Arbeitsplatz bedeutet für behinderte Frau ein Stück normales Leben

Öhringen  Trotz schwerer Behinderung nach einem Autounfall hat es Katrin Stecher aus Bretzfeld-Schwabbach bei der Öhringer Firma Veigel zurück in den ersten Arbeitsmarkt geschafft. Die 34-Jährige ist im Kollegenkreis gut integriert und die Tätigkeit macht ihr Spaß.

Von Barbara Griesinger

Email

Katrin Stecher an ihrem Arbeitsplatz bei Veigel: Die 34-Jährige aus Schwabbach kann nach einem Unfall ihre linke Hand nur eingeschränkt bewegen, hat eine Sprach- und Gehbehinderung. In der Firma ist sie gut integriert und glücklich.

Foto: Barbara Griesinger

Konzentriert sitzt Katrin Stecher an ihrem Arbeitsplatz in der Werkhalle der Firma Veigel. Bei dem Hersteller von Doppelbedienungen für Fahrschulautos sowie Fahrhilfen, die Menschen mit Behinderung die Mobilität im eigenen Auto ermöglichen, verpackt sie Einzelteile samt Beschreibungstext. Die Arbeit ist anspruchsvoll für die 34-jährige Bretzfelderin, die seit einem Unfall mit Schädel-Hirn-Trauma ihre linke Hand nur eingeschränkt bewegen kann. Auch eine Sprach- und Gehbehinderung sowie eine Schwächung des Kurzzeitgedächtnisses sind zurückgeblieben. Trotz allem arbeitet Katrin Stecher gern: "Hier freu ich mich immer aufs G"schäft. Wir sind hier ein ganz normales Team, und das macht Spaß", erzählt sie.

Das war nicht immer so. An ihrem ersten Arbeitsplatz in den Krautheimer Werkstätten für Behinderte hat es ihr "nicht so gut gefallen": Zu viel Zeit und Energie sei auf dem langen Weg zur Arbeit, zu wenig Zeit und Kraft für Ergo- und Physiotherapien und ihren geliebten Hund geblieben, zu wenig Kontakt zu den Arbeitskollegen gewesen. Nach zehn Jahren wollte Katrin Stecher deshalb zurück auf den ersten Arbeitsmarkt und in ein möglichst normales Leben.

Geht die Arbeit aus, wird sie ungeduldig

Die "Hey Kruno los, komm"! Mir geht"s G"schäft aus!", ruft sie ihrem Kollegen zu, kaum dass die letzte Tüte gepackt ist. "Wenn der Katrin die Arbeit ausgeht, dann wird sie ganz schnell ungeduldig", sagt Kruno Kovacek und betont: "Aber sie ist sehr zuverlässig. Das ist wichtig, weil sie das alles als Letzte in der Hand hat", während er die verpackten Komponenten wegräumt und neues Arbeitsmaterial bringt. Jetzt geht es für Katrin Stecher ans Aufschrauben von Muttern und Gelenkkopf an Schubbügel und Gewindestangen. Wie die Einzelteile zusammengefügt werden müssen, zeigt ihr ein Muster. "Das Muster muss sein. Mein Gedächtnis ist nicht so gut", erklärt sie und fängt zu schrauben an.

Behinderte Menschen liegen Firma am Herzen

Als Hubert Meixner vom Integrationsfachdienst Hohenlohe-Franken 2017 für Katrin Stecher auf Arbeitssuche ging, hätte er "nicht gedacht, dass wir einen Arbeitsplatz für sie finden". Nur Absagen gab es auf seine Anfragen, bis im Dezember der Kontakt zur Firma Veigel zustande kam. "Unsere Produkte haben mit Menschen mit Behinderung zu tun. Deshalb liegen uns diese Menschen besonders am Herzen", erklärt Veigel-Geschäftsführer Jan Swyter, warum er insgesamt fünf behinderte Mitarbeiter, die nur eingeschränkt arbeiten können, in seinem 80-Mann-Unternehmen beschäftigt.

Förderung ist wichtig

Als Katrin Stecher als Praktikantin im März 2018 im barrierefreien Firmenneubau in Öhringen, der nur zehn Autominuten von ihrem Schwabbacher Zuhause entfernt ist, zu arbeiten beginnt, ist Swyter dennoch besorgt: Ob die Mitarbeiter durch die Unterstützung für Katrin Stecher nicht überlastet werden. Und ob die Arbeit für sie selbst nicht zu anstrengend ist. "Anfangs war sie sehr eingeschränkt, in der Motorik und der Merkfähigkeit", erinnert er sich. Aber die Kollegen in Stechers Umfeld hätten schnell signalisiert: Man muss sie fördern. Sie kann das. Sein Fazit: "Für Mitarbeiter ist es immer eine Art Mehrarbeit. Aber wenn die Integration klappt, ist das kein Problem. Zudem ist die soziale Komponente gut fürs Betriebsklima."

Integration hat geklappt

Und Katrin Stechers Integration klappt: Schon nach den ersten vier Wochen ist der externe Jobcoach, der sie im Arbeitsalltag begleitet hat, nicht mehr nötig. Sie wird von ihren Kollegen unterstützt und findet sich immer besser im Betrieb zurecht. Mittlerweile sei sie eine "fröhliche junge Frau, die immer einen lockeren Spruch drauf hat" und "sehr gut integriert", fasst Hubert Meixner zusammen. Ihre Arbeitstätigkeit wirke zudem "fast wie praktische Bestandteile der Ergotherapie, nur dass dabei etwas Produktives gemacht wird", betont Thomas Bär von der Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik, die Stechers Integration fördert. Arbeit und Therapie ergänzten sich so gut, dass sich Motorik und Merkfähigkeit verbessern. Und aus dem Praktikum ist ein regulär bezahltes, vorerst noch befristetes Arbeitsverhältnis mit 20 Wochenstunden entstanden. Beschreibt Katrin Stecher ihr neues Lebensgefühl, sagt sie schlicht: "Ich bin glücklich."

Unterstützung vom Integrationsfachdienst

Integrationsfachdienst und Berufsgenossenschaften unterstützen die Integration behinderter Arbeitnehmer auf dem ersten Arbeitsmarkt. Der Integrationsfachdienst (IFD) bringt Arbeitgeber und Bewerber zusammen. Sie können sich im Rahmen eines Praktikums kennenlernen. Der IFD begleitet die Einarbeitung, kommt bei Bedarf im Betrieb vorbei und bleibt auch nach einer Anstellung Ansprechpartner bei Fragen und Problemen im betrieblichen Alltag. Er informiert zudem über die individuellen Auswirkungen unterschiedlicher Behinderungen, Belastbarkeit und Arbeitsfähigkeit und berät Arbeitgeber, Vorgesetzte und Kollegen im alltäglichen Umgang mit (schwer)behinderten Beschäftigen.

 

Kommentar hinzufügen