Feinstes Kammgarn vom Kocher

Künzelsau - Ein erfolgreicher Künzelsauer Unternehmer wäre heute einhundert Jahre alt geworden: Karl Schweller, Inhaber von Schweller Co, der Feintuchfabrik in der Bahnhofstraße.

Von Brit Wollschläger

Feinstes Kammgarn vom Kocher
Karl Schweller an seinem Schreibtisch. Die Aufnahme entstand um das Jahr 1952, also noch vor der Existenzgründung in Künzelsau.

Künzelsau - Ein erfolgreicher Künzelsauer Unternehmer wäre heute einhundert Jahre alt geworden: Karl Schweller, Inhaber von Schweller Co, der Feintuchfabrik in der Bahnhofstraße. Seit 1954 wurden hier feinste Kammgarnstoffe aus 100 Prozent Schurwolle und Schurwolle/Trevira für Trachtenanzüge und Kostüme hergestellt. Karl Schweller legte stets größten Wert auf Qualität. Das wussten einst sogar die Obersten der DDR-Staatsführung zu schätzen, als sie Stoffe für Anzüge des einstigen Präsidenten Wilhelm Pieck bei ihm orderten.

Geboren wurde Karl Bernhard Schweller am 19. Mai 1910 in Tachau in Böhmen, etwas östlich vom fränkischen Tirschenreuth, als eines von vier Kindern des Ehepaares Eduard und Rosina Schweller. Die Schule und Berufsausbildung an der Textilfachschule absolvierte er in Reichenberg (heute: Liberec). Die Stadt, damals als das Manchester Böhmens bezeichnet, verfügte über eine große Textilindustrie. Seine erste Anstellung als Dessinateur (heute: Designer) und Stütze des Chefs bekam er in der Firma Kraus Hoffmann, Tuchfabrik in Reichenberg-Röchlitz. Hier war er Technischer Leiter, als er 1939 zur Wehrmacht eingezogen wurde.

Nachkriegszeit

Schwer verletzt kehrte er aus Stalingrad zurück. Nach Lazarettaufenthalten war er 1945 wieder in Reichenberg und es gelang ihm, in den Wirren des Kriegsendes und der beginnenden Vertreibung der Sudetendeutschen aus Böhmen etwas vom Hab und Gut der Familie ins Sächsische Zittau zu schaffen. Im thüringischen Altenburg ließ er sich mit seiner Frau Waltraut 1948 nieder und gründete die Altenburger Tuchweberei SchwellerCo. KG . Die Behörden der Stadt unterstützten ihn dabei. Man brauchte für die vielen Umsiedler Arbeit.

1952 wurde jedoch die Lage in der DDR für die Privatbetriebe immer schwieriger. In dieser Zeit entschloss sich Unternehmer Karl Schweller, das Land zu verlassen. Im März 1953 nahm die Familie offiziell eine notwendige medizinische Behandlung ihres Sohnes Jochen zum Anlass, nach Berlin zu reisen und kam dort zunächst im Übersiedlerlager in West-Berlin unter. Von der Belegschaft der Fabrik in Altenburg konnte sich Schweller nur in einem Brief verabschieden. Der gesamte Besitz Schwellers wurde nach der "Republikflucht" beschlagnahmt.

Flucht nach Westen

Nach Wochen im Flüchtlingslager in West-Berlin wurde die Familie in die Bundesrepublik ausgeflogen, sie kam nach Baden-Württemberg. Hier verhandelte der Textilunternehmer Schweller mit Organisationen und Ämtern wegen Krediten und Standorten für einen Neubeginn. So kam er mit Unterstützung der Treuhandgesellschaft der Vertriebenen in Bonn 1954 nach Künzelsau und mietete die Fabrikräume der vorherigen Firma Bakü (Bauer Künzelsau, Kindernahrung).

Die Feintuchfabrik Schweller Co. entwickelte sich gut in Künzelsau. Schweller konnte bald den Absatz so steigern, dass er zeitweise eine Weberei in Berlichingen als Lohnweberei arbeiten lassen konnte. Der Wunsch des Vaters, dass einer seiner Söhne, Peter oder Jochen, die Firma übernehmen und weiterführen würden, erfüllte sich nicht. Der Bau der "Mauer" 1961 machte diese Pläne zunichte.

Sohn Peter war in Thüringen verheiratet und dort auch in der Textil-Industrie tätig. Sohn Joachim studierte Journalistik und Geschichte und wurde Kulturredakteur bei der Heilbronner Stimme, die er schließlich zwei Jahrzehnte lang maßgeblich prägen konnte. Vater Karl Schweller schloss im Jahre 1975 die Feintuchfabrik und betrieb noch zehn Jahre mit seiner Frau Waltraut ein Modewarengeschäft, ebenfalls in der Künzelsauer Bahnhofstraße. Am 3. Mai 2001 verstarb er in Laufen (bei Freilassing), seine Urne wurde in Künzelsau beigesetzt.

Feinstes Kammgarn vom Kocher
Die Feintuchfabrik Schweller Co. aus der Vogelperspektive. Links sind die Gleise des Bahnhofs zu sehen.Fotos: Archiv/privat