„Die Einweihung war ein großer Tag“

Vortrag vom Arbeitskreis Stadtmuseum – Viele Zuhörer interessierten sich für die Geschichte des Flachswerks

Von Claudia Burkert- Ankenbrand

Rudolf Müller (links) zeigt, wie’s geht: So wurde der Flachs durch die Riffel gezogen und von Samenkapseln befreit.Foto: Claudia Burkert-Ankenbrand

Künzelsau - Acker und Grünland, das die Nagelsberger Bauern bewirtschafteten: Mehr gab’s bis ins Jahr 1924 in der Kocheraue nicht. „Die Eisenbahn brachte die erste große Veränderung“, weiß Hubert Lung vom Arbeitskreis Stadtmuseum Künzelsau. Die zweite kam mit dem Flachswerk, das die Württembergische Warenzentrale (WüWa) in der Kocheraue errichtete. Und die Erinnerungen an das Werk sind noch heute lebendig.

Täfelesbub Vor 70 Jahren, im Oktober 1938, wurde das Werk eingeweiht. „Die Einweihung war ein großer Tag“, erinnert sich der ehemalige Stadtrat Emil Jäger noch. 200 Gäste seien mit einem Sonderzug aus Stuttgart gekommen. „In einem großen Festzug ging’s vom Bahnhof ins Gasthaus Ochsen“, erzählt er. Emil Jäger war als „Täfelesbub“ mit dabei. Er trug das Willkommensschild. Im April 1941 begann für Maria Burkert die Lehrzeit im Flachswerk. „Ich wurde als Lohnbuchhalterin ausgebildet“, erzählt die Nagelsbergerin. Während des Krieges seien viele Ausländer im Flachswerk beschäftigt gewesen. Ostarbeiter aus Polen, die im unteren Tal in Baracken untergebracht waren, gehörten dazu. Viele Arbeiter seien aus Italien und Belgien gewesen. „Auch 40 russische Kriegsgefangene, die in einem Raum unter der Fabrik ihre Bleibe hatten, arbeiteten im Werk“, erzählt Maria Burkert.

Der 28. Oktober 1948 war für Ferdinand Schindler der erste Arbeitstag im Flachswerk. „Schon am 1. November bekam ich 50 Mark“. Das ist ihm unvergesslich geblieben. Der Grund für den Geldsegen: Das Jubiläum der Flachcwerkbetreiberin, Württembergische Landwirtschaftliche Zentralgenossenschaft.

Sechs Tage Sechs Arbeitstage hatte damals die Woche, und jeden Morgen kam Ferdinand Schindler mit der NSUQuickly und dem Bus vom Oberen Railhof nach Künzelsau. Damals seien die Winter noch härter gewesen: „Oft kam ich durchgefroren zur Arbeit.“ Und mit Aufwärmen war nichts in den großen Lagerhallen. „Es hat mächtig gestaubt“, erinnert er sich an die Arbeit an der Riffelmaschine. Sie befreite den Flachs von den Samenkapseln. Nelly Kiesel war Angestellte in der Buchhaltung und stellvertretende Chefsekretärin. Die Firmensirene ist ihr noch gut in Erinnerung.

Rudolf Müller war von 1951 bis 1956 Geschäftsführer. Er erinnert an den Landmaschinenhandel, die Kartoffelflockenfabrik, die Grünfuttertrocknungsanlage und die Eiersammelstelle. „Nachdem der Flachsanbau rapide zurückging, wurde immer wieder nach Möglichkeiten gesucht, das Werk zu erhalten“, sagt er. Letztendlich war es aber nicht mehr zu halten: „Das Künzelsauer Flachswerk musste 1956 seine Pforten schließen.“