"Wir müssen ehrlicher miteinander umgehen"

Hohenlohe - Helmut M. Jahn geht es so wie den meisten Bürgern. Zwischen den Jahren ist die beste Zeit, um innezuhalten, zurückzuschauen und nach vorne zu blicken. Ralf Reichert sprach mit dem 61-jährigen Landrat, der seit diesem Jahr auch Präsident des Landkreistags von Baden-Württemberg ist.

"Wir müssen ehrlicher miteinander umgehen"
Macht sich zum Jahreswechsel so seine Gedanken: Landrat Helmut M. Jahn.

Landrat - Helmut M. Jahn geht es so wie den meisten Bürgern. Zwischen den Jahren ist die beste Zeit, um innezuhalten, zurückzuschauen und nach vorne zu blicken. Ralf Reichert sprach mit dem 61-jährigen Landrat, der seit diesem Jahr auch Präsident des Landkreistags von Baden-Württemberg ist.

Alle sparen. Wann beginnt das Landratsamt, im eigenen Haus zu kürzen?

Helmut M. Jahn: Die Bevölkerung erwartet einen ordentlichen Service. Wir haben in vielen Bereichen schon zu lange Wartezeiten, was nicht daran liegt, dass die Mitarbeiter zu bequem wären. Wir prüfen laufend, wo wir noch sparen können. Von 2005 bis 2011 haben wir bei der Hälfte unserer Mitarbeiter zwanzig Prozent eingespart. Viele Kritiker sollen das erst einmal nachmachen.

Dennoch ist die Finanzlage schlecht.

Jahn: Massive Steigerungen im sozialen Bereich sind die eigentlichen Kostentreiber. Wir sind ein kleines Haus, müssen aber alle Aufgaben vorhalten. Die Strukturen anzugreifen, also die Eingliederungshilfe für Behinderte oder die Grundsicherung für Ältere zu senken, dazu ist ein Kreistag nicht in der Lage.

Was war in diesem Jahr die wichtigste Nachricht für den Hohenlohekreis?

Jahn: Dass wir in wirtschaftlich schwierigen Zeiten relativ gut über die Runden gekommen sind.

Würth bleibt in Künzelsau und investiert kräftig am Stammsitz. Wie wichtig war das?

Jahn: Ebenfalls sehr, sehr wichtig. Mindestens genauso wichtig ist die Botschaft, dass Reinhold Würth wieder durchaus froh und dankbar ist, Hohenloher zu sein, und das damit dokumentiert.

Was hat Sie 2010 am meisten bewegt?

Jahn: Weltpolitisch die Kriege in Afghanistan, im Irak, der Terrorismus oder Naturkatastrophen wie in Haiti. National und regional der Protest um Stuttgart 21.

Was hat Sie am meisten geärgert?

Jahn: Wir müssen ehrlicher miteinander umgehen. Ein Politiker schreibt 2009, dass es ohne Atomkraft nicht geht, und versucht als Umweltminister 2010, dies zu verhindern: Solche Dinge führen zu jener Verdrossenheit, die sich bei Stuttgart 21 manifestiert hat.

Was hat Sie am meisten gefreut?

Jahn: Die Einweihung der Richard-von-Weizsäcker-Schule und die Feiern zum 20-jährigen Bestehen der Kreispartnerschaft mit Limerick.

Die B19 um Gaisbach ist fertig, aber viele Landesstraßen sind auch fertig, sprich: kaputt. Das eine wirkt wie Verschwendung, wenn man die vielen anderen offenen Baustellen sieht.

Jahn: Das kann ich sogar nachvollziehen. Nur kann man das eine mit dem anderen nicht vergleichen. Bei den Landesstraßen weiß der Ministerpräsident, dass mehr getan werden muss. Auf Dauer wird es ohne eine PKW-Maut auf Autobahnen nicht gehen. Sonst geht unser Vermögen, das in Straßen liegt, kaputt.

Wird der Nahverkehr im Kreis jemals aus den roten Zahlen kommen?

Jahn: Öffentlicher Personen-Nahverkehr kann nie ganz kostendeckend betrieben werden. Er wird immer ein Defizit haben, wir können nur versuchen, den Fehlbetrag möglichst klein zu halten. Unsere jüngsten Sparbeschlüsse sind ein Anfang. Sonst gilt: Die Mehrkosten für Personal, Treibstoff und Fahrzeuge halten nicht Schritt mit dem, wie man die Preise erhöhen kann.

Was wird aus der Stadtbahn-Verlängerung nach Schwäbisch Hall?

Jahn: Ich bin überzeugt, dass wir ein wirtschaftliches Kosten-Nutzen-Verhältnis haben werden. Das ist die Bedingung, um Geld vom Land zu bekommen. Die erste Verlängerung hat alle Erwartungen übertroffen. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir auch auf der neuen Strecke im Betrieb nichts drauflegen müssen.

Und was ist mit Künzelsau?

Jahn: Die Stadt muss die Ergebnisse ihrer Studie vorlegen. Eine frühere zeigte: Es ist unwirtschaftlich.

Kommt beim vollständigen sechsspurigen Ausbau der A6 durch Hohenlohe endlich der große Durchbruch?

Jahn: Wir werden alles daran setzen, bis 2012 den Durchbruch zu schaffen. Wir werden im Frühjahr die Planungen vorstellen. Insgesamt bin ich sehr zuversichtlich − auch was eine mögliche Beteiligung der Privatwirtschaft betrifft.

Kann sich das Hohenloher Krankenhaus in der Gesundheitsholding mit Heilbronn behaupten?

