Abstimmung mit den Füßen

Mulfingen - Vor interessierten Nachfragen konnte sich Dietmar Ristl, Leiter der Mulfinger Grund- und Hauptschule, in den vergangenen Tagen kaum retten. Nachdem die Meldung in der Welt war, dass die Jagsttalgemeinde eine Privatschule mit Haupt- und Realschule gründet, meldeten sich Eltern, die ihre Kinder nach Mulfingen schicken wollen.

Von Henry Doll

Abstimmung mit den Füßen
Lehrerin Anne Walz, ihr Kollege Dietmar Schlegel und Schulleiter Dietmar Ristl blicken Gerhard Beck über die Schulter, der mit der neuen Datenbank arbeitet. Über sie werden die individuellen Lernfortschritte der Schüler kontrolliert.Foto: Henry Doll

Mulfingen - Vor interessierten Nachfragen konnte sich Dietmar Ristl, Leiter der Mulfinger Grund- und Hauptschule, in den vergangenen Tagen kaum retten. Nachdem die Meldung in der Welt war, dass die Jagsttalgemeinde eine Privatschule mit Haupt- und Realschule gründet, meldeten sich Eltern, die ihre Kinder nach Mulfingen schicken wollen. Nicht nur der Umstand lockte, dass auf der Privatschule kein Schulgeld erhoben wird, was durch die Unterstützung der ortsansässigen Industrie - allen voran Ventilatorenhersteller EBM-Papst - möglich ist. Vor allem das neue Schulkonzept stieß auf reges Interesse.

33 Schüler sollen zu Beginn des neuen Schuljahres in die fünfte Klasse der Mulfinger Hauptschule aufgenommen werden und dort auch die Möglichkeit haben, den Realschulabschluss zu machen. Wobei der Mulfinger Schulleiter betont, dass es sich nicht um eine Werkrealschule handelt.

Anfragen erreichten Ristl aus Künzelsau, Ingelfingen, Wachbach, aber auch aus Gerabronn und Wallhausen. Maximal 40 Schülerinnen und Schüler hätte man aufnehmen können, 33 werden es nun sein - sie kommen ganz überwiegend aus Mulfingen selbst, betont Ristl. Denn es sei klar, dass sich die Mulfinger Privatschule als Gemeindeschule verstehe.

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Derzeit hat die Grundschule - die staatliche Schule bleibt - 140 Schüler, die Hauptschule 69. Den organisatorischen Aufwand bei der Übernahme von Schülern aus anderen Schulbezirken - Mulfingen ist sein eigener Schulbezirk - hätte der Schulleiter zwar gelassen ertragen. Aber ein bisschen, so deutet er an, zeige der Aufwand auch, wie sehr sich das Schulsystem mitunter selbst ad absurdum führt: Will ein Viertklässler aus Künzelsau mit Gymnasialempfehlung die Mulfinger Hauptschule besuchen, muss ihn die Künzelsauer Hauptschule gewissermaßen freigeben. Der Schüler in Ristls Beispiel wollte aber gar nicht die Künzelsauer Hauptschule besuchen.

Dass Kinder mit Realschul- und Gymnasialempfehlung nach Mulfingen drängen, ist für das Lehrerkollegium ein Indiz dafür, dass es mit seinem weitgehend in Eigenarbeit entwickelten Schulkonzept nicht ganz falsch liegt. „Die Eltern haben abgestimmt. 30 Schüler, das ist ein Vertrauensbeweis“, beurteilt Lehrer Gerhard Beck die hohen Anmeldezahlen. „Viele schreckt auch das G 8 ab“, weiß Lehrerin Anne Walz. „Die sehen uns als Alternative.“ Und: „Sie erwarten Individualisierung“, bringt Dietmar Ristl die Wünsche der Eltern an die neue Privatschule auf den Punkt.

Schweizer Vorbild

Anregungen dafür, wie die neue Privatschule funktionieren könnte, holten sich die Mulfinger in der Schweiz. Sie werden dem Schul-Netzwerk Mosaik-Sekundarschulen beitreten, dem in der Schweiz sieben Institute angehören. Das Grundkonzept wurde im Schweizer Alterswilen entwickelt und geht nach Einschätzung der Mulfinger Lehrer mit der Pädagogik der Individualisierung noch weiter als der Entwurf des Schulberaters Peter Fratton, mit dem die Freie Schule Anne-Sophie in Künzelsau zusammenarbeitet. „Das sind interessanterweise staatliche Schulen“, beschreibt Ristl das Schweizer Mosaik-Netzwerk. Datenbankgestützt - die Software wird ebenfalls aus der Schweiz übernommen - können die Lernwege für jeden Schüler individuell festgelegt werden. „Es bietet eine enorme Kontrolle. Die Datenbank erleichtert die Übersicht“, findet Pädagogin Anne Walz.

Die Genehmigung für die Privatschule liegt noch nicht vor. Dietmar Ristl rechnet aber damit, dass sie kurzfristig erteilt wird - weil alle Voraussetzungen erfüllt seien und es schlicht keinen Grund gebe, sie nicht zu genehmigen.