Dunkler Frühling der Stadtgeschichte

Künzelsau - Stadtarchivar Stefan Kraut berichtet über die Machtergreifung und den Naziterror

Von Daniel Stahl

Dunkler Frühling der Stadtgeschichte
Stefan Kraut

Künzelsau - Ein Hellseher war er wohl kaum. Aber Adolf Haag ahnte, was die nächsten Monate und Jahre bringen würden, als er in der Nacht zum 1. Februar 1933 in Künzelsau starb. Einen Tag zuvor, am 30. Januar, war Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden. Und kurz vor seinem Tod soll Haag gesagt haben: "Allzu straff gespannt, zerspringt der Bogen."

Im Rückblick klinge das wie eine Prophezeiung, sagt Stefan Kraut am Freitag im Keller des Hermann-Lenz-Hauses. Doch als Adolf Haag starb, fing der Terror der Nazis gerade erst an. Von dieser Zeit berichtet Kraut in einem Vortrag. Der Künzelsauer Stadtarchivar zitiert aus alten Zeitungsartikeln und Akten. Aus diesen Puzzleteilen entsteht für mehr als 50 Zuhörer ein Bild von Künzelsau zur Zeit der Machtergreifung im Frühling 1933.

Führerflugzeug

Mit Artikeln aus dem Kocher- und Jagstboten fängt es an. Am 17. Februar steht in der Zeitung, das Führerflugzeug habe das Kochertal überquert. In derselben Zeit wird über einen Aufmarsch der SA berichtet.

Andere Texte laden die Bevölkerung zu Vorträgen und Filmen ein. Bei der Reichstagswahl am 5. März erhält die NSDAP in Hohenlohe dann die Mehrheit der Stimmen, fünf Tage später wird Hitler in Ingelfingen zum Ehrenbürger ernannt. "Es deutet sich langsam ein Wandel an", sagt Kraut.

Das wird spätestens am 20. März klar. In Niedernhall durchsuchen SA-Leute Wohnungen von Kommunisten. Noch schlimmer ist es in Künzelsau. Hier schleppen SA-Männer den jüdischen Lehrer und Vorsänger Julius Goldstein ins Rathaus. Er sei so sehr verprügelt worden, "dass der eiserne Synagogenschlüssel in seiner Tasche in zwei Stücke zersprang", berichtet Kraut.

Dunkler Frühling der Stadtgeschichte
Volles Haus. Mehr als 50 Leute kamen ins Hermann-Lenz-Haus zu Stefan Krauts Vortrag über den Naziterror in Künzelsau.Fotos: Daniel Stahl

Verraten

Am selben Abend stirbt Max Ledermann, der Vorsteher der Synagoge. Wahrscheinlich wurde er verraten, als er Goldstein nach der Prügelaktion besuchte, erzählt Kraut. Darauf hätten die SA-Leute auch Ledermann eine Abreibung verpasst. An einem Herzinfarkt stirbt er wenig später am Bett von Goldstein. "Er war das erste Künzelsauer Opfer des Nationalsozialismus." Und nicht das einzige.

Der Künzelsauer Unternehmer David Furchheimer begeht am 28. März 1933 Selbstmord. Er war verzweifelt über den Naziterror und den Boykott jüdischer Geschäfte. Auch Hermann Umfried, Pfarrer in Niederstetten, nimmt sich im Januar 1934 das Leben. Er hatte immer wieder jüdische Mitbürger verteidigt.

Stefan Kraut gibt weitere Beispiele dafür, dass die Nationalsozialisten sich am Kocher durchsetzten. Am 31. März wird in Künzelsau ein Reservesturm der SA gegründet. Einen knappen Monat später bekommen viele Straßen in Künzelsau neue Namen. Die Hauptstraße beispielsweise wird zur Hitlerstraße.