Der Gasthof zur Post war einst Hotel, Bauernhof und Kino in Einem

Schöntal  Das älteste Foto im Schöntaler Archiv zeigt den wichtigsten Treffpunkt im Ortsteil Kloster Schöntal - den Gasthof zur Post im Jahr 1894. Das Gebäude hatte bereits damals eine bewegte Geschichte.

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Bis 1912 fuhr die Postkutsche durch Schöntal. Anton Blattau (4. v. r.) war damals Posthalter und Gastwirt. Die Familie kümmerte sich um zwölf Postpferde.

Fotos: privat

Vor dem Eingang steht eine Postkutsche mit zwei Pferden - und das nicht zufällig. Denn wie der Name des Gasthofs bereits vermuten lässt, befand sich hier einst eine Dienststelle der Post.

Zu der Zeit, als das Foto aufgenommen wurde, war der Betrieb mitten im Gange. Johann Blattau, der Ururgroßvater des jetzigen Inhabers Walter Blattau, war damals Posthalter der königlich württembergischen Postkommission. 1865 wurde die Dienststelle mit einer Telegraphenstation erweitert. Originaltelegramme befinden sich heute im Post- und Fernmeldemuseum Stuttgart.

Vom Klosterwaschhaus zum Gasthof

Das Gebäude hatte bereits damals eine bewegte Geschichte, berichten Elke Blattau-Wöhr und ihr Bruder Walter Blattau. An der Stelle stand im 15. Jahrhundert eine Weinschenke. Im 17. Jahrhundert wurde sie abgebrochen. Das heutige Gasthofgebäude wurde 1701 errichtet. Es diente den Mönchen als Klosterwaschhaus. 1821 wurde an der Stelle das "Gasthaus Sonne" eröffnet.

Johann Blattau kaufte 1857 den Hof. Aber er wollte nicht nur Gastwirt sein, er bewarb sich auch als Posthalter. "Er hat sich durch die Post eine beständige Kundschaft erhofft", sagt Elke Blattau-Wöhr. 1859 gingen beide Bereiche in Betrieb. Mehrmals die Woche fuhr die Postkutsche zwischen Heilbronn und Ingelfingen. "Der Personentransport spielte ebenso eine wichtige Rolle", sagt die gelernte Hauswirtschafterin. Vier bis sechs Menschen konnten so bequem von Ort zu Ort reisen.

Johann Blattau und später sein Sohn Anton Blattau und dessen Frau Emilie, die auf dem Foto zu sehen sind, kümmerten sich unter anderem um die zwölf Postpferde. 1894 gab es schließlich noch keinen motorisierten Transport. Die ganze Strecke konnten die Tiere nicht auf einmal bewältigen. Ihre verdiente Ruhepause machten sie auf dem Hof. Obwohl 1901 die Jagsttalbahn ihren Betrieb aufgenommen hatte, fuhr die letzte Postkutsche noch im Jahr 1912.

Auch eine Gruppe von Gauklern machte in Schöntal Station

Der Gasthof zur Post war einst Hotel, Bauernhof und Kino in Einem

Die Familie Blattau führt den Gasthof mittlerweile in der fünften Generation.

"Der Gasthof zur Post ist damals eine beliebte Anlaufstelle gewesen", sagt Walter Blattau. So zogen auch Gaukler mit Kamelen und Affen im Gepäck durch den Ort. Bei Tänzen und anderen Veranstaltungen wie Faschingsfeiern trafen sich die Menschen aus Schöntal und Umgebung. "Es hat auch bei uns immer schon Übernachtungsgäste gegeben", sagt Blattau-Wöhr.

Neben dem Restaurantbetrieb machte die Landwirtschaft in der Nachkriegszeit einen großen Teil des Lebens der Familie Blattau aus. Auf dem 25 Hektar großen Gut lebten 100 Schweine, 20 Rinder und Hühner. Das Ackerland musste zudem bewirtschaftet werden. Bei einem Familienbetrieb packen natürlich viele Hände fleißig mit an. "Als Kinder haben wir in der Küche bei den einfachen Arbeiten mitgeholfen", sagt Walter Blattau.

Der Gasthof wuchs in den Jahrzehnten immer weiter

Der Gasthof zur Post war einst Hotel, Bauernhof und Kino in Einem

1936 kamen nach Schöntal ganz besondere Gäste. Gaukler mit Affen und Kamelen sorgten für gute Laune.

Er ist auch der erste gelernte Koch in der Familie. "Die Generationen davor haben sich alles selbst angeeignet", sagt der 53-jährige. "Mein Vater wollte auch eine Ausbildung machen. In der Nachkriegszeit war das jedoch finanziell nicht möglich. Alle Kräfte wurden im heimischen Betrieb gebraucht." Außerdem sei sein Vater jung verstorben. In den Jahrzehnten wuchs der Gasthof zur Post immer weiter. Zur Gaststätte kam eine Tankstelle dazu. In den 70-er Jahren verwandelte sich der Festsaal mehrmals die Woche in ein Kino. Die ersten Angestellten unterstützten fortan den Familienbetrieb.

Die Familie Blattau gab im Jahr 2000 die Landwirtschaft auf, um sich verstärkt auf den Gasthofbetrieb zu konzentrieren und verpachtete die Äcker. Dann standen Umbauten am Gasthofgebäude an: Der Pferdestall wurde zum Wellnessbereich umgebaut. Wo früher der Kuhstall war, befinden sich heute die 35 Fremdenzimmer. Eins hat sich nicht geändert: Damals wie heute kommen Gäste aus der Region und darüber hinaus in den "Gasthof zur Post".

 

Nadine Nowara

Nadine Nowara

Autorin

Nadine Nowara arbeitet seit Mai 2020 bei der Heilbronner Stimme. Sie kümmert sich bei der Hohenloher Zeitung unter anderem um die Gemeinden Krautheim und Schöntal.

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