Hochwasserschutz-Wand in Niedernhall wird Hingucker

Niedernhall  Der Mulfinger Graffiti-Künstler Nautcore verschönert derzeit eine Beton-Wand in Niedernhall. Nur das Bild eines Eisvogels hat für Aufregung gesorgt.

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Gerd Metzler ist inzwischen mit der Stadtansicht fertig, weiter geht es nun mit der Landschaft, die die Stadt umgibt.

Sie sind ein notwendiges Übel: Graue Betonwände, die sich nicht nur entlang der Kochertalstraße ziehen und den Blick auf die Niedernhaller Altstadt versperren. Auch in der Stadt selbst, zwischen Kindergarten und Bildungszentrum, verläuft eine von ihnen. Die Betonwände sind Teil der rund 6,3 Millionen Euro teuren Hochwasserschutzmaßnahme, die die Stadt Niedernhall nach dem verheerenden Unwetter im Mai 2016 in Angriff genommen hat. Dass Hochwasserschutz aber nicht grau und deprimierend daherkommen muss, beweist derzeit der Mulfinger Künstler Gerd Metzler alias Nautcore. Im Auftrag der Stadt macht er die Betonmauer zu seiner Leinwand.

Eisvogel sorgt für Aufregung

Darauf zu sehen ist die Altstadt-Silhouette. Wer von der Stadthalle kommend in Richtung Schule blickt, den begrüßen Götzenhaus, Salztor, Säuturm und Kocherbrücke in solcher Filigranität und Detailliertheit, dass man kaum glauben mag, dass hier mit Spraydosen gearbeitet wurde. Am Kocherufer im Vordergrund thront ein Eisvogel.

"Das hat erst mal für ein wenig Aufregung gesorgt", erzählt Gerd Metzler schmunzelnd. Denn die Niedernhaller - wie könnte es anders sein - wünschten sich natürlich ihr Maskottchen, einen Distelfinken. Wer dem Verlauf der Mauer um die Ecke in die Straße Am Forellenbach folgt, der kann dann erleichtert ausatmen. Hier flattert ein vergnügter Distelfink mit ausgebreiteten Flügeln über dem Schriftzug "Herzlich Willkommen in Niedernhall".

Geduld und konzentriertes Arbeiten

Hochwasserschutz-Wand wird Hingucker

Wie filigran und detailgetreu Gerd Metzler mit seinen Sprühdosen arbeiten kann, zeigt sich an diesem Wandabschnitt besonders deutlich.

Fotos: Tamara Ludwig

Wenige Schritte weiter setzt sich die kunstvolle Silhouette entlang der östlichen Stadtmauer bis zum Malefizturm fort. Gerade die markanten Gebäude mit ihrem Fachwerk sind es, die auf den ersten Blick wie Fotografien wirken. Sie haben dem Künstler auch viel Geduld und konzentriertes Arbeiten abverlangt: "Allein für den Kirchturm habe ich einen halben Tag gebraucht", erzählt Metzler. Denn hier musste Schritt für Schritt vorgegangen und mit Klebeband entsprechend abgeklebt werden, damit am Ende alles stimmt.

Auch die einzelnen Steine der Stadtmauer seien herausfordernd gewesen, berichtet der Künstler: "Davon habe ich gefühlt Tausende gesprayt. Könnte man am Zeigefinger einen Sixpack bekommen, dann hätte ich jetzt einen", scherzt er.

Viel Lob von Passanten

Dass sich der Aufwand lohnt, zeigt sich auch an den Reaktionen der Passanten. Die Schüler, die täglich an der Mauer vorbeikommen, schenken dem Kunstwerk staunende Blicke oder drücken ihre Bewunderung aus. Aber es seien vor allem die alteingesessenen Niedernhaller, die stehenblieben und nicht mit netten Worten sparten, berichtet der Künstler.

Rund eineinhalb Monate ist Metzler inzwischen mit der Wand beschäftigt. Zwei Monate hatte er insgesamt für das Projekt kalkuliert, doch "das werde ich wohl nicht ganz schaffen", räumt er ein. Vor allem das oftmals regnerische Wetter habe das Vorankommen verlangsamt.

Von der Pflicht zur Kür

Hochwasserschutz-Wand wird Hingucker

Wo hört die Realität auf, wo fängt das Kunstwerk an? Das Laub auf den Pflastersteinen verrät, dass hier die Straße Am Forellenbach verläuft.

Allerdings komme er jetzt auch zu dem Teil, der schneller gehe. Denn nach der Pflicht - der Stadtsilhouette, die ganz genau vorgegeben ist, - kommt jetzt die Kür. "Ich konnte die Stadtansicht nicht bis zum Ende der Mauer ziehen, weil sie nach hinten niedriger wird", erklärt er. Irgendwann hätten die Türme und höheren Gebäude dann entweder nicht mehr ganz auf die Mauer gepasst, oder alles wäre sehr klein geworden.

Deshalb ist nun noch Platz übrig, wo sich der kreative Mulfinger austoben kann: "Ich schließe jetzt noch etwas Landschaft an, unter anderem mit Weinbergen, dann tauche ich in den Kocher ein, wo Tiere zu sehen sind, die dort leben", gibt er einen Ausblick. Auch ein weiterer Eisvogel soll hier einen Fisch fangen, verrät er. Wenn das bei den Distelfinken mal nicht einen erneuten Aufschrei auslöst.

Hochwasserschutz

Im Jahr 2016 - nach dem verheerenden Unwetter mit Starkregen Ende Mai - hat die Stadt Niedernhall die Planung zur Verbesserung des Hochwasserschutzes in Auftrag gegeben. Die Baumaßnahme unter der Bauherrschaft des Landesbetriebes Gewässer im Regierungspräsidium Stuttgart wurde in zwei Bauabschnitten umgesetzt.

Der erste Bauabschnitt der Baumaßnahme an der rechten Kocherseite startete im April 2019 und wurde im Januar 2020 fertiggestellt. Der zweite Bauabschnitt am linken Kocherufer begann im Oktober vergangenen Jahres und wurde nun abgeschlossen. Die Gesamtkosten belaufen sich auf etwa 6,3 Millionen Euro, 30 Prozent davon trägt die Stadt Niedernhall, 70 Prozent übernimmt das Land Baden-Württemberg.

 

Tamara Ludwig

Tamara Ludwig

Autorin

Tamara Ludwig ist seit 2014 Redakteurin der Hohenloher Zeitung. Dabei hat sie vor allem die Ereignisse und Kommunen im Altkreis Künzelsau im Blick.

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