Den Mustang neu aufgezäumt

Heiner Sefranek feiert heute seinen 60. – Sein Markenzeichen, die europäische Jeans, ebenso

Verzicht auf Jeans wäre Selbstmord, sagt Sefranek.

Künzelsau - „Ich freue mich immer, wenn ich meine Freizeitkleidung anziehen kann“, sagt Sefranek und meint damit den Anzug. Der Erbe des ersten europäischen Jeans-Herstellers ist fast so etwas wie das Jeans-Gefühl in Person: bodenständig, offen für vieles von Genuss bis Kritik und eben auch ein bisschen provokativ. Zufall oder nicht – Heiner Sefranek erblickte im dem Jahr das Licht der Welt, als sein Vater Albert einem US-Soldaten sechs blaue Hosen abschwatzte und sie zur Vorlage für die ersten europäischen Jeans überhaupt machte. Wer bodenständig ist, muss Wurzeln haben. Die von Sefranek reichen bis in sein schmuckes Büro in der Künzelsauer Au-straße. „Hier war früher mein Kinderzimmer, dort drüben war das Schlafzimmer meiner Eltern, und das hier war die Diele“, sagt er.

Gockelkämpfe Dass der junge Heiner seinem Vater nachfolgen würde, daran habe nie ein Zweifel bestanden. „Der Weg war ganz klar“, sagt der Mustang-Chef. Er führte in die Fußstapfen des Vaters. Heiner kümmerte sich um Kollektionen, Marketing und Verkauf, sein später aus dem Unternehmen aussteigender Cousin Dieter Hermann übernahm den Bereich Produktion. „Das Abgeben war nicht leicht für meinen Vater“, sagt Sefranek. „Gockelkämpfe, die ins Familienleben hineinstrahlten“, machten beiden das Leben schwer. Um Kleinigkeiten sei es da gegangen, aber die Folgen hätten bedeutend sein können: „Einmal habe ich gedroht: ,Dann gehe ich halt.’ Mein Vater hat vor versammelter Mannschaft gemeint: ,Dazu bist Du zu feige.’“ Für einen Moment stand Sefraneks Zukunft auf Messers Schneide. „Ich wollte nicht flüchten und habe mich entschlossen, nie mehr ,Dann gehe ich halt’ zu sagen.“ Manchmal braucht es Mut, um feige zu sein.

Nachgetragen habe er seinem Vater die Szene nicht, sagt Sefranek: „Wir haben ein wunderbares Verhältnis miteinander. Außerdem hake ich Dinge schnell ab.“ Im persönlichen wie im geschäftlichen Bereich. Heiner Sefranek hat den Mustang komplett neu aufgezäumt – mit erfolgreichen und weniger erfolgreichen Umstrukturierungen. Die Produktion hat Künzelsau längst den Rücken gekehrt. Mehrere Hundert Menschen verloren ihren Job in der Kreisstadt. Inzwischen lässt Mustang nähen.

In den letzten Jahren hieß das Zauberwort „Vertikalisierung“. Mustang hat, vermutlich als erster Jeans-Hersteller überhaupt, den klassischen Vertriebsweg vom Hersteller über Zwischenhändler in den Fachhandel verlassen und setzt auf eigene Läden in eigenem Design. Rund 160 Mustang Stores (Läden) zählt das Unternehmen, dieses Jahr kommen 20 neue dazu, die Hälfte davon im Ausland. Stolze 660 sogenannte Shop In Stores präsentieren die Mustang-Produktpalette konzentriert im Umfeld anderer Marken. Von „allen nicht optimalen Läden“ hat sich Mustang im vergangenen Jahr getrennt. Abgehakt. Die Folge war zunächst ein Umsatzminus. Ebenfalls abgehakt, sagt der Geschäftsführer. Der Blick ist nach vorne gerichtet. Die Produktplatte wird ständig breiter: Oberteile, Accessoires, Taschen, Schuhe, Schmuck, Parfüms – aber bitte alles im klassischen Mustang-Stil. „Mit Jeans-Gefühl“, sagt Sefranek. Mustang ohne Jeans ist für ihn nicht vorstellbar: „Es wäre Selbstmord, das zu tun.“ Der Blick nach vorne reicht inzwischen bis zum Ausstieg aus der Geschäftsführung. Bis 65 will Heiner Sefranek den Mustang reiten, dann soll Theo Birkmeyer die Zügel übernehmen. Das Abgeben, glaubt Sefranek, werde ihm leichter fallen als seinem Vater. Dennoch will er als Gesellschafter auch weiterhin „etwas zu sagen haben“.

Seinen ursprünglichen Traum für den Ruhestand hat Heiner Sefranek abgehakt: eine Mustang-Ranch im Hohenlohischen. „Viel zu viel Arbeit“ sagt er, „zwei Pferde tun’s auch: eines für meine Frau Jacqueline und eines für mich.“

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Sieht sich als „Jeanser“ und schaut gerne nach vorne: Mustang-Chef Heiner Sefranek schwört auch mit 60 noch auf die Jeans.Fotos: Matthias Stolla/dpa