Geizig gegen sich selbst, großzügig zu anderen

Künzelsau  Vor 35 Jahren gründete Hedwig Stauder ihre Stiftung: Warum man sie nie zwischen 11.30 und 12.30 Uhr anrufen durfte und warum sie sauer auf die Uni Hohenheim war, verriet Wolfgang von Stetten anlässlich eines Gedenktages.

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Eine sparsame Frau, mit deren Stiftung viel Gutes getan werden konnte: Hedwig Stauder in ihren letzten Lebensjahren auf Schloß Stetten,

Fotos: privat/Rößler

Wolfgang von Stetten erzählt die Geschichte mit einem Schmunzeln: Als er vor mehr als 35 Jahren mit Hedwig Stauder über die Gründung ihrer Stiftung sprach, sei ihm ausdrücklich untersagt worden, zwischen 11.30 und 12.30 Uhr anzurufen. Den tieferen Sinn erfuhr der Jurist aber erst, als er doch einmal gegen 12 Uhr in Schwieberdingen anrief. "Frau Stauder zeigte ihre Missbilligung deutlich", erinnert sich von Stetten.

"Nach meiner etwas schnoddrigen Frage, was denn so heilig sei um diese Zeit, erfuhr ich den Grund: Die Nachbarin koche für sie Mittagessen und kündige per Telefon an, wann das Essen am Zaun abzuholen sei." Dann sei das Telefon halt mal besetzt, wenn die Nachbarin anruft, habe er erwidert. Daraufhin sei Frau Stauder fast zornig geworden: "Sie verstehen aber auch gar nichts!", habe sie gerufen. "Die Nachbarin ruft nicht richtig an. Sie lässt das Telefon dreimal klingeln. Dann legt sie auf. So sparen wir die Kosten des Anrufs."

"Ich konnte mir das Lachen über diese Art der Sparsamkeit nicht verkneifen", erinnert sich von Stetten. Ihre Antwort darauf: "Männer sind halt zu dumm, so etwas zu verstehen."

Geizig gegen sich selbst, großzügig zu anderen

Die Hedwig-Stauder-Allee, die von Schloß Stetten in die freie Natur führt und ein beliebter Spazierweg ist, wurde frisch geteert und etwas verbreitert.

Einsatz für Umwelt, Soziales und die sogenannten Wolfskinder

1902 in Stuttgart geboren, wäre Hedwig Stauder heute fast 120 Jahre alt. Gestorben ist sie 1996, hochbetagt im Alter von 94, ihre Stiftung hat sie vor 35 Jahren gegründet. Dass in deren Namen viel Gutes getan wurde und wird, für die Umwelt, für Soziales und vor allem für die Wolfskinder in Litauen, daran soll am heutigen Donnerstag mit einem kleinen Fest auf Schloß Stetten erinnert werden, wo sie elf Jahre lang bis zu ihrem Tod gelebt hat.

"Zu Ehren dieser außergewöhnlichen Dame", sagt von Stetten. "Ich will den Bewohnern zeigen, was die Stiftung bewirkt hat." Bei einem Glas Sekt wird man sich um 16 Uhr vor dem Ärztehaus treffen und die erneuerte Hedwig-Stauder-Allee einweihen, anschließend gibt es kleine vergnügliche Wettbewerbe und ein zünftiges Vesper auf der neuen Lindenfestwiese.

Durch Sparsamkeit viel Geld angehäuft

"Sie hat sparsam gelebt", fasst von Stetten zusammen,. Er erinnert sich an einen Besuch bei ihr: "Betraten wir ein Zimmer, wurde sofort im Flur das Licht gelöscht - und umgekehrt." Sie sei geizig gegen sich selbst gewesen, aber großzügig gegenüber anderen. Hedwig Stauder habe erst als Sekretärin gearbeitet, später als Prokuristin und Geschäftsführerin. Ein riesiges Vermögen habe sie nie verdient, durch ihre Sparsamkeit und eine gute Rente sei aber doch einiges an Geld zusammengekommen.

Als ihre Schwester und einzige Verwandte gestorben war, hatte sie vor einer schweren Operation beschlossen, sich mit einer Stiftung für Umweltschutz zu engagieren. Sie gründete sie gemeinsam mit der Universität Hohenheim und setzte diese als Alleinerbin ein. "Unwiderruflich", was ungewöhnlich ist, aber laut von Stetten dem anwaltlichen Berater zu "verdanken" war, der im Gegenzug Honorarprofessor an der Uni geworden sei.

Unzufrieden mit der Uni Hohenheim

Mit der Verwendung ihres Geldes war Hedwig Stauder dann aber alles andere als zufrieden. Unterstützt wurden Doktorarbeiten mit Themen wie "Die Auswirkungen des Bremsenbefalls bei Rindern auf die Qualität von Milch und Fleisch" oder "Der Schutz von Beeten vor Schneckenfraß mithilfe von Blechzäunen". Sie sei regelrecht "sauer auf die Uni" gewesen, mit ihrem Haus und der Hälfte ihres Geldes, rund 80.000 Mark, die sie zurückbekam, gründete sie dann die eigene Stiftung.

"Sie lebte umsonst hier, ihre Rente kam der Stiftung zugute", sagt von Stetten. Das Kapital wurde in Wohnungen, aber nie spekulativ angelegt. Das Geld floss in Biotope, Brunnen oder Elektrowagen. Es kamen soziale Belange hinzu und schließlich auch die Wolfskinder, deren Schicksal von Stetten in Litauen kennengelernt hatte (siehe Zusatzinfo unten) und an die inzwischen rund 200.000 Euro geflossen sein dürften.

"Sie hat es genossen, dass über ihre Stiftung auch Soziales lief", sagt von Stetten. Und gleichzeitig habe sie immer streng kontrolliert, dass auch wirklich alles Geld dort ankommt, wo es ankommen sollte. "So hat die Stiftung viel Gutes machen können", und macht es, auch unterstützt durch Zustiftungen und Spenden anderer Bewohner von Schloß Stetten, immer noch.

Wolfskinder

Als Wolfskinder bezeichnet man Kinder, die im Zweiten Weltkrieg im nördlichen Ostpreußen elternlos geworden sind. Viele flüchteten damals in das Baltikum und waren bettelarm. In Litauen wurden sie als "vokietukai" bezeichnet, was "kleine Deutsche" heißt. Wolfgang von Stetten prägte ab 1992 für sie den Begriff Wolfskinder.

Mit der Hedwig-Stauder-Stiftung und dem Deutsch-Baltischen Parlementarischen Freundschaftskreis sammelte er in 30 Jahren gut 1,4 Millionen Euro für ihre Unterstützung. Er kümmerte sich auch um die Beseitigung bürokratischer Hürden für Rückkehrwillige nach Deutschland. In Kürze erscheint von Stettens Buch "Wolfskinder - Glücksmomente. 30 Jahre litauisch-deutsche Begegnungen", in dem ein Kapitel auch der Arbeit der Hedwig-Stauder-Stiftung gewidmet ist.


Armin Rössler

Armin Rößler

Armin Rößler, geboren in Heilbronn, aufgewachsen in Untereisesheim, schreibt nach über dreißig Jahren im badischen Exil seit 1. Juli 2020 für die Hohenloher Zeitung.

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