Stimmung im Evangelischen Kirchenbezirk Künzelsau ist geladen

Künzelsau  Prälat Harald Stumpf informiert die Herbstsynode über seine Visitation des Evangelischen Kirchenbezirks in diesem Sommer. Einmal mehr zeigt sich: Der Kirchenbezirk ist zwar klein, aber speziell. Da gibt es Meinungsverschiedenheiten über den Umgang mit der Christengemeinde Arche.

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Stimmung im Evangelischen Kirchenbezirk Künzelsau ist geladen
Nicht immer einer Meinung, aber immer bereit für leidenschaftliche Diskussionen über die Gegenwart und Zukunft der Kirche: Dekan Friedemann Richert (links) und Prälat Harald Stumpf. Foto: Ralf Reichert

Die christliche Ökumene wird im Kirchenbezirk Künzelsau vorbildlich gelebt: zwischen den Konfessionen. "Ich würde mir wünschen, dass diese Ökumene auch innerevangelisch gefeiert wird", sagt Prälat Harald Stumpf. Und legt damit den Finger in die Wunde. Er nennt die Christengemeinde Arche in Künzelsau. Und fragt provokant: "Haben Sie einmal an ihrem Gottesdienst teilgenommen? Ich war dort." Es folgt eine lange Pause des Schweigens. "Denken Sie mal darüber nach."

Stumpf informiert die Herbstsynode des Evangelischen Kirchenbezirks Künzelsau über seine Visitation im Sommer. Alle Mitglieder spitzen gespannt die Ohren. Im Dezember wird er den schriftlichen Bericht an den Oberkirchenrat weiterleiten.

Dekan kontert Prälat

Als er mit seiner mündlichen Bilanz fertig ist, meint Friedemann Richert, Dekan des Kirchenbezirks Künzelsau, zunächst: "Ein großer Applaus dafür." Um im nächsten Atemzug auf Stumpfs herausfordernden Arche-Part zu kontern: "Ich habe den innerevangelischen Dialog mit ihnen kraft meines Amtes unterbunden, weil sie die Wiedertaufe praktizieren. Das ist nicht kompatibel mit unserem Bekenntnis."

Der Prälat sieht das ganz anders und erklärt: "Ich weiß nicht, ob es im Reich Gottes einen orthodoxen Himmel und einen freikirchlichen Himmel geben wird." Auch diese Christengemeinde und andere Freikirchen seien aus der Reformation hervorgegangen.


Nicht nur in diesem Punkt haben Stumpf und Richert Meinungsverschiedenheiten, sondern auch an "einigen anderen Stellen", wie im Abschlussgespräch deutlich geworden sei. Aber nicht nur dabei, sondern während der gesamten Visitation traf der Prälat auf eine "geladene Stimmung, wie ich sie so noch gar nicht erlebt habe". Stumpf: "Da ging es richtig ab, da wurde viel Frust abgeladen: über die Kirche, die Steuereinnahmen, die Subsidiarität."

Stimmung im Evangelischen Kirchenbezirk Künzelsau ist geladen
Die Synodalen des Evangelischen Kirchenbezirks Künzelsau trafen sich am Freitagabend zu ihrer Herbsttagung im Johannesgemeindehaus. Foto: Ralf Reichert

Harald Stumpf hat seinen eigenen Kopf

Ruth Braun, Kirchengemeinderätin in Künzelsau, kritisiert in der Bezirkssynode, dass der Prälat bei seiner Visitation ausführlich mit "Adel und Industriellen" gesprochen habe: "Jesus war ein Mann, der zu den kleineren Leuten gegangen ist. Bestimmte Schichten tauchen in diesem Bericht relativ wenig auf."

Und so wird am Freitagabend im Johannesgemeindehaus überdeutlich: Harald Stumpf hat seinen eigenen Kopf. Er wirbt für einen liberaleren Umgang der Evangelischen innerhalb und außerhalb ihres Sprengels.

