Ausbreitung des Coronavirus in Hohenlohe weiter gebremst

Hohenlohe  Die Verdopplungszeit im Hohenlohekreis steigt innerhalb einer Woche von neun auf 16,75 Tage. Noch sind in der Region genügend Beatmungsbetten vorhanden, um auch die schwerer Erkrankten zu versorgen. Unterdessen warnt der Landrat vor falschen Hoffnungen.

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Dass sich viele Bürger nach wie vor massiv für die absoluten Corona-Fallzahlen im Hohenlohekreis und den einzelnen Kommunen interessieren, kann Landrat Matthias Neth einerseits verstehen. Schließlich war der Kreis bundesweit als Hotspot in den Schlagzeilen. Andererseits verweist er immer wieder darauf, dass diese Zahlen Tag für Tag mehr Aussagekraft verlieren.

Absolute Fallzahlen sind für den Kreis nicht mehr relevant

"Am Anfang, als die Hotspots in Kupferzell und Pfedelbach rasant gewachsen sind, war das noch nachvollziehbar. Für unsere aktuelle Lagebewertung sind aus epidemiologischer Sicht aber jetzt ganz andere Zahlen relevant", erklärt Neth im Gespräch mit der Hohenloher Zeitung. "Schaut man sich etwa nur die Zuwächse in den letzten sieben Tagen an, sind wir gar nicht mehr Spitzenreiter in Baden-Württemberg, was die relative Fallzahl pro 100.000 Einwohner betrifft."

Ausbreitungstempo und Klinikkapazitäten sind jetzt entscheidend

Entscheidender sei im aktuellen Stadium die Ausbreitungsgeschwindigkeit und die Frage: "Halten die Krankenhäuser durch?" In beiden Fällen kann Neth derzeit Entwarnung geben. Die Zahl der laborbestätigten Covid-19-Fälle verdopple sich aktuell nur noch alle 16,75 Tage, der Landesschnitt liege bei elf Tagen, der Bund wolle zwölf bis 14 Tage erreichen. Vor einer Woche waren es im Hohenlohekreis neun Tage. "Wenn wir wie zuletzt jeden Tag zehn, 15 oder 30 Fälle dazubekommen, heißt das: Die Epidemie entwickelt sich plangerecht weiter. Wenn wir an einem Tag 300 mehr hätten, wäre ein neuer Hotspot da." Der sei aber nicht zu erkennen.

Laborbestätigte und andere Fälle

"Mittlerweile haben wir in allen 16 Städten und Gemeinden laborbestätigte Coronafälle." Laborbestätigt: Dieses Wort ist wichtig. Denn die tatsächliche Zahl, schätzt Neth, dürfte "um den Faktor fünf bis zehn höher liegen, wie im ganzen Land". Das ist die berühmte "Dunkelziffer". Der Hohenlohekreis erfasst zudem die Zahl der klinisch-epidemiologisch bestätigten Covid-19-Erkrankungen ohne Test, sie werden teilweise nachträglich getestet und fließen dann wieder in die offizielle Landesstatistik ein, die nur laborgetestete Fälle listet. Der ungetestete Anteil liege bei einer "kleineren zweistelligen Zahl", so das Landratsamt. Er ist in der Gesamtbetrachtung also wenig relevant. Wie die HZ erfuhr, sind in Baden-Württemberg lediglich unter 200 klinisch-epidemiologisch bestätigte Fälle offiziell gemeldet.

 

 

Ältere Erkrankte werden immer relevanter

"Die Epidemie zu stoppen: Darum geht es nicht. Wichtig ist eine langsame und regelhafte Ausbreitung", sagt Neth. Auch die Zahl der Genesenen sei immer stärker zu berücksichtigen. Von 25. März bis 7. April ist sie von neun auf 357 gestiegen. Und ein weiterer Punkt werde immer relevanter: Die Zahl der über 80-Jährigen, die den Coronavirus in sich tragen. Also die Hochrisikogruppe. Stand 7. April sind - gerechnet auf 100.000 Einwohner - die meisten neueren Fälle diesem Personenkreis zuzurechnen, danach folgen die zwischen 60 und 79 Jahren. Die Altersgruppe der 35- bis 59-Jährigen rangiert dahinter, auch wenn sie in der Gesamtschau weiter vorne liegt.

Derzeit gibt es genügend Beatmungsbetten

"Am Anfang waren viele Jüngere betroffen, jetzt rückt immer mehr die ältere Generation in den Fokus." Und damit die bange Frage: Gibt es genügend Beatmungsbetten? Neths Antwort: "Trotz immer mehr älterer Patienten halten die regionalen Kliniken das derzeit gut durch." Bei den leichteren Beatmungsfällen stehe das Hohenloher Krankenhaus (HK) in Öhringen mit zwölf Intensivbetten bereit. "Bei den schwereren Beatmungsfällen sind die größeren Kliniken gefragt. Das ist der entscheidende Faktor." Die schiere Zahl der Geräte und Betten ist dabei nicht das Problem, sondern das erforderliche Fachpersonal. Die normalen Corona-Betten seien ausreichend. "Das HK könnte sofort 120 weitere Corona-Patienten aufnehmen. Und es wäre im äußersten Notfall sogar noch mehr Platz."

Die Versorgung der ganz schweren Coronafälle ist die eine Achillesferse, die Pflegeheime sind die andere. Der Hohenlohekreis hat bereits zehn unter Quarantäne gestellt, weil der Coronavirus grassiert. Weitere Verschärfungen könnten folgen. Per Anordnung durch den Kreis.

Landrat kündigt noch mehr Allgemeinverfügungen an

"Solche Allgemeinverfügungen unsererseits wird es auch für andere Bereiche noch viele geben", stellt sich Neth auf eine "Dauerlage" ein. Auch wenn das öffentliche Leben wieder Fahrt aufnimmt. "Wir müssen sehr genau die Bereiche reglementieren, die als erste wieder hochgefahren werden." Seien es Schulen oder Läden. Denn: "Egal was wir aufmachen, wir sehen immer erst zehn bis 14 Tage später, welche Folgen das hat." So lange dauert die Inkubationszeit. "Wir schauen also immer in die Vergangenheit." Umso wichtiger sei, so viel wie möglich zu testen. Der Kreis sei gewappnet und könne die Kapazitäten in Belzhag auf bis zu 300 Abstriche pro Tag hochfahren.

"Wir werden noch lange auf Geselligkeit und Feste verzichten müssen"

Neth warnt die Bevölkerung gleichzeitig vor falschen Hoffnungen: "Bis es einen Impfstoff gibt, wird es keine Rückkehr zur Normalität geben. Wir werden noch ganz lange auf Geselligkeit und Feste verzichten müssen." Größere Veranstaltungen seien tabu, weil genau dort auch weiterhin die größte Ansteckungsgefahr bestehe.

 

 

 


Ralf Reichert

Ralf Reichert

Redaktionsleiter Hohenloher Zeitung

Ralf Reichert ist seit Oktober 2006 Redaktionsleiter der Hohenloher Zeitung. Die Region Hohenlohe ist seit jeher seine journalistische Heimat. Er kam vom Haller Tagblatt und stammt aus dem Taubertal. Bei der HZ kümmert er sich vor allem um die Kreisthemen. 

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