Was Kinder wirklich brauchen

Künzelsau  Künzelsau - Wenn ein Baby auf die Welt kommt ist es hilflos. Sich aus dieser völligen Unselbständigkeit in die Welt hinein zu entwickeln, ist mit Risiko verbunden," sagt Prof. Dr. Ralph Dawirs zu Beginn seines Gesprächsvortrags "Riskante Jahre".

Was Kinder wirklich brauchen

Ralph Dawirs

Foto: privat

Künzelsau - Wenn ein Baby auf die Welt kommt ist es hilflos. Sich aus dieser völligen Unselbständigkeit in die Welt hinein zu entwickeln, ist mit Risiko verbunden," sagt Prof. Dr. Ralph Dawirs zu Beginn seines Gesprächsvortrags "Riskante Jahre".

Auf Einladung von Kit - Familiäre Kindertagesbetreuung Hohenlohekreis ist der Neurobiologe und Forschungsleiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Erlangen zusammen mit Moderator Jochanan Shelliem in die Stadthalle Künzelsau gekommen.

Bindung

Das Wichtigste, was ein Baby in seiner ersten Lebenszeit für seine Entwicklung brauche, sei eine sichere Bindung zu vertrauten Bezugspersonen, die sich ganz auf den kleinen Menschen einstellen und einlassen können, sagt Dawirs. "Ideal ist die leibliche Mutter," ist er überzeugt. "Der Säugling kennt sie bereits an Stimme und Geruch." Das Mobile überm Babybett sei mehr fürs "Bodenpersonal" - wie er die Eltern nennt. Das Baby könne es nicht erkennen. Die Gesellschaft mit anderen Babys verursache eher Stress als positive Anregung. "Wir sehen das an den erhöhten Cortisolwerten im Blut". Zeit, Ruhe, Wärme, Berührung, Nahrung und Saubermachen seien jetzt am Wichtigsten.

"Versuchen Sie sich einzufühlen und auf die Bedürfnisse, die der Säugling äußert, direkt einzugehen, statt auf Zeitpläne und Disziplinierungsversuche zu setzen, rät Dawirs. Denn so entstehe das Urvertrauen ins Leben, auf das alles Weitere gründet. Nur Kinder mit einer Behinderung bräuchten gezielte Förderung. Auch bei Vernachlässigung müsse man natürlich eingreifen.

Stress

Vom Ziel ständiger Optimierung hält Dawirs nichts. Zu gut kennt er aus seiner Erfahrung mit psychisch kranken Kindern die negativen Auswirkungen von Leistungsstress und Siegerdenken. "Enttäuschung und Depression werden vorprogrammiert, wenn Liebe und Anerkennung an bestimmte Bedingungen geknüpft sind."

Ein Kind wolle von selbst etwas können. Zu lernen, nicht immer der Beste zu sein, sei eher angezeigt. In der Kindergartenzeit sollen Kinder spielen, möglichst frei, zusammen oder auch allein und nicht ständig unter Aufsicht. "Dieser Freiraum tut Kindern gut", sagt er.

Erst ab dem Grundschulalter sei das Langzeitgedächtnis entwickelt und Unterricht sinnvoll. Kritisch sieht Dawirs die institutionelle Kindertagesbetreuung. Das diene nicht dem Kind, sondern wirtschaftlichen Interessen und verändere langfristig die Gesellschaft negativ. 95 Prozent der jungen Eltern würden sich um ihren Nachwuchs in den ersten Lebensjahren am liebsten selbst kümmern, wenn das ginge, merkt der Referent an und hat ganz andere Lösungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor Augen.

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Relativ positiv beurteilt er die familiäre Kindertagespflege. "Wenn Eltern und Tagesmutter sich längerfristig, einvernehmlich und ohne Rivalität Betreuung und Liebe des Kindes teilen, kann das eine gute Lösung sein."

Dorothea Kübler, Vorsitzende von Kit, hatte in ihrer Begrüßung der etwa 60 Gäste auf die Arbeit des Vereins Kit hingewiesen. Karl Wunderlich, der Stellvertreter des Bürgermeisters, lud zur Besichtigung der Ausstellung "familiär gut betreut" zu den üblichen Öffnungszeiten ins Künzelsauer Rathaus ein. red

Kontakt

Cläre Esche, Sozialpädagogin bei Kit und Organisatorin des Abends, steht gerne für weitere Informationen zur Verfügung unter Telefon 07942 9462340.