Öhringer Geiselnehmer muss in Therapie

Öhringen  Eine Geiselnahme in einer Öhringer Postfiliale erregte Ende November Aufsehen. Nun hat das Schöffengericht den 46-jährigen früheren Briefzusteller zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft im Maßregelvollzug verurteilt. In Weinsberg soll der Mann eine Therapie machen.

Von Yvonne Tscherwitschke
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Öhringer Geiselnehmer muss in Therapie

Im rückwärtigen Gebäudeteil des Öhringer Briefverteilungszentrums fand Ende November die Geiselnahme statt.

Foto:Archiv/ Hoffmann

Die Tat erregt Aufsehen: Am Abend des 28. November vergangenen Jahres klopft ein 46-Jähriger an der Rückseite des Postgebäudes. Eine Briefzustellerin öffnet, lässt den früheren Kollegen ein. Sie denkt, er kommt, um mit den ehemaligen Kollegen zu reden. Doch dann sieht sie die Pistole. "Ab da wusste ich, das wird doof", sagt die Zeugin vor Gericht.

Eine zutreffende Einschätzung der Lage. Der frühere Kollege hatte deutlich zuviel getrunken. 3,07 Promille waren es zum Tatzeitpunkt, sagt der psychiatrische Gutachter Thomas Heinrich. Man habe es ihm aber nicht angemerkt, erklären die Zeugen vor Gericht.

Der Angeklagte will mit einem Verantwortlichen aus Heilbronn reden. Denn: Ihm war einige Monate zuvor gekündigt worden. Weil er seine Arbeit nicht mehr schaffte, weil er wohl ein Alkoholproblem hatte. Gegen die Kündigung legte er beim Arbeitsgericht Stuttgart Klage ein.

Er drohte, die Postfiliale in die Luft zu sprengen

Neun Minuten und acht Sekunden, ergibt die Auswertung später, dauert das Gespräch mit dem Qualitätsmanager der Postfiliale, der zu diesem Zeitpunkt zuhause die Kinder hütet. Er solle nach Öhringen kommen, sonst werde er das Gebäude in die Luft sprengen, berichtet der Zeuge von dem Gespräch. Er habe einen Cocktail dabei, habe der Angeklagte zu ihm gesagt. "Erst habe ich nicht gewusst, um was für für einen Cocktail es sich handeln soll", erklärt der Zeuge vor Gericht. "Ein explosiver Cocktail", habe der Angeklagte gesagt. "Da ging mir dann ein Licht auf."

Immer wieder habe er gefragt. was sein Gesprächspartner wolle, erklärt der Zeuge vor Gericht. Darauf gab es keine konkrete Antwort. Irgendwann habe der Angeklagte dann gesagt: Ruf die Polizei.

Die Waffe war eine defekte Softair-Pistole

Das hat zwischenzeitlich schon die Post-Mitarbeiterin getan, die dem früheren Kollegen die Türe geöffnet hatte. Während die zweite Kollegin von dem Angeklagten in einen Rollcontainer gestellt und so am Weggehen gehindert wird, ist ihr die Flucht aus dem Gebäude gelungen. Vor dem Postgebäude ruft sie mit dem Handy eines Passanten die Polizei. Die ist schnell vor Ort.

Allerdings, erklärt der Einsatzbeamte, habe man nicht gleich gewusst, wo im Gebäude sich die Geiselnahme abspiele. Als dann im rückwärtigen Teil eine Türe geöffnet wurde, habe die Zeugin gesagt, das ist er. Die Polizei ruft dem Mann zu, auf den Boden zu gehen. "Erschießt mich doch, erschießt mich doch", habe der Angeklagte mehrfach gerufen. Dann aber habe er sich besonnen, sei zu Boden gekniet, habe die Waffe zur Seite gelegt, erklärt der Leitende Einsatzbeamte vor Gericht. Die Waffe ist eine defekte Softair-Pistole. Für Aufregung sorgt kurz danach das Klebeband, das der Angeklagte um den Bauch gewickelt hatte. "Er erklärte, das sei sein Gürtel", erinnert sich der Polizeibeamte, der zuerst an einen Sprengsatz gedacht hat.

