Liebesbedürftiger Augsburger wird in Öhringen Opfer von Betrügern

Öhringen/Augsburg  Es ist die Stunde des Opfers. Bereits seit Anfang Juni läuft vor der 3. Strafkammer des Landgerichts ein Prozess, in dem zwei Männer und eine Frau wegen erpresserischen Menschenraubs angeklagt sind.

Von Peter Richter

Eine Geschichte wie im Krimi: Liebesbedürftiger Augsburger wird in Öhringen Opfer von Betrügern

Fast wäre die Entführung des Augsburgers bei einer Polizeikontrolle aufgefallen. Doch die Entführer flüchteten und verbrannten das Fluchtauto in der Nähe eines Campingplatzes in der Region.

Foto: Archiv/Berger

 

Am Mittwoch sagte der Augsburger, der schwerverletzt zweieinhalb Tage in ihren Händen war, als Zeuge aus.

Beeindruckend ruhig, fast schon buchhalterisch, berichtet der 56-Jährige über das Martyrium, das er zwischen dem 12. und 14.Februar vorigen Jahres mit Todesängsten durchlitten hat.

Es war ein Samstagabend gewesen. Der Diplomingenieur hatte in seiner Augsburger Wohnung im Internet das Dating-Portal "Kaufmich.com" aufgemacht. "Ich wollte Spaß haben." Er chattet mit der blonden 22-Jährigen, die ihm jetzt als Angeklagte gegenübersitzt, ist bereit für mehrere Stunden Sex 700 Euro zu zahlen. Noch in der gleichen Nacht hebt er vom Bankautomaten das Geld ab, fährt 225 Kilometer nach Öhringen. Als er am Sonntagmorgen dort eintrifft, erweist sich die angegebene Adresse als falsch. "Julie" habe ihn angewiesen, in ein sechs Kilometer entferntes Gewerbegebiet bei Schwabbach zu fahren.

Maskierte stürzen sich auf ihn

Als er dort aus seinem Mini Cooper steigt und auf ein Haus zugeht, stürzten sich zwei maskierte Männer auf ihn. Dem Augsburger, ein schlanker, großgewachsener Mann, gelingt es, sich loszureißen, doch er kommt nicht weit. Die Frau sprüht ihm Pfefferspray ins Gesicht, fast gleichzeitig fährt ihn ein schwarzer Audi an. "Fast direkt von vorne", erinnert sich der Zeuge. Er sei mit Oberkörper und Kopf auf die Motorhaube geknallt, dann aufs Straßenpflaster gerutscht. Erneut stürzen sich beide Männer auf ihn, einer zielt mit einer Pistole auf seinen Kopf.

"Ich sollte in den Audi einsteigen." Doch der Augsburger kann nicht aufstehen. Er hat einen komplizierten Beinbruch erlitten. Noch am Boden liegend habe er die 700 Euro aus seiner Jacke gegriffen und auf die Motorhaube gelegt, berichtet der Zeuge. Er hofft, dass die Täter sich damit zufriedengeben.

Kontrolle entwischt

Doch er hat sich geirrt. Sie tragen den Schwerverletzten in den Audi und fahren mit ihm weg. Die Frau fährt seinen Mini Cooper. Weil die beiden Fahrzeuge unterwegs mit knapper Not einer Polizeikontrolle entwischt sind, wollen sie, um keine genetischen Spuren zu hinterlassen, das Fluchtauto zu verbrennen. Der Augsburger, dem die Augen verbunden sind, hört Benzinkanister klappern, kann verschüttetes Benzin riechen. Er erleidet Todesängste. "Ich habe gefragt, wollt ihr mich jetzt verbrennen." Eine Antwort bleibt aus, doch dann wird er in ein anderes Auto getragen, wo er für eine Weile allein bleibt. Dann kommt der Anführer des Trios zurück.

Entführer gesehen

"Oh Gott, ich dachte da, ich werde jetzt erschossen", erinnert sich das Opfer vor Gericht. Denn er trägt zu dem Zeitpunkt keine Augenbinde und sein Entführer steht ihm unmaskiert gegenüber. Er sei von dem jetzt auf der Anklagebank sitzenden 25-Jährigen gefragt worden, "was ich zu bieten hätte, wenn sie mich freiließen. Der Augsburger verspricht seinen Entführern, 40 000 Euro locker zu machen. Weil er dazu sein Laptop benötigt, das in seiner Augsburger Wohnung liegt, auf dem seine Passwörter für sein Konto gespeichert sind, fahren Täter und Opfer nach Augsburg, dann weiter nach München. Bei einem Autoverleih im Norden der Stadt mieten sie einen großen Audi-Geländewagen. Was nicht so einfach ist. Keiner von ihnen kann einen Führerschein vorweisen.

Angst ums Leben

Der verletzte Augsburger, im Auto sitzend, unterschreibt den Mietvertrag. Hier unterbricht Richter Roland Christiani den Zeugen, will wissen, warum dieser nicht dem Händler durch Augenzwinkern signalisiert habe, dass etwas an der Sache faul sei. "Ich hatte Angst um mein Leben. Ich wollte es einfach zu Ende bringen", antwortet der 56-Jährige, der mit Rechtsanwältin Mandana Mauss zum Prozess erschienen ist. "Ich habe mitgespielt." Aus demselben Grund telefoniert er später von seiner Wohnung aus mit seinem Bankberater, macht es möglich, dass einer der Angeklagten 40 000 Euro vom Geldautomaten abheben kann.

Heimliche Notiz

Einer heimlich geschriebenen Notiz und dem Umstand, dass sein Bewacher eingeschlafen war, verdankt der Augsburger schließlich seine Freilassung. Der Anführer und seine Freundin hatten den Verletzten mit dem anderen Angeklagten in der Wohnung zurückgelassen. Der 56-Jährige lag im Schlafzimmer, rechnete damit, wenn die Sache gut für ihn ausgeht, irgendwann ins Krankenhaus zu kommen. "Ich habe mir Notizen gemacht, was ich mitnehmen muss." Dabei schrieb er auch eine Notiz über seine Entführung, die er unter seiner Matratze versteckte.

Als sein Bewacher eingeschlafen war, schrie der 56-Jährige um Hilfe, was ein Nachbar hörte und Polizei und Rettungsdienst alarmierte. Sein Bewacher ließ sie in die Wohnung. Als sich ein Sanitäter sein Bein anschaute, drückte ihm der Schwerverletzte einen Zettel in die Hand, mit der Notiz, er sei Opfer einer Entführung. Der Sanitäter informierte einen der Polizisten. Er und ein weiterer Polizist überwältigten dann den Täter.