Nach fünf Jahren öffnet das Archiv Niedernhall wieder

Niedernhall  Erst der Gartenschlauch, dann gefriergetrocknet, aufgetaut und sortiert: Fast 18 Tonnen Schriftgut sind nach der Jahrhundertflut von 2016 gerettet und zurück im Niedernhaller Stadtarchiv.

Email

Als erste Hilfe, wenn Schlamm auf dem Gut ist, hilft der Gartenschlauch. Danach in eine Folie packen und direkt einfrieren, rät Restaurator Norbert Schempp.

Foto: privat

Mit dem Gartenschlauch abgespritzt, gefriergetrocknet, wieder aufgetaut, gesichtet, abgeglichen, in ein Findbuch eingetragen: Der Weg des nach der Flut 2016 beschädigten Archivgutes zurück nach Niedernhall war lang. Fast fünf Jahre dauerte es, das Gedächtnis der Stadt wieder instand zu setzen. Zahlreiche Menschen arbeiteten in dieser Zeit an den Schriftstücken.

Die Nacht des 29. Mai 2016 ist den meisten Niedernhallern wohl noch im Gedächtnis: Ein Starkregen ließ den Forellenbach anschwellen. Weite Teile der Innenstadt wurden überflutet, Autos davon geschwemmt, Keller überflutet. Einer dieser Keller war das Stadtarchiv Niedernhall. Dort stand das Wasser bis unter die Decke, Regale brachen unter der Last der mit Wasser und Schlamm vollgesogenen Schriftstücke ein.

Gartenschlauch für den gröbsten Dreck

Die Erstversorgung begann zügig. "Anwohner und Mitarbeiter haben geholfen, das Archivgut hochzutragen", erinnert sich Alfons Rüdenauer von der Stadtverwaltung. Im Anschluss wurden die Schriften mit einem Gartenschlauch vom gröbsten Dreck, der vom Fluss hochgespült wurde, befreit. "Das Abspülen von Verschmutzungen, wie es Niedernhall gemacht hat, ist genau richtig", urteilt Restaurator Norbert Schempp, der kürzlich auch im Ahrtal war. "Was angetrocknet ist, ist kaum oder nur mit großem Aufwand abzubekommen."

Die Gedächtnis-Retter

Gereinigt und gut sortiert sind die alten Niedernhaller Dokumente inzwischen leicht auffindbar.

Fotos: Katrin Draskovits

Niedernhall rief Schempp und seine Kornwestheimer Bestandserhaltungsfirma direkt nach der Flut zur Hilfe. 17 600 Kilo an Archivgut holte die Firma zunächst ab, um dann einen Teil davon einzufrieren. "Das muss möglichst schnell, bei möglichst tiefer Temperatur passieren", erklärt Schempp.

Das Gefriertrocken-Verfahren (siehe Info unten) sei zwar am schonendsten für die Unterlagen, so Schempp, jedoch auch ein langer Prozess. "Es hängt davon ab, wie nass die Sachen sind", erklärt der gelernte Buchbinder. So könne aus einem drei Kilo schweren Buch schnell ein 15-Kilo-Buch werden. "Das sind zwölf Kilo Wasser, die wir in Wasserdampf verwandeln müssen."

Vakuumtrocknung ist kostengünstiger

Für einen Teil der Unterlagen - alles, was neueren Ursprungs war - hat sich Niedernhall für eine Vakuumtrocknung entschieden, auch, weil dieses Verfahren günstiger ist. "Aber das lässt die Sachen künstlich altern, das ist bei Kulturgut und Büchern keine Lösung", so Schempp. Nach den Trocknungsverfahren mussten die Sachen noch gereinigt werden. "Der restliche Schmutz vom Fluss muss aus den Büchern rausgeholt werden", sagt Schempp.

Das wurde an einer mikrobiologischen Werkbank erledigt. "Da sitzen Mitarbeiterinnen und rücken dem Schmutz mit Pinseln und Latexschwämmen zu Leibe", erklärt Schempp. Gut für Niedernhall: Es gab kaum Verluste. "In anderen Hochwassergebieten ist das anders", weiß Schempp, "denn die Frage ist immer, wie lange es Sinn macht, so was zu bergen, das Papier schimmelt schnell."

2020 konnte die Firma das Archivgut schließlich zurück nach Niedernhall schicken. Und hier begann die Arbeit von Andreas Volk. "329 Umsatzkartons kamen von der Firma Schempp", erinnert sich der 52-Jährige freiberufliche Archivar. Und diese galt es zu sichten, zu sortieren und zu notieren. "Das war schon ein besonderer Auftrag", sagt der Kupferzeller. "Es war ja alles durcheinander, wie eine Wundertüte mit Einzelblättern."

Findbuch vorhanden

Die Gedächtnis-Retter

Dank Andreas Volk ist die Niedernhaller Vergangenheit gut sortiert und in ein Findbuch eingetragen. Auch eine Urkunde von 1488 lässt sich so schnell aufstöbern.

Dennoch empfand er die Aufgabe nicht als übermäßig schwer. "Zum einen ging es nur um Niedernhall selbst, nicht um Teilorte", erklärt er. "Zum anderen war schon ein Findbuch vorhanden, zwar kein perfektes, aber es gab eines." Dennoch war alleine der Archivar 432 Stunden mit den 153 Regalmetern Material beschäftigt.

Wer jetzt Daten aus dem Archiv braucht, kann diese im Online-Findbuch unter www.la-bw.de recherchieren und dann vor Ort raussuchen. "Klar, wäre es besser, wenn auch die Dokumente digital zugänglich wären", so Volk. "Aber das ist halt eine Frage der Kosten." Denn schon so hat das neue Archiv über 200 000 Euro gekostet. Dank Versicherung trug die Stadt nur zehn Prozent davon. "Wir sind froh, dass die Stadtgeschichte gerettet werden konnte", freut sich Rüdenauer.

Die Technik

Beim Gefriertrocknen wird zunächst das nasse Archivgut eingefroren und zwar möglichst schnell, bei möglichst niedrigen Temperaturen. Im Anschluss kommt das Prinzip der Sublimation zum Einsatz: Bei sehr starkem Unterdruck geht der feste Aggregatzustand des Wassers, also das Eis, allmählich in den gasförmigen Aggregatzustand, also Wasserdampf, über. Beim Vakuumtrocknen hingegen wird das Papier mit heißer Luft getrocknet, ähnlich wie bei einem Föhn. Das ist schneller und günstiger, aber auch weniger schonend.

 

Draskovits

Katrin Draskovits

Autorin

Katrin Draskovits arbeitet seit 2019 bei der Heilbronner Stimme. Seit Juni 2021 ist sie Redakteurin bei der Hohenloher Zeitung und dort vor allem im Jagsttal unterwegs.

Kommentar hinzufügen