Jahn: Ja. Es wird kein Haus aufgegeben. Ich freue mich, dass Heilbronn unsere Strukturen respektiert und im Ausbau begleiten will. Wir warten jetzt das Medizinkonzept ab, das 2011 diskutiert wird. Man könnte etwa daran denken, am Rand des Holding-Gebiets, also in Künzelsau, eine Stärkung vorzunehmen. Wir haben zwei topmoderne Krankenhäuser, das muss der Rest der Holding erstmal fertig bringen.

Es hat nach Operationen in Künzelsau in einigen Fällen Komplikationen durch Keime gegeben. Das schadet dem Image.

Jahn: Wir haben ein gutes medizinisches Angebot, trotz der derzeitigen Diskussion. Ich weiß aus benachbarten Häusern, dass es dort mehr Zwischenfälle mit Keimen gibt als bei uns. Jetzt müssen wir das Vertrauen, das verloren gegangen ist, wieder zurückgewinnen.

Werden die Kreisräte jemals die neue Haushaltsführung kapieren?

Jahn: (lacht) Sicher. Ich beginne auch langsam, sie zu kapieren.

Wer gewinnt die Landtagswahl im nächsten Frühjahr?

Jahn: Die CDU. Ich bin mir aber nicht sicher, mit welchem Partner.

Was wird aus Stuttgart 21?

Jahn: Das wird gebaut. Bei der Mehrheit der Bevölkerung, die verunsichert war, wird sich die Meinung durchsetzen: Es bringt Vorteile für Baden-Württemberg.

Wie geht es weiter mit Europa?

Jahn: Wir müssen die politischen und wirtschaftlichen Vorteile besser verkaufen. Wir haben Frieden, kein Land profitiert ökonomisch so stark von der EU wie Deutschland. Europa muss sich aber bescheiden. Die zunehmende Bürokratisierung bereitet mir große Sorgen. Die EU darf nicht alles regeln. Sie muss das Nationale und Regionale aufnehmen und es auch mal dabei belassen.

2009 kam ein junger Oberbürgermeister nach Öhringen, 2010 wurde ein noch viel Jüngerer Bürgermeister in Künzelsau. Wie gefällt das dem alten Hasen Jahn?

Jahn: Gut. Es muss einen Generationenwechsel geben. Ob jemand etwas jünger ist oder nicht, spielt keine Rolle. Am wichtigsten ist, wie er mit den Bürgern umgeht und wie er von seiner Art ist. Da habe ich bei beiden ein sehr gutes Gefühl.

2013 kann es ja gerade so weitergehen. Dann läuft Ihre Amtsperiode aus. Haben Sie schon einen jungen Kandidaten im Auge?

Jahn: (lacht) Es ist gut, wenn der Landrat sich bei der Wahl seines Nachfolgers heraushält. Außerdem hätte ich ja die Chance, bis 2018 weiterzumachen. Das soll jetzt keine Drohung sein, aber diese Entscheidung werde ich erst im Jahr 2012 anhand vieler Faktoren treffen.

Der Schwäbisch Haller Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim will für die SPD über den Wahlkreis Hohenlohe in den Landtag. Wird er der neue Regierungspräsident, wenn es eine große Koalition geben sollte?

Jahn: Wir haben ja einen Regierungspräsidenten, der die Arbeit ganz gut macht.

Ganz gut heißt nicht sehr gut.

Jahn: Nein, das ist Schwäbisch und heißt deshalb schon sehr gut. Er setzt sich sehr stark für den ländlichen Raum ein, das ist sehr positiv.

Könnte Pelgrim das auch?

Jahn: Das kann ich nicht beurteilen. Sein Schritt hat mich überrascht, weil ich nicht weiß, wie er die beiden Aufgaben unter einen Hut bringen will. Nicht zeitlich, sondern inhaltlich. Er hat einen Eid geschworen, den Vorteil der Stadt Hall zu mehren. Wie das dann für Hohenlohe gehen soll, ist mir schleierhaft.

Was sind Ihre drei größten Wünsche fürs nächste Jahr?

Jahn: Mehr Offenheit, mehr Ehrlichkeit, mehr Wahrhaftigkeit. Da sehe ich erhebliche Mängel.

Welche Vorsätze haben Sie für 2011?

Jahn: Etwas mehr Sport treiben zu können. Mehr Zeit für die Familie zu haben. Und natürlich Gesundheit.


Zur Person: Helmut M. Jahn

Der Landrat wurde am 18. März 1949 in Plochingen geboren. Sein Vater war Technischer Kaufmann, seine Mutter Hausfrau und Schulsekretärin. Nach dem Abitur am Georgii-Gymnasium in Esslingen und der Bundeswehr studierte Jahn Rechtswissenschaften in Tübingen, nachdem er ein Semester Chemie absolviert hatte.

1975 begann seine Referendarzeit. Sie führte ihn nach Ulm, Göppingen und Heilbronn. 1978 nahm er eine Stelle als Assessor am Landratsamt Künzelsau an. 1980 wechselte er zum Regierungspräsidium ins Referat Katastrophen- und Zivilschutz. Dort blieb er bis 1985, bevor ihn der Hohenloher Landrat Franz Susset als Ersten Landesbeamten zurück nach Künzelsau holte. Nach dessen Verzicht auf eine weitere Amtszeit wurde Jahn 1989 zum neuen Landrat gewählt. Seine dritte Amtszeit endet im Jahr 2013. Theoretisch könnte Jahn bis 2018 weitermachen. rei