Ingelfingen aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Ingelfingen  Das älteste Foto aus dem Ingelfinger Rathaus-Archiv zeigt die Stadt im Jahr 1900. Nach dem Ende als Residenzstadt 1805 hatte sich hier baulich lange Zeit kaum etwas verändert.

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Ingelfingen heute: Der Ort ist deutlich gewachsen, die Wohnbebauung hat sich in die Aue und über den Kocher verlagert. Hier hat sich auch Gewerbe angesiedelt.

Foto: Armin Rößler

Das Rathaus der Stadt Ingelfingen, 1705 bis 1712 errichtet, war einst als das Neue Schloss der Sitz der Grafen und später Fürsten zu Hohenlohe-Ingelfingen.

Schon allein deshalb beherbergt es jede Menge historischer Schätze. Das hat die Suche nach dem ältesten Foto im Archiv nicht einfach werden lassen. Gefunden wurde schließlich ein Bild aus dem Jahr 1900, das die Stadt mit ihrem historischen Ortskern zeigt. Der Fotograf ist unbekannt.

Aus dem Nachlass

Der frühere Bürgermeister Heinrich Ehrmann, von 1948 bis 1978 im Amt, "hat unheimlich viel über die Geschichte von Ingelfingen geforscht", berichtet Wolfgang Weßlein, als studierter Historiker und pensionierter Geschichtslehrer ebenfalls stark an der Vergangenheit der Stadt interessiert, in der er seit Ende der achtziger Jahre lebt. Ehrmann habe Teile seines Nachlasses der Stadt vermacht, darin finden sich auch viele alte Fotografien, unter anderem eben auch die fragliche Stadtansicht.

"Ingelfingen war einhundert Jahre lang Residenzstadt", hebt Weßlein hervor, "dieser Charakter kommt hier unheimlich dominant zum Ausdruck." Er verweist auf das "mächtige Schloss mit seinen Anbauten", zudem auf die Verbindung mit der schon um 1500 erbauten Nikolauskirche. Gut zu erkennen ist das eng bebaute Altstadtviertel. Die weitere Wohnbebauung ziehe sich vom Ortskern weg "wie ein Dreieck". Die ehemalige Stadtmauer mit ihren Türmen sei dagegen "nur noch rudimentär erkennbar", sie wurde laut Weßlein im 18. und 19. Jahrhundert abgebaut.

Eine Handwerkersiedlung

Aus dem Dornröschenschlaf erwacht

Blick auf Ingelfingen im Jahr 1900: Nach dem Ende als Residenzstadt 1805 hatte sich hier baulich gut hundert Jahre lang kaum etwas verändert.

Foto: privat

Rechts im Bild ist die Mariannenvorstadt zu sehen, deren Bau der damalige Fürst 1782 in die Wege geleitet hatte. "Das war als Handwerkersiedlung geplant", berichtet Weßlein von "ganz gezielten Anwerbungen von Handwerkern", ob aus den Nachbarorten oder von weiter weg. Noch heute sind hier viele Betriebe und Geschäfte angesiedelt.

Im vorderen Bereich des historischen Fotos sind die Kochermühle und die Kocherbrücke zu sehen, dahinter die äußere Kelter, die im Weinbau eine wichtige Rolle spielte. "Die Hänge wurden noch stark bis ganz nach oben als Weinberge genutzt", schildert Weßlein seinen Eindruck - auch heute wird in Ingelfingen noch vergleichsweise viel Wein angebaut, dennoch gibt es anders als früher auch einige Brachflächen inmitten der Weinberge.

Ein herber Schlag

"Der Verlust der Residenz war ein herber Schlag für die Stadtentwicklung", sagt der Historiker. Ab 1805 habe sich dann "hundert Jahre lang baulich im Grunde nichts getan". Weßleins Eindruck: "Der Fürst war weg, Ingelfingen ist wie in einen Dornröschenschlaf gefallen." Auch die Einwohnerzahlen seien in dieser Zeit zurückgegangen.

Das änderte sich laut Weßlein erst wieder mit dem Eisenbahnbau. "1924 wurde die Kochertalbahn hier reingeführt", das sei von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung der Stadt gewesen. So ist heute zum Beispiel der Bereich in der Aue dicht besiedelt, ab 1938 wurde hier mit dem Bau einer Arbeitersiedlung begonnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe dann die massive Zuweisung von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen "einen demografischen Schub für die Stadt" bedeutet. So manches änderte sich: War Ingelfingen zuvor zu hundert Prozent evangelisch, kamen nun auf einmal auch katholische Heimatvertriebene in die Stadt am Kocher.

Dass Ingelfingen "immer ein bisschen vom Verkehr abgehängt" gewesen sei, habe sich ab 1957 geändert, als die Kochertalstraße in ihre heutige Trasse verlegt wurde. Dafür wurde auch ein Teil des Schlossparks geopfert, der früher bis an den Kocher reichte.

Industrie- und Wirtschaftsstandort

"Als Industrie- und Wirtschaftsstandort hat sich Ingelfingen gemacht", sagt Weßlein mit Blick auf die Ausbreitung der Stadt auf die andere Kocherseite, wo sich unter anderem mit der Firma Bürkert ein bedeutender Arbeitgeber angesiedelt hat. Hier kam dann auch verstärkt Wohnbebauung hinzu. Weil der Platz im Tal begrenzt ist, findet heute die Weiterentwicklung vor allem in den Neubaugebieten hoch über der Stadt in Lipfersberg statt.

 

 

 

Armin Rössler

Armin Rößler

Armin Rößler, geboren in Heilbronn, aufgewachsen in Untereisesheim, schreibt nach über dreißig Jahren im badischen Exil seit 1. Juli 2020 für die Hohenloher Zeitung.

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