Menschen mit Behinderung musizieren voller Hingabe

Künzelsau  Das Musikfest von Menschen mit Behinderung beschert den Künzelsauern einen bunten Tag des Miteinanders. Dabei gibt Chorleiter Ulrich Dachtler ein unbekanntes Talent von Initiatorin Carmen Würth preis.

Von Barbara Griesinger
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Feier der Menschlichkeit

Keine Frage: Miteinander singen, tanzen und fröhlich feiern verbindet. Menschen mit Behinderung lassen sich da nicht zweimal bitten.

Fotos: Barbara Griesinger

Wir ha'm doch nicht die Mauer eingerissen, damit ihr jetzt schon wieder neue baut", heißt es in Udo Lindenbergs Lied "Komm", wir zieh'n in den Frieden". Und die Happytones von der Lebenshilfe Buchen singen und spielen den Song zusammen mit der Rhythmikgruppe Rondo voller Inbrunst - und auf der Festmeile vor dem Museum Würth in Gaisbach singen alle begeistert mit.

Mauern gebaut werden beim vierten Musikfest von Menschen mit Behinderung, zu dem die Würth-Stiftung eingeladen hat, ganz und gar nicht. Im Gegenteil, gleich zu Beginn des Festes sorgen die besonderen Musiker und Sänger aus Buchen für lebendiges Miteinander.

Geistige Mutter des Musikfests

Feier der Menschlichkeit

Für mitreißende afrikanische Rhythmen sorgen die Wazungu-Trommler.

Und genauso soll es auch sein, das betont Norbert Heckmann, Sprecher der Würth-Geschäftsleitung. Denn "im großen Orchester des Lebens spielt jede Stimme, jedes Instrument eine Rolle." Damit spricht er Carmen Würth, der geistigen Mutter des Musikfests von Menschen mit Behinderung, aus dem Herzen.

Nicht nur deren Begeisterung und Lebensfreude will sie unter die Menschen bringen. Das Fest soll auch Menschen, die im Alltag an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, in die Mitte holen. Denn "ihnen nahe sein, ihnen zuzuhören, ihre Talente und ihren Fleiß zu entdecken, dazu kann jeder etwas tun."

Flotter Stepptanz und afrikanische Rhythmen

In der Tat gibt es bei jedem Auftritt viele Talente zu entdecken. Die Rhythmikgruppe Rondo überrascht mit einem flotten Stepptanz. Die Trommelgruppe der Geschwister-Scholl-Schule bringt mit ganz schön komplizierten Rhythmen aus Ghana, Kenia oder dem Senegal Afrika-Feeling nach Hohenlohe.

Das geht direkt in die Beine, geht und passt gut zum sonnendurchfluteten Festareal vor dem Museum Würth. "Trommeln ist Arbeit im Gehirn und verlangt Konzentration, Disziplin und Teamgeist", betont Trommellehrer Harald Hanne. Und seine achtköpfige Truppe bleibt den Beweis nicht schuldig: Der Gleichklang ist perfekt, und keiner kommt aus dem Takt.

Feier der Menschlichkeit

Ein Rollstuhl ist kein Grund, auf ein Tänzchen zu verzichten.

Es ist ein buntes Musikfest mit vielen Facetten. The Braillers, die Band der Blindeninstitutsstiftung Würzburg, beeindruckt mit einem breiten Repertoire, das von Emerson Lake & Palmer bis zur jüdischen Volksweise reicht und zum Samba "Kuba-Sonne auf der Alm" hat die Gruppe sogar ein Albhorn mitgebracht.

Feier der Menschlichkeit

"Anders als du" singt der Anne-Sophie-Chor unter Leitung von Ulrich Dachtler zum Abschluss des Musikfests − und hat unverkennbar viel Spaß am Singen.

Für so manchen Festbesucher wird spätestens dann der Hof zur Tanzfläche, und dabei erweisen sich die Menschen mit Handicap als wesentlich spontaner.

Mit zarten Klängen, bei denen Veeh-Harfen mitschwingen, sorgt die Instrumentalgruppe Klangspiel der Caritas-Werkstätte Alois Eckert aus Gerlachsheim für nahezu meditative Atmosphäre am Festabend.

Zuvor zeigten die Klavierschüler der Krautheimer Andreas-Fröhlich-Schule ihr Können, der ungarische Violinvirtuose Jószef Lendvay riss, begleitet von einem seiner Musikerfreunde an der Gitarre, die Zuhörer zu Begeisterungsstürmen hin.

Und der vierfache Weltmeister im Gewichtheben Oliver Caruso, der sich in Mosbach im integrativen Sportverein Kraftwerk engagiert, gab Tipps für rücken- und gelenkstärkendes Langhantel-Training, von dem Menschen mit wie auch ohne Handicap gleichermaßen profitieren. Und wer will, kann die Hanteln gleich ausprobieren.

Klangvoller Schlussakt und ein unbekanntes Talent

Feier der Menschlichkeit

Für den klangvollen Schlussakt sorgt der Anne-Sophie-Chor. Carmen Würth mischt sich nicht nur ganz selbstverständlich unter die Sänger, Chorleiter Ulrich Dachtler outet sie auch als Liedtexterin und lädt die Festgäste zum Mitsingen ein.

Die nehmen ihn beim Wort und stimmen ein. "Aus dem Herzen Hand in Hand, Schritt und Schritt und mit Verstand geh"n wir den Weg zum Ziel. Herzenskraft erreicht so viel", schallt es da.

Einen schöneren Abschluss lässt sich für ein Musikfest des Miteinanders kaum denken.

 


Bereicherung

Kommentar: Bereicherung

Bei den Gaisbacher Musikfesten von Menschen mit Behinderung ist immer wieder aufs Neue beeindruckend, mit wie viel Begeisterung, Hingabe und vor allem mit wie viel Talent und Können diese besonderen Menschen musizieren, singen und tanzen.

Sie sind mit Leib und Seele bei der Sache, konzentriert und achtsam, ganz im Hier und Jetzt. Und für Rhythmus und Gleichklang scheinen sie obendrein eine ganz besondere Begabung zu haben.

Schön, dass das Musikfest, das die Stiftung Würth nun zum vierten Mal organisiert hat, ihnen die Möglichkeit gibt, zu zeigen, was sie können. Schade ist es indes, dass so viel Musikalität bislang nur alle zwei Jahre bei einem Fest zu erleben ist.

Erst recht schade ist, dass sich für das Fest kaum Menschen interessieren, die nicht in irgendeiner Weise mit behinderten Menschen zu tun haben. Denn sie sind unter den Gaisbacher Festbesuchern eindeutig in der Minderheit.

Traurig ist deshalb auch, dass Hohenloher Musik- und Sangesfreunde ohne Behinderung gar nicht wissen, welches Potenzial in Schulen und Einrichtungen für Menschen mit Handicap schlummert, das ihre eigenen Auftritte bereichern könnte.

Wie wäre es also, wenn künftig bei Musikfesten und Chorauftritten in Gemeinden etwa die Wazungu-Trommler der Geschwister-Scholl-Schule, der Chor der Lebenshilfe oder das Orchester der Caritas-Werkstatte zu einem Gastauftritt eingeladen würden?

Wer weiß, vielleicht könnten daraus Kooperationen oder Partnerschaften entstehen, die nicht nur helfen würden, die oft an Nachwuchsmangel leidenden Vereine zu beleben, sondern auch die viel zitierte Inklusion ein kleines Stück mehr mit Leben zu füllen.

 

 

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