Spaziergang durchs Künzelsau von einst

Künzelsau  Fotos von Siegfried Reinold dokumentieren im Stadtmuseum den Wandel der Hohenloher Kreisstadt in den 70er und 80er Jahren. Damals wurde die Basis für das heutige Stadtbild geschaffen.

Von Barbara Griesinger
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Wo heute Grünfläche und Parkplätze dominieren, stand einst die Keimzelle des Künzelsauer Wirtschaftswunders, die Schlossmühle. Links im Bild die früheren Jugendbaracken.

Das Alte Rathaus mitten in der Hauptstraße, das ist ein guter alter Bekannter. Und auch der Blick in die Keltergasse ist noch vertraut: Ein Coop-Laden mit Flachdach hat sich da zwischen zwei Gebäude geklemmt. Der hat sich mittlerweile in ein Modegeschäft verwandelt.

Aber was hat es mit dem Backsteingebäude mit den angebauten Flügeln auf sich, das offenbar früher an der Allee stand? Altbekanntes und Aha-Erlebnisse finden sich in der aktuellen Ausstellung im Künzelsauer Stadtmuseum, wo Fotos von Siegfried Reinold zu sehen sind. Sie dokumentieren die Entwicklung der Kreisstadt in den 70er und 80er Jahren.

Geölter Boden und saukalt

Spaziergang durchs Künzelsau von einst

Wo heute das Landratsamt steht, waren früher Sportler in der Allee-Turnhalle zu Gange. Der Backsteinbau stammt aus den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts.

Bei dem rätselhaften Backsteingebäude muss Ehrenfried Biehal gar nicht nachdenken: "Das ist die alte Allee-Turnhalle und der Allee-Kindergarten", erklärt er.

Er hat dort noch Sport gemacht, wo heute das Landratsamt des Hohenlohekreises steht. "Der Boden war geölt. Entsprechend hat es gerochen, und mit einem Bullerofen wurde geheizt. Im Winter war es da immer saukalt", erzählt der Künzelsauer vom Verein Stadtgeschichte schmunzelnd.

Vereinskollege Hermann Stierle erinnert sich an den "Seimarkt", der auf dem Alleeplatz stattgefunden hat. Und natürlich an den Frühjahrs- und Herbstmarkt mit Schiffschaukeln und Boxautos.

Die Halle hat Ähnlichkeit mit der Alten Turnhalle in Öhringen, fällt Hermann Stierle auf. "Wann ist die denn gebaut worden?", fragt er Stefan Kraut. "Das dürfte um 1880 herum gewesen sein", schätzt der Künzelsauer Archivar und Stadthistoriker.

Wer das Glück hat, mit älteren Künzelsauern durch die Fotoausstellung im Stadtmuseum der Kreisstadt zu schlendern, der bekommt nicht nur Erklärungen zu den historischen Stadtansichten, sondern auch einen Einblick in die Künzelsauer Geschichte. Und bei einem Rundgang durch die Stadt, anhand von rund 60 Fotos, kommt man gar nicht aus dem Staunen heraus.

Im alten Künzelsau ging es eng zu

In vielen Quartieren im heutigen Stadtkern ging es damals noch eng zu. Etwas altersschwach und heruntergekommen sehen manche Gebäude aus. "Nun ja, auch in anderen Städten hat es solche Quartiere gegeben", relativiert Stefan Kraut. Viele Familien hätten nicht das Geld gehabt, ihre Häuser zu sanieren. Auch die sanitären Verhältnisse seien damals oft nicht mehr zeitgemäß gewesen. Die Bausubstanz mit verschachtelten Besitzverhältnissen sei oft sehr alt gewesen, schließlich sei Künzelsau im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört gewesen.

Bei der Altstadtsanierung zwischen 1974 und 1989 seien rund 70 bis 80 Prozent der Gebäude mit staatlicher Förderung erneuert - sprich abgerissen und durch Neubauten ersetzt - worden. Damals wurde die Basis für das heutige Stadtbild geschaffen.

Keimzelle des Wirtschaftswunders

Wo heute das AOK-Gesundheitszentrum das Stadtbild dominiert, wurden früher Zigarren gerollt. Wo heute in den Wertwiesen jeden Tag Autos parken, stand einst die Schlossmühle. Eigentlich schade um das große Fachwerkgebäude, das Keimzelle des Künzelsauer Wirtschaftswunders war.

Spaziergang durchs Künzelsau von einst

Die Künzelsauer Wertwiesen am Kocher, wie wir sie heute kennen. So sieht die Fläche seit dem Jahr 2008 aus, als sie im Rahmen des Projekts "Stadt am Fluss" neu gestaltet wurde.

Fotos: Barbara Griesinger

"Würth, Ziehl, Stahl, alle haben hier angefangen. Und zum Schluss hat sie Sigloch gehört", erzählt Ehrenfried Biehal. Und gleich nebenan erinnern flache Baracken auf Stelzen - schließlich war der Bereich Hochwassergebiet - an den ersten Jugendtreffpunkt der Stadt.

Auch ältere Künzelsauer müssen sich vor manchem Foto "erst reindenken" und nach Orientierungspunkten suchen. Denn viele Landmarken von heute sucht man auf den Fotos aus den 70er und 80er Jahren vergebens. Auch anstelle des Künzelsauer Rathauses mit seinem extravaganten Leuchtturm gab es damals noch ein eher unscheinbares Gebäude-Konglomerat aus Feuerwache und Gewerbeschule.

Verglichen mit der einst etwas alterskrummen Hohenloher Kleinstadt, hat sich Künzelsau zu einer schicken Landlady gemausert, mit proper sanierten Alt-, gut ins Stadtbild eingepassten Neubauten und dem einen oder anderen architektonischen Hingucker - ganz so, wie man es von einer Hauptstadt der Weltmarktführer mit einem Hauch Understatement erwartet.

Sammlung mit 2300 Fotos

In der Ausstellung werden 60 Fotos von Siegfried Reinold gezeigt. Weiteres Bildmaterial des begeisterten Fotografen, der von 1973 bis 2003 als Bautechniker im Hochbauamt der Stadt Künzelsau gearbeitet hat, ist auf einem Bildschirm zu sehen. In seinen Fotos hielt er die Veränderungen im Stadtbild fest. 2016 ist er im Alter von 76 Jahren gestorben und hat der Stadt rund 2300 Fotos vermacht, die er vor allem in der Zeit der Altstadtsanierung Süd in den 70er und 80er Jahren aufgenommen hat, die 1989 mit dem Rathausneubau abgeschlossen wurde.

"Eine Fundgrube, ein wahrer Schatz" sind seine Aufnahmen, da sind sich Archivar Stefan Kraut und viele ältere Künzelsauer einig. Denn ohne ihn wäre der Blick auf dieses alte Künzelsau für immer verschwunden. Die Ausstellung ist bis 29. November im Stadtmuseum Künzelsau zu sehen. Öffnungszeiten: mittwochs bis sonntags von 13 bis 17 Uhr. 

 

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