Den Himmel neu entdeckt

Künzelsau  Rund 80 Bittgänger beteiligen sich mit ihren Smartphones in der Hand an Christi Himmelfahrt an einer besonderen Öschprozession in Amrichshausen.

Von Renate Väisänen
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Sonja Ohrnberger (r.) und Norbert Beez bereiten sich auf den Bittgang vor.

Strahlender Sonnenschein und feiertägliche Stimmung an Christi Himmelfahrt: Durch die geöffnete Tür der kleinen Barockkirche dringen Orgelklänge. Kein gemeinsam gesungenes Gemeindelied ist zu hören.

Die Auflagen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie haben auch die katholische Kirchengemeinde von Amrichshausen fest im Griff. Mit Mundschutz und Abstand verlassen die Besucher nach dem Gottesdienst die Kirche.

Dieses Jahr ist alles anders

Normalerweise würde jetzt für die Mehrheit des Kirchenvolks die traditionelle Prozession anlässlich des besonderen Feiertags beginnen. Doch heute ist alles etwas anders. Die Corona-Restriktionen haben die kleine Kirchengemeinde kreativ werden lassen. Mit dem Ergebnis, dass die 24. Auflage der Amrichshäuser Öschprozession von besonderer Art ist.

Mit einem Begleitheft ausgestattet, in dem Texte, Lieder und Gebete zu den einzelnen Stationen des Flurgangs enthalten sind, sollen die Gläubigen sich heute alleine - ganz ohne vorangetragene Fahnen und Kruzifix - auf den Weg machen.

"Großartig, dass die Menschen heute in ihrem ganz eigenen Rhythmus den Prozessionsweg, der mit so viel Liebe und Mühe vorbereitet wurde, gehen können", begeistert sich Pfarrer Adrian Warzecha für die Idee. Die Corona-Pandemie sei auch Thema des vorangegangenen Bittgottesdienstes gewesen, berichtet der Künzelsauer Geistliche, bevor er zur nächsten Predigt nach Künzelsau eilt.

Heft, Smartphone und Bastelmaterial

Währenddessen macht sich Prozessionsgängerin Sonja Ohrnberger mit ihrem Onkel Josef Wilhelm, ihren drei Buben Lukas, Elias und Julian sowie dem Wortgottesleiter Norbert Beez auf den Weg.

Unbekannt sind der Amrichshäuserin weder Texte noch Lieder im Heft. Schließlich hat sie das Begleitheft zusammen mit dem Künzelsauer Diakon Wolfgang Bork erarbeitet. Und als Mitarbeiterin der Sonntagsschule auch an die teilnehmenden Kinder gedacht: An jeder Station gibt es für die Kleinen Bastelmaterial, das daheim zu einem Mobile zusammengefügt werden kann.

Erste Station ist das Denkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege gleich neben der Kirche am angrenzenden Friedhof. Dank QR-Code im Begleitheft wird das erste Lied über das mitgeführte Smartphone heruntergeladen.

Lied klingt aus dem Telefon

Den Himmel neu entdeckt

Feiertägliche Familienidylle an der letzten Station der Prozession: Am Wegekreuz von Stifterin Rita Hügel lauschen Josef Wilhelm, Lukas und Elias dem Abschlusssegen.

Fotos: Renate Väisänen

"Weißt Du, wo der Himmel ist" erklingt das Titelgeber-Lied der heutigen Prozession mit der Gesangsstimme von Kirchenmusikerin Theresa Schäfer. Danach folgt die Kernbotschaft des besonderen Feiertags: "Schaut nicht hinauf. Der Herr ist bei uns. Versuchen wir es immer wieder, für- und miteinander den Himmel zu entdecken", erklingt es aus dem Handy.

Dann zeigt sich ein Stückchen wiedergewonnene Normalität unter dem strahlend blauen Himmel, als sich die kleine Prozessionsgruppe auf ihren Weg durch die Flur macht.

Beim traditionellen Frühschoppen im Biergarten sitzen heute erstmals die männlichen Kirchgänger im wiedereröffneten Gasthaus Hirsch. An weidenden Schafen vorbei geht es weiter zur nächsten Station, dem Bildstock auf der Hofstelle der Familie Burkert.

An Feldern mit Wintergerste und saftig grünen Streuobstwiesen entlang führt die rund anderthalb Kilometer lange Öschprozession die Bittgänger in die weite Flur zu zwei weiteren Stationen. Gemeinsam wird gesungen, im Wechsel übernehmen die Gläubigen den Vortrag der jeweiligen Texte und Gebete.

Schlusssegen am letzten Kreuz

Für Lukas, Elias und Julian heißt es hingegen Watte, Stern, Schlüssel und Mond aus glitzernder Folie oder Papier aus den bereitstehenden Körbchen zum Basteln mitzunehmen. Pünktlich zum Schlusssegen am letzten Wegkreuz erreicht ein weiterer Amrichshäuser, der dreijährige Noah, auf seinem Fahrrad die Gruppe. Im gebührlichen Abstand folgen ihm seine Eltern, Onkel und Tante.

 

Hintergrund: Öschprozession

Sogenannte Bitt-oder Öschprozessionen finden in der Woche statt, in der auch Christi Himmelfahrt gefeiert wird. Das Wort Ösch, gleichbedeutend mit dem altdeutschen Esch, bezeichnet den Teil eines Ortes, auf dem früher Feldfrüchte angebaut wurden. Bei der Prozession bitten die Gläubigen, die Kreuz und Fahnen vorantragen, beim Gang in die Flur um Gottes Segen für das gute Gedeihen der Ackerfrüchte.

 

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