Unterhaltsame Lesung mit syrischem Flüchtling Faisal Hamdo

Künzelsau  Zum Weltflüchtlingstag liest der Syrer Faisal Hamdo im Kulturhaus Würth in Künzelsau aus seinem Buch "Fern von Aleppo". Dabei verrät er, welche Vorurteile er über Deutsche hatte, und warum Nivea-Creme Hamburg mit Aleppo verbindet.

Von Tamara Ludwig

Unterhaltsame Lesung mit Faisal Hamdo

Faisal Hamdo liest nur wenige Passagen. Stattdessen spricht er frei mit dem Publikum, erzählt unterhaltsam und ungezwungen von den Tücken der deutschen Kultur und Sprache.

Foto: Tamara Ludwig

Im Altenheim hatte er ein Aha-Erlebnis: Als Faisal Hamdo sich als Praktikant mit einer Seniorin über den Zweiten Weltkrieg und ihre Flucht aus Schlesien unterhielt, dämmerte es ihm. Alle Kriege sind gleich grausam, alle Fluchtgeschichten ähneln sich.

Also änderte Hamdo seine Pläne. Nicht seine Flucht aus Syrien, aus Aleppo, will er niederschreiben. Von den Tücken der deutschen Kultur und den Begegnungen mit Menschen schreibt er schließlich in seinem Erstlingswerk "Fern von Aleppo - Wie ich als Syrer in Deutschland lebe", das er zum Weltflüchtlingstag am gestrigen Donnerstag im Kulturhaus Würth in Künzelsau vorstellte.

Schrecken des Krieges

Ganz ohne die Schrecken des Krieges in Aleppo erlebbar, die Gründe seiner Flucht deutlich zu machen, kommt Hamdo dabei nicht aus - zurecht. So schildert er, wie er einen kleinen Jungen im Krankenhaus versorgte, dessen Vater bei einem Bombenangriff ein Bein, die Mutter den Kopf verloren hatte.

Ruhig, konzentriert, die Fassung bewahrend liest Faisal Hamdo diese Textpassage vor. Sie kostet ihn Kraft, seine Hände zittern leicht. Den Zuhörern geht das Gehörte durch Mark und Bein, viele schütteln fassungslos den Kopf, manchen entfleucht ein entsetztes Keuchen. Den meisten wird die Szene wohl nach Hause folgen. Was macht das wohl erst mit einem, wenn man wahrhaftig dabei war?

Mühelos zwischen Ernst und Humor

Dass Faisal Hamdo trotz solch plakativer Grausamkeit einen unterhaltsamen Abend bietet, scheint schwer vorstellbar. Doch er schafft genau das. Mühelos changiert er zwischen Ernst und Humor, ohne dabei die Grenzen zu sehr zu verwischen. Charmant, hintersinnig und immer mit dem nötigen Respekt vor dem Erzählten fesselt er das Publikum.

Dabei liest er nur wenige Passagen, steht vielmehr auf dem kleinen Bühnenpodest und spricht frei - in hervorragendem Deutsch. Auch wenn er selbst tiefstapelt: "Ich wollte schnell Deutsch lernen, aber ich bin gescheitert. Ich lerne immer noch." Und er ergänzt: "Sprache ist der Schlüssel zu allem in diesem Land."

Nivea-Creme erinnert an die Mutter

Über Deutschland habe er vor seiner Flucht nur wenig gewusst, habe gar eine Hassliebe entwickelt. Mit verschmitztem Lächeln erzählt er, wie er seiner Mutter immer Nivea-Creme besorgen musste - das Original, darauf habe sie bestanden. Und wie er das als kleiner Junge nur widerwillig erledigt habe: "Ich hatte natürlich andere Sachen im Kopf."

Heute lebe er nicht nur im Herkunftsland der Nivea-Creme, er lebe in ihrer Herkunftsstadt, in Hamburg, und letztlich lebe er sogar nur zehn Minuten zu Fuß vom Nivea-Produktionsstandort entfernt. Ironie des Schicksals.

Fußball-Fan und Loriot-Entdecker

Hamdo erzählt, wie er als Fußball- und Bayern-München-Fan zu seinen Idolen Oliver Kahn und Michael Ballack aufgesehen habe. Und wie die - "die haben immer so ernst geguckt" - sein Bild von den Deutschen geprägt haben. Er erzählt, wie er durch Loriot gelernt habe, dass Deutsche auch Humor haben und wie befremdlich ihm die innige Beziehung der Deutschen zu ihren Haustieren gewesen sei.

Inzwischen versteht Faisal Hamdo sich als "Mittler zwischen den Welten", zwischen Deutschen und Migranten. "Denn es hilft weder unseren Gastgebern noch uns selbst, sich in Vorurteilen einzumauern."


Buch

Faisal Hamdo, "Fern von Aleppo - Wie ich als Syrer in Deutschland lebe", Edition Körber, 1. Auflage: März 2018, Taschenbuch, 254 Seiten, 17 Euro.

Zur Person

Faisal Hamdo ist 1989 in Aleppo, Syrien, geboren. Er arbeitete nach dem Studium der Physiotherapie mit behinderten Kindern sowie zwei Jahre ehrenamtlich in provisorischen Krankenhäusern seiner Heimatstadt. Während des Arabischen Frühlings nahm er an Demonstrationen gegen das Regime teil. 2014 flüchtete er nach Deutschland. Nach zahlreichen Sprachkursen und Berufsanpassungsqualifikationen arbeitete Hamdo zunächst in der Altenpflege und einer Physiotherapiepraxis. Im März 2016 wechselte er an das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und arbeitet seitdem auf der neurochirurgischen Intensivstation. 2018 veröffentlichte er sein erstes Buch "Fern von Aleppo".


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