungen sind bislang eingegangen: 250 bei der Stadt Schwäbisch Hall, der große Rest bei der Agentur für Arbeit sowie bei Firmen wie Würth und Ziehl-Abegg, die in den Beiträgen genannt wurden. "In dem Bericht standen leider einige Gehaltszahlen, die zu hoch sind", sagt der Haller Pressesprecher Robert Gruner. "Die Autorin hat das zwar korrigiert, was aber niemand abgeschreckt hat, sich zu bewerben."

Die Stadt sei völlig überrascht von diesem Ansturm. "Wir würden das nochmal machen, weil es dem Fachkräftemangel ein Stück weit entgegenwirkt, das nächste Mal aber vielleicht etwas strukturierter und koordinierter." Teilweise gingen minütlich Mails aus Portugal ein. "Ganze Familien" hätten sich beworben, auch solche, deren Mitglieder eine Anstellung hätten. Das Problem: "Nur knapp fünf Prozent verfügen über Deutschkenntnisse." Dies erschwere die Vermittlung. Im Fall von Ziehl-Abegg ist das nicht schlimm. "Arbeitskräfte, die bei uns in der Entwicklung eingesetzt sind, müssen nicht perfekt Deutsch sprechen. Es reicht auch, wenn sie gut Englisch können", erklärt Ramona Blankenstein. "Von den 750 Bewerbungen, die gesichtet wurden, sind 89 für uns sehr interessant." Ziehl-Abegg hat derzeit 52 offene Stellen, davon zwei Drittel im Ingenieurbereich, für den die Bewerbungen in Frage kommen. Theoretisch könnte die Firma also ihr Fachkräfteproblem auf einen Schlag lösen.

Bei Würth liegen die Dinge etwas anders. Dort sind gute Deutschkenntnisse das A und O, um eingestellt zu werden. "Wir haben bisher 130 Bewerbungen aus Portugal erhalten, davon kommen aber nur fünf in Frage", sagt Pressesprecherin Marie-Theresia Heitlinger. Vor allem Architekten und Bauingenieure, aber auch Hotelfachkräfte hätten sich beworben.

Anderer Weg

Guido Rebstock, Leiter der Agentur für Arbeit, freut sich über das große Interesse an Hohenlohe, doch er geht lieber den anderen Weg: konkrete Stellengesuche von Firmen über die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) seiner Behörde zu bearbeiten.

So hat die Agentur jetzt enorm viel zu tun, um die Bewerber möglichen Unternehmen zuzuordnen. "Bis zu acht Mitarbeiter sind in den letzten drei Wochen ständig damit beschäftigt." Bevorzugt werden Bewerber weitergeleitet, die arbeitslos sind. Die Krux: Von den mehr als 10 000 sind das nur ein Viertel. Gestern hat Rebstock zwei Portugiesen zu einem Spediteur geschickt. Einige andere werden wohl noch folgen.


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