Hohenloher Weinlese auf der Zielgeraden

Hohenlohe  Nach vier Wochen Weinlese sind Genossen und Selbstvermarkter auf der Zielgeraden. Erwartet werden Top-Qualitäten, doch die Mengen machen Sorgen.

Von Juergen Koch
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Mindestens seine 70. Weinlese hat der 85-jährige Fürstenfass-Genosse Hermann Fritz (links) auf dem Buckel. Mit seinem Sohn Wolfgang ist er auch in diesem Herbst draußen, um im Weinberg in Kesselfeld Trollinger zu lesen.

Fotos: Jürgen Koch

Ein Fuchs hat schon mal den Hinweg gekreuzt. Fehlt nur noch der Hase. Denn wo Fuchs und Hase sich Guten Morgen sagen, da liegt der Wengert von Fürstenfass-Genosse Wolfgang Fritz. Im Neuensteiner Teilort Kesselfeld, nicht weit von Waldrand und Wasserhäusle. Seit anderthalb Stunden liest der Nebenerwerbs-Wengerter an diesem sonnigen Morgen Trollinger: "Aufrecht stehende, eine besondere Züchtung."

Mit dabei: Vater Hermann (85), Ehefrau Sabine, Bruder Reinhold und Schwägerin Monika. "Die sin richtig schee", freut er sich übers gesunde Lesegut, rechnet aber wegen des Mai-Frostes mit "einem Drittel weniger als im Vorjahr". An solche Wetterkapriolen kann sich Senior Hermann Fritz, der "mindestens 70 Lesen" auf dem Buckel hat, nicht erinnern: "In Kesselfeld hen mir nie große Frostschäda ghet."

Frost und trockener Sommer

Wenn aus Herbst ein Herbstchen wird

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So wie Wolfgang Fritz geht es den meisten Hohenloher Wengertern, die den neuen Jahrgang zwar mit Top-Qualitäten, aber gegenüber dem ebenfalls schon mageren Vorjahr mit Ertragseinbußen von bis zu 65 Prozent in den Keller bringen. Ursache: die frostige Breitseite des Eisheiligen Pankratius im Mai, aber auch der heiße, oft zu trockene Sommer, der zu kleineren Beeren führte.

Gut durch die Vegetation gekommen sind die Wengerter im Kochertal. Seit rund vier Wochen läuft bei Genossen und Selbstvermarktern in Hohenlohe auf gut 800 Hektar Rebfläche die Lese, die die meisten in dieser Woche abschließen wollen. Vor allem Trollinger, Riesling und Lemberger hängen noch draußen.

"Aktuell haben wir 2,7 Millionen Kilo von maximal erwarteten vier Millionen drin", bilanziert Fürstenfass-Vorstandsvorsitzender Reinhold Fritz von der 535 Hektar großen Weinkellerei Hohenlohe (WKH) in Adolzfurt den bisherigen Herbst. Die erwartete Menge entspricht gut drei Millionen Liter Wein.

Zum Vergleich: den ebenfalls kleinen Herbst 2019 schloss die WKH mit rund 5,5 Millionen Kilo, den Herbst 2018 mit 7,3 Millionen Kilo ab. "Wenn wir die Spätsorten mit Normalertrag reinbringen, rechnen wir mit 30 Prozent weniger Menge als im Vorjahr, wenn nicht mit bis zu 40 Prozent", sagt Fritz. Dafür freut er sich über "herausragende Qualitäten mit hohen Oechslewerten, gesundes Lesegut und Rieslingtrauben wie gemalt".

Erstklassige Qualität

Wenn aus Herbst ein Herbstchen wird

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Beim Öko-Weingut Fürst Hohenlohe-Oehringen hängen "noch a bissle Riesling, Lemberger und Cabernet franc" draußen", sagt Betriebsleiter Joachim Brand. Seine Bilanz: "Zu wenig".

Den Minderertrag taxiert er "im Vergleich zu den letzten Jahren in Richtung 40 Prozent" und rechnet mit "40 bis 50.000 Flaschen weniger als im Vorjahr". Während die fürstliche Monopollage Verrenberger Verrenberg dem Betrieb "den Hintern gerettet" habe, habe der Frost "Teilflächen im Goldberg im Steinbacher Tal" übel mitgespielt". Die Qualität wertet Brand als "gut" und freut sich über "gesunde Trauben mit physiologischer Reife, sowie stimmige Säure- und PH-Werte". Hart erwischt hat es Boris Birkert vom Weingut Birkert in Adolzfurt. Das Mitglied im Verein Die Weingüter Bretzfeld spricht von "65 Prozent Frostschaden" und einem Totalausfall bei Schwarzriesling und Gewürztraminer.

Trösten kann er sich "durchweg über alle Rebsorten mit Oechslewerten von 91 bis 103 im Schnitt" und einer Qualität, die er als "sehr gut und noch besser" bewertet. Mit Partien von Trollinger und Riesling hängen im Weingut Ungerer in Renzen etwa zehn Prozent der Gesamtmenge noch draußen.

Seine Prognose zum Herbstbeginn muss Karlheinz Ungerer "nach unten korrigieren". Er rechnet mit "45 Prozent weniger als im Vorjahr" und einem "Herbstchen" statt einem Herbst, spricht aber in Sachen Qualität von einem "Träumchen". Mit dem 2020er erwartet er "den kräftigsten, ausdrucksstärksten und harmonischsten Jahrgang der letzten drei".

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