Die letzte Visitationen waren 1998 und 2010

Die letzte offizielle Visitation im Kirchenbezirk war 1998. Unter Prälat Hans Kümmel. Im Jahr 2010 mussten Prälat Hans-Dieter Wille und Kirchenrat Walter Strohal in außerordentlicher Mission anrücken, um einen krassen Leitungskonflikt zu lösen. "Das war sehr zeitaufwendig und kräftezehrend", so Stumpf.

Am Ende verließ Dekanin Ursula Kannenberg den Kirchenbezirk und wurde im Herbst 2011 durch Friedemann Richert ersetzt. "Tiefe Verletzungen" galt es zu heilen und einen eklatanten "Vertrauensverlust" zu beseitigen, erklärt Stumpf. Dies sei Richert sehr gut gelungen, lobt der Prälat. Auch er weiß: Der Kirchenbezirk ist zwar klein, aber speziell.

Positive Aspekte überwiegen dennoch

Dennoch überwiegen drei Wochen vor der nächsten Kirchenwahl die positiven Aspekte. "Wir haben seit 2013 oft kontrovers diskutiert, auch und vor allem über den neuen Pfarrplan", sagt Klaus Ehrmann, Vorsitzender der Bezirkssynode. Der Umgang sei aber stets "fair und menschlich" gewesen. Dass man im Herbst 2017 die Streichung von 2,25 Pfarrstellen einstimmig beschlossen habe, sei "phänomenal" gewesen, erklärt Dekan Richert in seiner Rückschau. "Da gab es keinerlei Verwerfungen, das ist nicht selbstverständlich."

Was der Prälat dem Kirchenbezirk noch empfiehlt

Und was empfiehlt der Visitator Harald Stumpf dem Kirchenbezirk, außer ihren Frieden mit der Arche zu schließen? Die Kirchengemeinden sollen neue Formen des Gottesdienstes noch mutiger und kreativer angehen, ja sie zu regelrechten "Marken" machen. Sie sollen ihre Kirchen auch werktags öffnen. Und sie sollen über Kooperationen und Fusionen weiter nachdenken.


Immer weniger Mitglieder

Der Kirchenbezirk Künzelsau besteht aus 15 Kirchengemeinden zwischen Dörzbach und Künzelsau, Buchenbach und Schöntal. Die Bezirkssynode tagt zweimal jährlich und ist verantwortlich für die Zusammenarbeit und Weiterentwicklung der Kirchengemeinden. Sie beschließt den Haushaltsplan des Kirchenbezirks und ist zuständig für die Einrichtungen und Dienste dieses Verbunds. Außerdem berät sie wichtige kirchliche Themen. Jede Kirchengemeinde entsendet einen Vertreter, außerdem sind alle Pfarrer dabei.

Laut dem Haushaltsplan für 2020, der einstimmig beschlossen wurde, hat der Kirchenbezirk 14.300 Gemeindemitglieder: 191 weniger als zuletzt. Damit setzt sich der Abwärtstrend fort. 2015 waren es noch 15.400, im Jahr 2023 sollen es nur noch 13.730 sein. Die Landeskirche weist dem Kirchenbezirk im nächsten Jahr 1,97 Millionen Euro zu, die aus der Kirchensteuer stammen. Davon kommen 1,85 Millionen Euro bei den 15 Kirchengemeinden an: 46.890 Euro mehr als 2019. Künzelsau erhält mit 591.820 Euro am meisten.

 


Ralf Reichert

Ralf Reichert

Redaktionsleiter Hohenloher Zeitung

Ralf Reichert ist seit Oktober 2006 Redaktionsleiter der Hohenloher Zeitung. Die Region Hohenlohe ist seit jeher seine journalistische Heimat. Er kam vom Haller Tagblatt und stammt aus dem Taubertal. Bei der HZ kümmert er sich vor allem um die Kreisthemen. 

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