Die Geiselnahme sei eine "Spontantat" gewesen

Woher er die Waffe hatte? Der Angeklagte, der die Tat mit alkoholbedingten Wissenslücken einräumt, weiß es nicht mehr. Die Waffe habe er in der Plastiktüte gefunden, in die er die gekaufte Flasche Weinbrand getan habe. Mit dem Alkohol sei er im Taxi nach Öhringen gefahren. Dort sei einer in die Kneipe, in die er sonst mit den Kollegen ging, und habe Jacky-Cola getrunken. Dann sei er in die Postfiliale. Was er da wollte? Er erinnert sich nicht wirklich. Spricht davon, wie ihn die Kündigung aus der Bahn geworfen habe, von dem Stress bei der Arbeit zuvor. Von "betrügerischer Kündigung" spricht sein Verteidiger.

Als "Spontantat" wertet die Staatsanwältin den Fall, sieht das Geständnis des Angeklagten und kommt zu der Einschätzung, es sei ein minderschwerer Fall. Hier liege der Strafrahmen zwischen einem und zehn Jahren. Der Angeklagte habe sich bei den beiden Frauen, die Todesangst ausgestanden hätten, entschuldigt. Eine der Frauen sei aber noch sechs Wochen nach der Tat nicht arbeitsfähig gewesen und noch heute in psychologischer Betreuung. Aufgrund der hohen alkoholischen Beeinflussung sei der Angeklagte in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt gewesen. Sie fordert drei Jahre, die der Angeklagte im Maßregelvollzug verbringen soll.

Der Verteidiger sieht dagegen nur Nötigung, dafür könne man höchstens ein Jahr Strafe verhängen und auch das zur Bewährung. Sein Mandant könne eine freiwillige Therapie machen. Der Anwalt meint auch: "Die Kündigung ist eine betrügerische gewesen".

Urteil: zwei Jahre und zehn Monate Haft im Maßregelvollzug

Noch am Tag der Verhandlung spricht das Schöffengericht unter Vorsitz von Christian Meyer das Urteil. Das bleibt knapp unter der Forderung der Staatsanwältin. Das Urteil lautet zwei Jahre und zehn Monate Haft, zu verbüßen im Maßregelvollzug. Meyer sagt in seiner Urteilsbegründung zum Angeklagten: "Sehen Sie das nicht als Strafe, sondern als Chance." 

Der Angeklagte habe vor Gericht wohl aus Scham seinen Alkoholkonsum geschönt. Für das Gericht bestehe aber kein Zweifel an einer erheblichen Gewöhnung. Seit der Kündigung habe der Alkoholkonsum noch zugenommen, teils zwei Flaschen Wodka betragen. Die Geiselnahme habe sich zugetragen wie angeklagt, sagt Meyer. Die beiden Frauen im Postgebäude wie auch der Zeuge am Telefon hätten die Bedrohung wahrgenommen.

Spätestens ab dem Moment, als er die zweite Zeugin aufgefordert habe, in den Rollcontainer zu stehen und ihm einen Gesprächspartner in Heilbronn zu vermitteln, sei es eine Geiselnahme gewesen. Beide Frauen seien heute noch erheblich belastet durch die Tat. Eine Zeugin ist vor Gericht wiederholt in Tränen ausgebrochen.

In Weinsberg soll der Mann eine Therapie machen

Der Angeklagte sei schuldfähig, wegen des hohen Blutalkoholwerts aber erheblich in seiner Steuerungsfähigkeit eingeschränkt. Nachdem er zunächst in U-Haft war, ist er seit Mitte März im Zentrum für Psychiatrie in Weinsberg. Dort soll er auch seine Therapie absolvieren, die nach Einschätzung des Gutachters wenigstens zwei Jahre dauern sollte. Sein Auftreten spreche für eine hohe Abhängigkeit und Gewöhnung. "Das Urteil ist eine Entscheidung, die ihr Leben vermutlich maßgeblich beeinflusst", sagt Richter Meyer. "Nutzen Sie die Chance."

 


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